von Brigitta Hochuli, 16.08.2013
Kulturpreis 2013: Bühnenreif gefeiert

Der „Dreigroschenoper“ folgte auf dem Fuss die Übergabe des Thurgauer Kulturpreises 2013 an deren Regisseur und See-Burgtheater-Leiter Leopold Huber. Er sei eine nicht mehr wegzudenkende Institution, sagte Monika Knill, Regierungsrätin und Chefin des kantonalen Departements für Erziehung und Kultur, auf der Seebühne in Kreuzlingen.
Brigitta Hochuli
Eröffnung auf der leider nicht für ewig gebauten Kreuzlinger Seebühne mit der Moritat von Mackie Messer, gesungen von Alexander Peutz. Dazu passend die Begrüssung durch Regirungsrätin Monika Knill: Leopold Huber habe mit der diesjährigen Produktion nicht nur einen Konkurrenz- und Existenzkampf sogenannter Geschäftsleute gezeigt, sondern auch mögliche Parallelen zwischen Bürgertum und Unterwelt. Monika Knill lobte die Arbeit Hubers, die er seit 20 Jahren zusammen mit dessen Frau Astrid Keller für das See-Burgtheater leiste und hob das eigens für die „Schwarze Spinne angelegte Maisfeld im Innern des Seeburgparks hervor. Mittlerweile sei das See-Brugtheater zu „einer festen, nicht mehr wegzudenkenden Institution des Thurgauer Kulturlebens“ geworden.
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Die in Schaffhausen geborene, heute in Basel und Wien lebende Autorin Edith Gloor ist eine Weggefährtin von Astrid Keller und Leopold Huber. Unter anderem hat sie zusammen mit Huber die Revue „Sprungbrett der Macht“ geschrieben, die 2006 auf Schloss Arenenberg aufgeführt wurde. Wegen eines Knöchelbruchs verlas Gloors Tochter, die Filmemacherin Meret Früh, den Text.
In ihrer Laudatio zum Kulturpreis nennt Edith Gloor Leopold Huber „grenzenlos neugierig, manchmal parzivalesk, manchmal kantig bis knurrig, weil nicht korrumpierbar, stets mit Röntgenblick unterwegs, aber immer eine vornehme Seele durchschimmern lassend“. Dabei seien Hubers Produktionen nicht Ausgeburten intellektualisierter, verklemmter und verzagter Dramaturgien, sondern aus dem prallen Leben geschöpfte Tableaus. Brechts Stücke zum Beispiel, die in Inhalt und plakativem Sprachduktus nah bei ideologischen Werbeveranstaltungen angesiedelt seien, setze er mit den Mitteln eines hoch artifiziellen Strassentheaters zu optisch-akustischen, alle Sinne einheizenden Installationen um.
Eben dieser Brecht war ja gerade auf der Seebühne zu sehen, und so spielte die Dreigroschen-Band die Musik zur vornehmen Seele Leopold Huber. Die Feier war bühnenreif! Regie führten der Schauspieler Giuseppe Spina und - im Hintergrund - zum letzten Mal René Munz, der abtretende Kulturamtchef des Kantons.
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Der Kulturpreis ist mit 20'000 Franken dotiert.
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art-tv.ch: Leopold Huber | Thurgauer Kulturpreis 2013
Laudatio von Edith Gloor in voller Länge
Als Treffpunkt war die Eingangshalle des Zürcher Hauptbahnhofes vereinbart worden. Es ging um eine Regie-Assistenz meinerseits. Leopold Huber bemerkte am Telefon, dass er als Erkennungszeichen eine Aktenmappe aus braunem Leder bei sich tragen würde.
