von Brigitta Hochuli, 12.01.2011
„Kultur ist Sache der Kultur“

Brigitta Hochuli
So lautet die These der SVP Schweiz. Zur Ergänzung hier ein paar SUBJEKTIV ausgewählte Präzisierungen aus dem Parteiprogramm, nachzulesen unter anderem über einen Link auf der Internetplattform Kunst + Politik:
- “Öffentliche Unterstützung der einen Projekte heisst zugleich immer Diskriminierung aller nicht geförderten Projekte. Privates Mäzenatentum oder Sponsoring sind besser geeignet, vielfältige Entwicklungen zu ermöglichen.”
- “Viele Kulturschaffende – unbelastet von der notwendigen Sachkenntnis – lassen sich von linken Parteien für entsprechende politische Kampagnen, Parolen und Wahlkomitees einspannen. Damit kommt es zu Mauscheleien und korruptionsähnlichen Zuständen: Der linke Politkuchen unterstützt den linken Kulturkuchen – und umgekehrt.”
- “Kommerziellen Erfolg soll jene Kultur haben, die dem Publikum gefällt. Wer Kitsch oder seichte Unterhaltung geniessen will, soll dies ebenso können, wie jene, die Performances jenseits des ‘guten Geschmacks’ lieben. Nur sollten beide Richtungen nicht durch die Öffentlichkeit finanziert werden.”
Künstler wie Pipilotti Rist werden von der SVP Schweiz als „verhätschelte Staatskünstler“ bezeichnet. Künstler – auch einige Thurgauerinnen und Thurgauer! – haben deshalb einen Protestbrief verfasst. Bis jetzt noch ohne Echo. Dabei könnte es sich lohnen, ein Kunstparteiprogramm zu formulieren, finden Sie nicht, liebe lesende Kulturfreundinnen und Kulturfreunde? Auf Ihre Vorschläge für die einzelnen Paragraphen bin ich jedenfalls gespannt.
***
Kommentare
Christian Schroff | 13.01.2011, 18.10 Uhr
Zum Kulturschaffen gehören auch die Musikschulen, der Musikunterricht an der pädagogischen Mittel- und Hochschule, das Zurverfügungstellen von Räumlichkeiten zur künstlerischen Entfaltung (Theater, Museumsbetrieb etc.) und die Unterstützung von Kulturbetrieben.
Es ist mir fremd, das eine gegen das andere ausspielen will, aber ich stelle nun gleichwohl die Frage: Warum verlangt die SVP bloss die Kürzung von Beiträgen an die Kultur und nicht auch an den Sport, wie z.B. die Nationale Elitesportschule in Kreuzlingen oder die Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen, die Aufhebung von Sportplätzen und Turnhallen von öffentlichen Schulen, die diversen finanziellen Mittel an Sportverbände oder die Beiträge zu Sportereignissen etc. Das nächste wäre, die Forschung und die Hochschulen zu privatisieren, die Bergbevölkerung umzusiedeln, die Beitragszahlungen an die Bauern zu kürzen (ja im Ernst: Landschaftspflege ist auch Kultur, und warum sollen Schweizer Bauern Mittel bekommen, auf die ein Bauer ennet der Grenze verzichten muss).
Kultur fördert den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft, indem sie identitätsstiftend wirkt. Für Kindern ist sie ein Mittel, sich in ihrer Persönlichkeit zu entwickeln und erste Gehversuche in der Öffentlichkeit zu machen. Kunst wirkt horizonterweiternd und – gerade Pipilotti Rist zeigt’s – sie sprengt traditionelle Normen. Vielleicht stören sich SVP-Parteigänger genau daran.
Georg Cornelius Freundorfner | 14.01.2011, 19.55 Uhr
Heute, am 12. 01.2011 erschien ein Artikel in einer Süddeutschen Zeitung: “Fußballverein XY kostet X eine Viertelmilliarde”
“Bundesligist trotz der Gelder des Mäzen in den roten Zahlen…usw”.
Ich will keine Neiddebatte führen (heute gängiges Argumente der Politiker). Aber dieser Geldsegen ist eine Steuerung der Richtung Sponsorzuwendungen. Es gibt tausende von Beispielen dieser Art, es ist sogar regelrecht Mode geworden sich nur noch dem Erfolg von Massenveranstaltungen hinzugeben, nur noch diese “anzuschauen” da man glaubt, nur noch hier Zielgruppen für Werbung zu bekommen.
