von Roland Schäfli, 06.05.2026
Thurgauness: endlich amtlich geprüft

Der Thurgaukler: Swissness ist nicht nur Teil unserer Kultur. Sondern unserer Verpackung. Darum fragen wir: welches Erzeugnis darf eigentlich mit Fug und Recht das Thurgauer Wappen tragen? Thurgauness ist zu wichtig, um sie nicht zu regulieren. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Es ist ein Kreuz mit der Swissness. Nach welchen Kriterien sich ein Produkt mit dem begehrten Schweizer Kreuz schmücken darf, ist höchst umstritten. Die Schweiz hat streng geregelt, welche Produkte ihr Gütesiegel tragen dürfen – und welche nicht. Die Uni St. Gallen hat den Wertgewinn durch «Swiss Made» mit 40 Prozent berechnet!
Nun hat der Hersteller der On-Turnschuhe (die mit Federer drin) einen folgenschweren Entscheid erwirkt: Das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentum hat überraschend flexibel die Praxis gelockert. Neu müssen die Industriegüter lediglich in der Schweiz entworfen worden sein, um sich mit «Swiss Engineering» zu betiteln. Also: gedacht in der Schweiz, gemacht von anderen. Früher nannte man das «Outsourcing».
Wo gehört der Thurgauer Löwe drauf?
Vor dem Hintergrund dieses Siegs für die Globalisierung sehen wir uns im Thurgau zum Handeln gezwungen und würden im Zweifelsfall die Kriterien für die Vergabe des Titels «Made im Thurgau» selbst festlegen. Schliesslich würde auch ein TG-Label mehr Zahlungsbereitschaft beim Kunden generieren! Und beim Kauf ein mindestens so gutes Gewissen wie ein Greenwashing-Label vermitteln.
Ist die Thurgauer Genetik messbar?
Beim wichtigsten Thurgauer Obstprodukt stellt sich die Frage, wie weit der Apfel vom Stammbaum fällt. Denn ausgerechnet bei unserem Aushängeschild muss erst ein Gen-Test Klarheit schaffen, wer der Erzeuger war. Der «Gala», in der Apfelhochburg intensiv angebaut, der Stolz jedes Thurgauer Obsthändlers, hat nämlich Erbgut aus, jawohl, Neuseeland. Ein Ausländer, der sich perfekt assimiliert hat und jeden Einwanderungstest bestehen würde. Aber nicht unseren strengen «Made im Thurgau»-Test.
Die echten einheimischen Sorten tragen weniger klangvolle Namen. Wie der Heimenhofer Öpfel. So lokal, dass niemand mehr genau weiss, wie man Heimenhof auf der Thurgauer Karte findet.
Der Name verpflichtet - nicht
Und die Rebsorte, die den Thurgau sogar im Namen trägt? Achtung, Spoiler: Müller-Thurgau ist kein echter Thurgauer. Kommt wie viele Gastarbeiter in der Grenzregion aus Deutschland. Das wahrscheinlich thurgauischste Produkt ist gar keins. Eine Kreuzung war sein Ursprung – von Riesling und Madeleine Royale, auch diese Vaterschaft musste erst durch DNA-Analyse geklärt werden – aber dafür gibt’s von uns kein Thurgauness-Abzeichen.
Moschtbröckli – nur brockenweise Thurgauer
Ist denn wenigstens das Thurgauer Mostbröckli ein Anwärter für unser begehrtes Löwen-Label? Schliesslich ist die geräucherte Trockenfleisch-Spezialität ein echter Imageträger! Doch schon der Name ist nicht so streng geschützt wie Bündnerfleisch. Obwohl das Rindfleisch oft mit Apfelwein aus hiesigem Anbau mariniert wird, wird es importiert. Nun könnte man noch argumentieren, das Tier sei nach seinem Tod noch Thurgauer geworden, wie ja viele schon zum Sterben in die Ostschweiz kommen.
Herkunftsbeweis in der Brauerei
Mehr als eine Craft-Beer-Brauerei im Thurgau inszeniert sich als Inbegriff des Lokal-Patriotismus. Als könne das Trinkerlebnis in der Region verankert werden. Aber bis vor Ort gebraut wird, haben die Zutaten schon ein paar Reisekilometer hinter sich. Hopfen aus Deutschland, Malz aus Frankreich, Hefe aus dem Labor. Der Herkunftsbeweis bleibt uns beim Trinken im Halse stecken.
Marsch-Marsch!
Nicht einmal der Marsch, zu dem Thurgauer Männer im Gleichschritt vorwärtsschritten, ist ein waschechter Thurgauer: Der Vater der berühmten Erkennungsmelodie des Thurgauer Infanterieregiments war zugezogener Deutscher. Selbst für den Marschschritt gilt: Wenn Thurgau draufsteht, muss nicht unbedingt Thurgau drin sein.
Aus der Region, fürs Ausland
Stolz schwillt dem Thurgauer die Brust, wann immer Stadler Rail einen neuen Lieferauftrag nach Ungarn oder Texas verbuchen kann, und entrüstet platzt ihm der Stehkragen, wenn die SBB einem deutschen Mitbewerber den Auftrag vergibt! Doch ist der Zug, der aus Bussnang rollt, ein Hiesiger von der Stossstange bis zum Schlusslicht? Kaum. Vorgefertigte Industriekomponenten, Stahl und Alu kommen aus ganz Europa. Der Zug wird hier zusammengedacht und zusammengebaut. Für das «Swiss Engineering»-Label des Turnschuhs würde das reichen. Das Bekenntnis zum Thurgauer Standort ist eine Spielkarte im Steuerpoker. Beim Zug zählt nicht, wo die Rohstoffe herkommen, sondern wer weiss, wie man ihn rangiert.
Nachdem wir unsere Produkte geprüft haben – Apfel, Wein, Bier, Mostbröckli und Zug – kommen wir zum Schluss: Thurgauness ist keine messbare Substanz. Sie ist eine Frage des Glaubens.
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«Der Thurgaukler» ist eine satirische Kolumne über den Zustand unserer Gesellschaft – lokal verankert, aber allgemein verständlich. Die Kolumne ist eine humorvolle Bestandesaufnahme unserer Gegenwart: bissig, manchmal melancholisch, oft übertrieben, aber nie zufällig. Gelacht wird nicht über Menschen, sondern über Denkweisen, Ausreden und Zeitgeister.

Von Roland Schäfli
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