Das müsste eigentlich funktionieren, dachte ich, zumal ich wusste, dass er um die zwanzig Jahre jünger sein dürfte als ich. Von rechts und links und vorne und hinten steuerten, schlenderten und hetzten Menschen an mir vorbei. Ich wurde nicht sofort fündig. Nicht wegen zu vieler Aktenmappen. Nein, weil die von mir pünktlich und richtig erspähte, auffallend dicke Aktenmappe aus braunem Leder von einem Subjekt herumgetragen wurde, dessen Äusseres mich befremdete und zugleich faszinierte: Da war ein Geschöpf im hellbeigen Nadelstreifenanzug und mit blonden Haaren, die sich in schwer herunterfallenden Hildegard-Knef-Locken auf den breiten Schultern niedergelassen hatten. Der Gang war elastisch, die Bewegungen schnörkellos. Keine Tunte. Kein Mannweib. Also stimmt da etwas nicht, oder stimmt etwas bei mir nicht? Heute, 34 Jahre später, weiss ich, was mir Leopold Huber gleich zu Beginn unserer Freundschaft und Zusammenarbeit sagen wollte: „Achtung, ich bin ein Gaukler, zuverlässig zwar, auch verbindlich, aber im innersten Kern nie ganz zu fassen oder einzuordnen“.
Wenige Wochen später trug dann der Hauptdarsteller der „Ella“ im gleichnamigen Theaterstück von Herbert Achternbusch eben diese Perücke. Es war Hubers allererste Regiearbeit nach der abgeschlossenen Ausbildung in der Regieklasse der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Wien. Ja, und wie dann diese „Ella“ - Mann oder Frau? - über ihr kaputtes Leben räsoniert, sich verteidigt, um ein Häppchen Verständnis oder gar Zuwendung winselt und sich dabei immer wieder in eben diesen jetzt nicht mehr goldblonden, sondern von Vogelscheisse zerkleckerten Haaren kratzt, das ist in seiner ganz heruntergekommenen Façon (Ella haust in einem Hühnerstall) richtig grosses Theater. Nie wird es peinlich, nie denunziatorisch, nie zu rührselig, nie zu laut und nie zu leise und vor allem: nie voyeuristisch.
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Laudationes sind eigentlich in erster Linie dazu gedacht, Leistungen und Verdienste zu würdigen. Das wäre ein Leichtes bei Leopold Huber. Die Liste würde lang, wenn man denn versucht, lückenlos alle Prosatexte, Hörspiele, Gedichte, Filmdrehbücher, Theatertexte, und die Arbeiten als Opern- und Operetten-, als Film- und Theaterregisseur aufzuzählen. Mir ist aber nicht darnach. Wir alle, die wir aus der Region stammen, wissen darum, in welchem Masse er neben seinen Engagements in Deutschland und Österreich das Kulturleben rund um den Bodensee bereichert hat. Also richte ich mein Augenmerk auf seine Persönlichkeit, die ja erst und just diese Leistungen und Verdienste und ganz allgemein ein Kunstwerk hervorzubringen imstande ist. - - - Wie ist denn seine Wesensart beschaffen? Grenzenlos neugierig, manchmal parzivalesk, manchmal kantig bis knurrig, weil nicht korrumpierbar, stets mit Röntgenblick unterwegs, aber immer eine vornehme Seele durchschimmern lassend.
Das sind genau jene Voraussetzungen, die der Direktor eines Puppentheaters sein eigen nennen soll, wenn er denn uns Menschen ein Stück weiter bringen, wenn er uns einen Blick gewähren will auf jene uralten Gesetzmässigkeiten, die unsere Welt im innersten zusammenhalten. - - - Er teilt eben diese Welt nicht ein in „Gut und Böse“ oder „Täter und Opfer“. Mitgefühl mit jeder Kreatur ist eine Konstante in seiner künstlerischen Arbeit. Und manchmal frage ich mich, ob er vielleicht mit jener oben erwähnten Eigenschaft des „sich selber nicht bis aufs Allerletzte offenbaren“ gerade das ideale Instrumentarium besitzt, um das „Sowohl- als-auch“ seiner von ihm zum Leben erweckten Geschöpfe zwar nicht wertfrei, aber nie verurteilend zur Darstellung zu bringen.