Stellen Sie sich vor, Herr X hätte mit 70 Millionen Schloss Salem gerettet. Valerie Markgräfin von Baden stammt direkt von Sissi ab. Seine Firma Y wäre weltberühmt geworden (“X rettet Schloss Salem”), es wäre stark gewesen so ein Kulturgut zu erhalten. Der Fußballverein hätte immer noch die Hälfte bekommen. Diese Stärke und Kraft hat nun das Land Baden Württemberg übernommen, welches die Gebäude angekauft hat und nun renoviert und somit die Kulturgüter schützt. In Salem selbst fördert das Schloss (D.h. nun das Land) die Gemeinde und die vielen Familienbetriebe gemeinsam die Kultur und somit Erlebnisse. Natürlich will ich, wie es in einer Demokratie der Fall ist, dem Einzelnen die Entscheidung überlassen, was er gerne fördert. Hinter dieser Freiheit stehe ich uneingeschränkt. Ein Gleichgewicht in den Förderprozessen bleibt aber mein Wunsch. “Hamlet” von Shakespeare hat doch einen Inhalt der uns den Unterschied zwischen Kultur und Unkultur aufzeigt. “Kultur ist teuer, aber Unkultur kostet richtig Geld.”
Als ich vor kurzem das Theater an der Grenze in Kreuzlingen wieder gesehen habe, wurde mir bewusst. Super, genau so wie vor 30 Jahren, klein Überschaubar, gemütlich. Die Wände erzählen Geschichten, man fühlt Athmosphäre. Liebe Sponsoren, ist es nicht doch wertvoll solche kulturelle Kleinode durch private und öffentliche Förderer auch finanziell zu schützen?
Rainer Bolliger | 17.01.2011, 14.23 Uhr
Was kommt nun? Wird eine Initiative gegen Kulturgeldermissbrauch lanciert. Dürfen wir uns bald über Plakate freuen auf denen wackere Jodler gegen abstrakte Kunstwerke treten?
Dass “unsere Volkskultur kaum staatlich gefördert wird” entbehrt jeglicher Wahrheit. Es liesse sich eine lange Liste erstellen, wie Gemeinden, Kantone und Bund diese “Volkskultur” fördern.
Kunst und Kultur sind keine messbaren Grössen und lassen sich nicht per Definition in gut und schlecht einteilen. Zur kulturellen Vielfalt gehören Tradition und Moderne. Die Schweiz ist die Wiege des Dadaismus und die Heimat von Segantini, Hodler, Giacometti, Tinguely, Klee… . Ich möchte nicht in einem kulturelles Freilichtmuseum Schweiz leben, sondern in einem Land, in dem sich die verschiedensten Strömungen entwickeln können, aufeinander zugehen und damit Neues entstehen lassen.
Brigitta Hochuli | 29.01.2011, 11.17 Uhr
Einwurf von Seiten der FDP. Kurt Fluri, Stadtpräsident von Solothurn, sagt: „Die Kultur ist nicht einfach ein Mittel zur Verbesserung der Standortgunst oder der wirtschaftlichen Erträge. Sie ist überhaupt kein Mittel zum Zweck, sie ist Zweck selbst.“
Kultur sei eben nicht Sache der Kultur, wie die zurzeit grösste Partei des Landes behaupte und damit gleichzeitig bezeuge, „dass sie keine Kulturpolitik hat“. Kultur sei eine öffentliche Aufgabe. (Quelle: journal.21.ch)
Alex Meszmer | 02.02.2011, 22.40 Uhr
Schön, dass von Seiten der FDP dort Unterstützung für die Kulturschaffenden signalisiert wird, denn Unterstützung braucht die Kultur! Privatwirtschaftliche Modelle können im Kultursektor nicht wirklich funktionieren – vielleicht für kleinere Teilbereiche – letztendlich garantiert die staatliche Förderung eine einigermassen gerechte Verteilung von Zuwendungen und eine Offenheit dem Kulturbegriff gegenüber, der eine so genannt zu werden auch verdient.