Offensichtlich ist, dass seine Sympathie oft bei den Nöten derer ist, die auf der Verliererseite durchs Leben kraxeln. Aber dann kommt es eben, das dicke, lustige und so kluge Ende: Gauner, Halbstarke, echt Kriminelle und Halbehrliche, die Vierschrötigen, die Gierigen und die Geizigen, zusammengefasst: das so genannte „Prinzip des Bösen“, ja, das hat bei ihm, damit das Welten-Uhrwerk läuft, immer auch seine Anwaltschaft. - - - Obwohl ganz und gar der Gegenwart verpflichtet, ist es seine Sache nicht, gegen Ideologien, Sozietäten oder Systeme zu rebellieren, weil es billig wäre und weil er weiss, dass eben diese und insbesondere auch „die“ Gesellschaft, auf die man alles super toll abwälzen kann, aus nichts anderem geschaffen ist, als aus der Materie Mensch.
Also setzt er dort, beim einzelnen Individuum an. Manchmal kommt diese Personifizierung des von uns Verdrängten leicht und luftig und locker schwatzend und plappernd daher. Oft aber wählt er, der dem bloss Modischen abhold ist, symbolisch-sinngemäss das Stilmittel des Mysterienspiels mit seinem universellen Charakter, also die Bildsprache der mephistophelisch Bocksbeinigen, Krallenfingerigen, Fistelstimmigen, Gehörnten und schlau Scharwenzelnden. Solch lapidare, eben in Stein gehauene Ikonisierungen sind trefflich, weil sie den grotesk-unheimlichen Aspekt des Unbewussten, also jene dunkle Macht, die uns allen innewohnt, und die wir ja immer abzuspalten geneigt sind, herrlich vor der Nase herumtanzen lässt.
„Vor der Nase herumtanzen lassen“, das ist ein Stichwort. Im buchstäblichen und im psychologischen Sinn. Das kann Huber. Ganz konträr zum heutigen Kulturkanon in der Theaterbranche, zelebriert er nicht Zustände, bei denen man sich für teures Geld langweilt, weil man dazu verdonnert wird, langweiligen Kreaturen beim Aussitzen ihrer langweiligen Biografien zuzuschauen. Nein, Huber führt niemanden vor, belächelt kein noch so schwaches Individuum. Er erzählt Geschichten mit einem Anfang und einem Ende und einem transformatorischen Moment, wie es in allen Kulturen in Mythen, Märchen, Fabeln und Gleichnissen seit alters her tradiert und an jede nachkommende Generation weitergegeben wird. Ein arabisches Sprichwort sagt, „dass eine gute Erzählung Ohren sehend macht“; ich ergänze, dass „gutes Theater die Augen hörend macht“.
Um diese Aufmerksamkeit aller Sinne auf seine „Geschichte“ zu bannen, bemächtigt er sich, ich erinnere an das Date im Hauptbahnhof Zürich, der bis aufs Äusserste ausgereizten Symbolisierung, Typisierung und Verkleidung, um, wie in der Commedia dell‘arte, über die vorgeführte Maske die Wahrheit über uns Menschlein zu sagen. Und in diesem Zusammenhang erscheint die Tatsache, dass Leopold Huber wie ein passendes Präludium vor seiner Beschäftigung mit dem Theater Psychologie einerseits und Textiltechnik andererseits studierte, ja das macht ausgesprochen Sinn. Stoff/Gewebe, aus dem die Menschen sind, und Stoff /Gewebe, mit dem man Menschen „macht“, sind kardinale Mittel, mit denen man Theater herstellt, ob im Kinderspielzimmer oder eben auf der Bühne, die die Welt bedeutet.
Wie er dann diese Figurinen zirzensisch und temporeich durch ihre Abstürze und Erfolge oder umgekehrt choreografiert, wie er sie dann äusserst musikalisch und melodisch und mit sicherem Gespür für räumlich- geometrische und Zeit-Verhältnisse arrangiert, in qualmenden Dämpfen aus der Hölle oder in Duftwolken aus dem Weihrauchfass des Popen verschwinden lässt und wieder hervorlockt und, je nachdem, putzmunter oder verbissen, derb oder filigran aufeinandertreffen und immer wieder zwischen Vorhölle und Erhebung, Rost oder Gold herumirren lässt . . . das ist im wahrsten Sinne des Wortes „Welt-Zirkus“, artistisch und künstlerisch zugleich und eben unter vollständiger Abwesenheit von moralischer Doktrin oder Erziehungsabsicht. Lachen und Weinen sind immer dicht beieinander. - - - Man weiss es, mit Humor einen schwergewichtigen Inhalt rüberbringen, das ist Kunst.