Leider zeugen die Namensnennungen und die Art und Weise, wie über Kultur in diesem Parteiprogramm bestimmt wird eher von Ignoranz, denn von einer kulturellen Bildung und die Beispiele sind offenkundig auf Schlagzeilen reduzierbar:
Die Auseinandersetzung um die Förderung des FIlmes Pepperminta von Pipilotti Rist im Kantonsrat SG, welche von einer Koalition von SVP und den Grünen (!) abgelehnt wurde, mit dem Hinweis: international anerkannte Künstlerinnen braucht man nicht zu fördern (gleichfalls aber 20’000 SFr vom gleichen Kantonsrat für einen Dokumentationsfilm über Pipilotti Rist bewilligt wurden, mit dem Zusatz: Dann wüsste man beim nächsten Mal auch wer das ist…).
Dann die Empörung vor allem der rechten Parteien in Oesterreich, die dann über die Grenze schwappte, über die Installation von Christoph Büchels Ausstellung in der Wiener Sezession (einem durchaus sehr renommierten Ausstellungsort und nicht wie gleichenfalls behauptet in einem Sexclub), einhergehend mit der Verurteilung des Filmprojekts von Mike Eschenmann.
Was die reine Privatisierung der Kulturförderung anrichten wird, kann man in Grossbritannien beobachten, wo durch die massiven Kürzungen der Kulturbereich so zusammengekürzt wird, dass das Aushängeschild der britischen Tourismuswerbung “ART&CULTURE” zerstört wird.
Die Finanzkrise 2008 führte in den USA zu einem Zusammenbruch bzw Beinahe-Zusammenbruch von Kulturinstitutionen, weil die Sponsoren kurzfristig ausfielen. Nicht nur kleine Independent Galerien und off-spaces hatten finanzielle Probleme – auch grosse Museen und Konzerthäuser standen kurz vor dem aus.
In Italien lässt sich anhand der (Nicht-)Kulturpolitik analysieren, zu welchen Missständen eine solche Politik führen wird: Bildungseinrichtungen und Opernhäuser müssen schliessen, Museen sind der Willkür einzelner Direktoren unterworfen, archäologische Stätten verkommen und verfallen und italienische Künstler kommen in der zeitgenössischen Kunst ausserhalb Italiens so gut wie nicht vor – dafür blüht neofaschistischer Kitsch in den privaten Fernsehanstalten…
Unter diesen Gesichtspunkten bekommt die Förderung von Volkskultur dann einen Beigeschmack, der in der Historie des letzten Jahrhunderts gründlich studiert werden kann:
Die Anfänge, die Entwicklungen, die Auswirkungen.
Abgesehen davon hat die Pro Helvetia in den Jahren 2006 und 07 ein grosses Programm zur Volkskultur durchgeführt – und eine grosse gemeinsame Veranstaltung von Kulturschaffenden aus “professioneller” E (?) – Kultur und “amateur” U (?)-Kultur organisiert. Das Ergebnis von Seiten der Volkskultur war: Wir brauchen keine zusätzliche Förderung.

Weitere Beiträge von Brigitta Hochuli
- Kultur für Familien: Was im Thurgau noch fehlt (06.09.2018)
- Rätsel gelöst: So alt ist der Kunstraum Kreuzlingen (29.06.2018)
- Musikschule Kreuzlingen sucht Verbündete (14.06.2018)
- Kult-X in WM-Stimmung: Das etwas andere Public Viewing (29.05.2018)
- Unterm Sternenhimmel (13.05.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Wissen
- Kolumne
Kommt vor in diesen Interessen
- Blog
- Debatte
Ähnliche Beiträge
Was bleibt vom Menschen in Zeiten der KI?
Machen Chatbots dumm? Entzaubert Künstliche Intelligenz die Kunst? Demokratisiert KI Kreativität? Die Thurgauer Kulturkonferenz stellte wichtige Fragen. Nicht alle wurden beantwortet. mehr
Kultur als Brücke der Integration
Die ukrainischen Geflüchteten hatten sich im Thurgau nicht nur an eine neue Sprache zu gewöhnen, sondern an eine andere Gesellschaftskultur. Ukrainerinnen erzählen, wie sie Unterschiede durch Kulturanlässe überbrücken. mehr
Gegenoffensive im Kult-X
Die 5. Thurgauer Kulturkonferenz ist ein Gipfeltreffen in unserer Auseinandersetzung mit KI. Wird es zum Waffenstillstand zwischen Künstlicher Intelligenz und Kulturschaffenden kommen? Meine KI sagt: Nein. mehr