Huber, privat eher trocken auftretend, beschenkt uns in seinen Arbeiten grosszügig mit diesem unterhaltsamen und kostbaren Gut: Humor. Denn er hat das dafür notwendige Gespür für Zeit. Nichts wird bei ihm gefühlsmässig in die eine oder andere Richtung zerdehnt oder ausgebadet. Er ortet in jeder noch so kleinsten Szene die Klimax, also den richtigen Augenblick für die emotionale Umkehr. So kann bei ihm ganz selbstverständlich und eh man sich‘s versieht, ein Gummistöpsel, mit dem die Bauernmagd Kathi im „Zerrissenen“ verstopfte WC-Schüsseln vom Fäkalienstau entbindet, zu einem Gralskelch mutieren. Das sind, auch wenn es inhaltlich zwingend erscheint natürlich auch immer noch so etwas wie „Notlösungen“. Aber auf welchem Niveau!
Auf höchstem Niveau „unterhalten“ ist ein Axiom in der Theorie des Theaters. Man schaue sich dieses Verb, das ich ein paar Zeilen weiter oben auch schon eingesetzt habe, genau an: „unter-halten“. Das hat gar nichts mit Oberflächlichkeit und Mainstream, aber in seinem Ursprung sehr viel mit „auf-richten“ zu tun. Jedenfalls geht man nach Vorstellungen, die Leopold Huber inszeniert hat, immer bereichert, ein klein wenig weiser nach Hause, weil er uns mit diesem ältesten aller Theatertricks, eben mit der „Unter-Haltung“, zwar tief hinabschauen lässt in die Abgründe unserer Seelen, aber in Ansätzen immer auch noch eine Gegenwelt entwirft.
Man merkt es sofort, seine Produktionen sind nicht Ausgeburten intellektualisierter, verklemmter und verzagter Dramaturgen - Huber braucht Letztere gar nicht - nein, das sind aus dem prallen Leben geschöpfte Tableaus. Mag sein, dass dieses Verzichten auf einen schulmeisterlichen Zeigefinger im Zusammenhang mit so etwas wie Schicksal oder dergleichen Erhabenem mehr eine typisch österreichische Qualität ist. Erinnern wir uns an Grillparzer, Horvath, Raimund oder Nestroy. Alles grossartige Theaterdichter, die ja Leopold Huber, wie wir wissen aus Arbeiten mit dem Ensemble des See-Burgtheater, besonders gut liegen.
Und wenn wir schon von Österreich reden. Es gibt neben Huber noch mindestens drei weitere berühmte Leopolde. Der eine ist der Kaiser Leopold II, Herrscher über das Heilige Römische Reich, Ungarn, Böhmen und Kroatien; der andere ist Leopold III, genannt der Milde und heilig gesprochen. Und dann ist da noch ein niedermährischer Theaterautor und Bankengründer in Personalunion mit dem exakt gleichen vollen Namen aus dem 19. Jahrhundert, der erfolgreiche Possen und dergleichen schrieb mit Titeln wie „Der Teufelssturm bei Linz“ oder „Das Sternenmädchen im Maidlingerwald“. Die Talente dieser Namens-Ahnen zusammengefasst sind bei unserem Leopold Huber auch anzutreffen. Das Milde und das Herrschende, das Aristokratische und das Bäuerliche, das Diabolische und das Feenhafte, man könnte sagen: Soziokulturelles in einer geglückten alchemistischen Mischung weitab von zeitgeistiger Coolness und schickem Zynismus. - - - Huber weiss aber sehr genau, welche Tonart bei welchem Stück oder Libretto zu spielen ist. Er ist kein Stil-Fachidiot. Er vergewaltigt keine Textvorlagen, um „seine ganz persönliche hubersche Ästhetik“ durchzusetzen. Weil er selber Autor ist, weiss er, wie wichtig es ist, sich in den Dienst des Textes zu stellen.
Brechts Stücke zum Beispiel, die in Inhalt und plakativem Sprachduktus nah bei ideologischen Werbeveranstaltungen angesiedelt sind, setzt er mit den Mitteln eines hoch artifiziellen Strassentheaters zu optisch-akustischen, alle Sinne einheizenden Installationen um. Ganz anders geht er zu Werke bei Stücken, bei denen sich das, was vermittelt werden soll, nicht im Gesprochenen, sondern im Nicht-Ausgesprochenen kundtut. Da gelingt ihm oft so etwas wie ein zwischen-den-Zeilen-Oszillieren, das dann in seiner Rätselhaftigkeit immer näher an das Wesen der Figuren und Situationen heran führt. Horvath-Inszenierungen oder auch „La Strada“, gespielt im Zirkuszelt mit Astrid Keller als Gelsomina, sind Musterstücke jener Machart, die entsteht, wenn mit Aspekten des Irrationalen und Transzendenten gewoben und gewirkt wird. Solche Termini sind Huber zwar suspekt. Und Begriffe wie Zauber, Magie oder Metaphysisches im Zusammenhang mit seiner Arbeit erscheinen ihm obsolet. - - - Aber er ist natürlich ein Zauberer und ein Magier! Auf der Bühne und im Kino. Mit dem Film MIRAKEL hat er ein Mirakel geschaffen. Der Streifen wird in Österreich heute noch als Kultfilm gehandelt. Und viele seiner Theater- Inszenierungen am Bodensee schienen dem Zuschauer einen Blick ins Wunderliche und Poetische zu gewähren. POESIE lässt sich aber nur herstellen durch handfeste Arbeit, mit Tun, Anpacken und Machen.
Tatsächlich ist er Lichtjahre entfernt von einem Phantasten. Er in erster Linie ein MACHER, einer, der immer gleichzeitig auf mehreren Baustellen hantiert. Wohl wissend, dass Träume einer konkreten Umsetzung bedürfen. Der in einer kinderreichen Familie in einem Mühlviertler-Nest mit sechs Häusern und sechs Miststöcken gross Gewordene und von den Umständen Erzogene, fuhrwerkt seit ich ihn kenne: er pflügt Erde, pflanzt Weinstöcke, pflückt Obst, schaufelt Schnee von fast einbrechenden Dächern, er kocht - und wie! - für seine Familie, trocknet Gewürze, arbeitet an seinen Manuskripten, zimmert an einem Tisch, bis er nicht mehr wackelt, hantiert mit Bohrer, Spaten und immer mit mehr als zwei Händen, und das immer genau so lange, bis die vorgenommene Arbeit getan ist.
Ähnlich akribisch geht er bei seiner Spurensuche im Zusammenhang mit neuen Projekten vor. Er durchforstet Internet, Bibliotheken, Antiquariate und Schauspielerkarteien, besucht Aufführungen in Weltstädten, aber auch im kleinstem Kaff ums Eck. Sorgfältig beobachtet er meteorologische Verhältnisse, Wasserläufe, Witterungen und Winde, studiert Thurborailjetfahrpläne, damit die „alte Dame“ Güllen besuchen kann; er beschäftigt sich mit Schifffahrt-Verbindungen und Zeppelinfahrtzeiten, durchschreitet u n h a s t i g wie ein Landvermesser oder Pilzsammler Acker-Landschaften, Wälder und Burgen - und das alles immer im Hinblick auf mögliche Spielorte und von der Natur geschenkte Kulissen, die sich dann auch inhaltlich in den Stücken niederschlagen. Und er wird, weil sein Blick ein unaufgeregter ist und weil er den Dingen und den Menschen und den Elementen Sorge trägt, immer fündig, als Autor und Regisseur.
Dieses Wechselspiel zwischen Natur und Mensch und Gegebenheiten der Realität ist ein Markenzeichen seiner Inszenierungen und spielt, ob ihm dieses grosse Wort gefällt oder nicht, oft eine schicksalhafte Rolle. Aber auch so etwas, was nicht in seiner Macht steht, nimmt er ruhig. Er ist unbestechlich, will nicht mal gefallen. Weder privat noch in seiner Arbeit. Er will nur eben die anstehenden Obliegenheiten ordentlich verrichten. So wird aus einem am Anfang stehenden Geistesblitz zuallererst mal eine Skizze, hingezeichnet nur mit ein paar schmissigen, aber den Kern der Sache treffenden Linien in eines seiner vielen grossformatigen Sudelhefte, und am Ende steht dann eine fixfertige Produktion mit einem Premierendatum, das in den letzten zwanzig Jahren noch nie verschoben worden ist.
Alles, was ich eben beschrieben habe, kann man auf einen schlichten, in der Theaterwelt längst verrutschten Nenner bringen. Er heisst „Ökonomie der Mittel“. Das kann man sowohl auf die Ästhetik als auch auf die Produktionkosten beziehen. Und da sind wir endlich beim Geld. Tiger Brown schwatzt davon, und im Zusammenhang mit einer Schallplattenaufnahme der „Dreigroschenoper“ in den 1920ger Jahren sprach Brecht selbst folgenden Kommentar auf den Tonträger: „Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heisst sie ,Die Dreigroschenoper‘“. Der Satz ist genial. Obwohl jedermann weiss, dass Brecht selber in den späteren Jahren weder Low-Budget-Produktionen auf die Bühne gestellt noch Low-Budget- Honorare akzeptiert hat.
Anders Leopold Huber. Er ist nach Brecht‘scher Definition ein „Dreigroschenintendant“. Ihm gelingt viel Theater-Zauber für wenig Geld. Er überzieht kein Budget. Hinterlässt keine offenen Rechnungen. Er macht einfach. Und da, wo kein Geld ist, wird mit um so mehr Fantasie improvisiert. - - - Wenn es Not tut, packt er zur Pressekonferenz die private Nespressomaschine ein und serviert den Journalisten parallel zu Interviews Kaffee und frische Gipfeli. Ich, die ich mit ihm als Co-Autorin zusammengearbeitet und ihn aus nächster Nähe beobachtet habe, will und kann vor diesem Forum hier mit bestem Gewissen Werbung für seine Sache machen. Geld ist dringend notwenig! Gerade in knappen Zeiten ist Kunst und Kultur Nahrung für die Seele und im Idealfall Frieden stiftend. Mit der „Dreigroschenallegorie“ will ich ausdrücken, dass diese wichtigen Kulturgelder und Sponsorengelder nirgends sinnvoller investiert und nirgends gewissenhafter verwaltet und verwertet werden als eben da: beim Huber und beim See-Burgtheater.
Natürlich geht auch mit „viel Fantasie“ ein Produktionsprozess nicht ohne Aufregung, Rückschläge, Spannungen und Missverständnisse über die Bühne. Man ist ja Theater. Und wenn dann sämtliche Text-, Gesangs- und Bühnenproben vorbei sind, wenn der Tonmeister, die Musiker und all die vielen Assistenten und guten Geister hinter und unter der Bühne einsatzbereit für die in zwei Minuten beginnende Generalprobe sind, wenn auch alle Schauspieler richtig kostümiert und geschminkt und bewegungstechnisch eingewärmt und die Stimmbänder eingesungen sind, das Geschirrgeklapper aus der Kantine endlich verstummt und jede Requisite von Huber nochmals eigenhändig abgecheckt worden ist . . . und just in diesen wenigen spannungsgeladenen Sekunden, ähnlich einer Heimsuchung, eine sensible Artistenseele nach mehr Scheinwerferlicht verlangt, dann beginnt es beim Direktor des Marionettentheaters zu brodeln.
Aber der Dampfkochtopf explodiert nicht. Man hört nie ein exaltiertes Brüllen. Da ist ja dieser Hut. Der Hut, der in seiner symbolischen Bedeutung und bei Huber alles, was auseinander streben und entgleisen will, zusammenhält. Im Winter ist er aus wasserfestem Filz. Im Sommer ist er aus feinstem Stroh geflochten, wahrscheinlich Marke Borsalino. Hubers Stroh-Hut ist so legendär wie jener von Fitzcarraldo, alias Klaus Kinski, der, um Material für ein im peruanischen Amazonasgebiet geplantes Opernhaus zu transportieren, ein grosses Schiff über einen Berg zu einem andern Flusslauf hissen will. Oder so legendär wie der Strohhut des Sämanns, der mit grossen, runden und ruhigen Bewegungen die Saat über die gepflügte Erde verstreut.
Weil Leopold Huber viel von sich verlangt, fordert er auch viel von seinen Mitarbeitern, seinen Musikern, Technikern, Schauspielern, Bühnenbildnern und Choreografen. Und doch, oder vielleicht deshalb, wollen alle immer wieder mitmachen. Es gibt Schauspieler und Statisten (letztere kommen immer aus der Region und reissen sich um Engagements), die ihm seit 20 Jahren treu sind und bereit sind, unter schwierigsten Bedingungen wie 50 Grad Celsius im Garderobecontainer oder bei Eiseskälte, unter Wasser und auf dem Hochseil, mit Pelerinen und Schirm oder im Bikini so lange zu proben, bis eine Szene stimmt. Manchmal erinnert mich Huber an Molière - der trug allerdings ein Samtbarett. Was die beiden Theatermacher indes gemeinsam haben, das ist diese bedingungslose Hingabe an ihre Berufung und ihren Auftrag, die Ensembles, für die sie sich verantwortlich fühlen wie Patresfamilias zu führen und zu umsorgen und den Theaterkarren mit der ganzen Bagage beharrlich über alle Hindernisse hinweg und gegen die Beharrungskräfte der Verhältnisse weiter zu ziehen und immer weiter zu ziehen. - - - Nur hat Huber mehr Glück mit den Frauen als der Franzose.
Was für eine wunderbare Fügung, als junger Student am Max Reinhardt Seminar der ebenda studierenden Astrid Keller begegnet zu sein. Und was für eine Fortune, sich da schon entschieden zu haben, sich lebenslang in sie zu verlieben. Astrid Keller ist für Leopold Huber im wahrsten Sinn des Wortes Lebensgefährtin, mit der Betonung auf Gefährtin. Sie ist Mutter seiner drei Kinder Silvan, Valentin und Maria, sie ist seine Muse, Mitarbeiterin, Mitstreiterin, Mit-ihm-Streiterin, Lieblingsschauspielerin, Korrektiv, Ermutigerin, Mitproduzentin und die eine der beiden besseren Hälften der Firma Huber-Keller mit dem ganzen Wust an Entscheidungen und administrativem Kram. Und jetzt wissen wir auch, woher Huber die Kraft nimmt, alles zu stemmen, was es in der speziellen Ausgestaltung seiner Profession zu stemmen gilt.
Diese seine Profession habe er gewählt, weil er irgendwann mal ein Stehplatz-Ticket für eine Vorstellung im Burgtheater geschenkt erhalten habe. Das war wie eine Offenbarung. Denn bei diesem allerersten Kontakt mit dieser ganz anderen, ihm bisher unbekannten Welt, sprang der Funke, der seinen Furor bis heute am Lodern hält, zu ihm über. Dass es dann nicht die Schauspielerei, sondern das Schriftstellern und Inszenieren wurde, habe, so sagt die Legende, damit zu tun, dass er sich als Student der Schauspielklasse weigerte, seinen Mühlviertler-Dialekt loszulassen, bloss um professionelles Bühnendeutsch zu lernen.
Wir alle sind froh, dass es so gekommen ist. Das ist in gewisser Weise auch herauszulesen aus dem Protokoll Nr. 427 der Sitzung des Regierungsrates des Kantons Thurgau vom 11. Juni 2013 den Nominierungsvorschlag für den Thurgauer Kulturpreis betreffend. Da steht auf der zweitobersten Zeile vor den Begriffen „Anerkennung“ und „ausserordentlichen Leistungen“ ein schlichtes Wort mit fünf Buchstaben, das man nicht so schnell in Verbindung mit Amtsdeutsch bringt. Ich übernehme es und sage:
DANKE, Leopold

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