von Brigitta Hochuli, 07.02.2014
Judit Villiger in China

Noch bis 10. Februar verwendet die Thurgauer Künstlerin Judit Villiger den Thurgauer Förderbeitrag 2011 für Recherchen in China. Dort besuchte sie in der Porzellanstadt Jingdezhen einen Workshop und wurde sogar im Fernsehen portraitiert. Im Interview erzält die Kuratorin und Erfinderin des Rhizomorphen Museums von attischen Scherben, russischen Fälschern und von China als Inbegriff für die Massenkopie
Interview: Brigitta Hochuli
Frau Villiger, 2011 erhielten Sie den mit 25'000 Franken dotierten Förderbeitrag des Kantons Thurgau und gaben damals an, das Geld für Recherchen in Berlin zu Ihrem „Rhizomorphen Museum“ zu verwenden. Jetzt also ein Aufenthalt in China zum gleichen Thema. Wie verhält sich das genau mit Berlin und China?
Judit Villiger: Stimmt. Ich hatte ursprünglich im Sinn, mit dem Werkbeitrag unter anderem drei Monate nach Berlin zu reisen, um fürs Rhizomorphe Museum zu recherchieren.
Es ist also nichts aus Berlin geworden?
Judit Villiger: Ja und nein. Ich habe im Oktober 2011 versucht, auf der Museumsinsel dem sogenannten «Berliner Maler» auf die Spur zu kommen. Ich verbrachte in Berlin insgesamt einen Monat, hatte Kontakt mit den dortigen attischen Vasenspezialisten, doch kam mit meinen Scherben, die ich er-finden wollte, nicht wirklich weiter. Eine andere Fährte, die ich in Berlin verfolgten wollte, waren die russischen Brüder, Fälscher von Beruf. Doch diese waren mir gegenüber misstrauisch.

Bevor wir zu China kommen, was ist eigentlich unter "rhizomorph" mit Blick auf Ihre Kunst zu verstehen? Und was muss man sich unter dem Rhizomorphen Museum vorstellen?
Judit Villiger: Das Rhizomorphe Museum ist meine Erfindung und ich bin dessen Kuratorin. Es ist weniger ein physischer Ort als ein gedanklicher. Es war zu Beginn - bei der Eingabe - eine Idee oder ein Konzept, und entwickelte sich über Zeit zu einer Geschichte mit verschiedenen Strängen, die etwas über den Umgang mit Geschichte, Erinnerung und deren Konservierung auszusagen versucht. Das Museum entsteht entlang von Narrationen, diese sind angereichert mit Exponaten, die sie materialisieren.
Dazu gibt es ja auch ein Buch.
Judit Villiger. Ja, die Publikation «erfunden und erlogen – made and made up» erschien diesen Herbst im Benteli Verlag und erfasst meine Arbeit mit dem „Rhizomorphe Museum“ auf dem gegenwärtigen Stand.
Kommt zum Beispiel Ihre Arbeit für die „werkschau tg 2013“ in dieses Museum?
Judit Villiger: Ein Strang mit seinen Exponaten war anlässlich der Werkschau vom Oktober bis Dezember im Kunstmuseum Thurgau zu sehen. Durch eine Notgrabung in meinem Atelier kam in Steckborn ein Römischer Kachelofen ans Tageslicht. Dies gab ein ziemliches Rätsel auf, denn bis anhin war nur bekannt, dass die Römer den Hypokaust, nicht aber den Kachelofen erfunden hatten. Wie sich jene Geschichte weiterentwickeln wird, muss noch erfunden werden.
In einem Film des chinesischen Fernsehens werden Sie in der Werkstatt der Porzellanstadt Jingdezhen gezeigt, und zwar mit einem steinklumpenartigen Porzellangebilde. Was hat es damit auf sich?
Judit Villiger: Im September 2013 präsentierte ich in einer Ausstellung zum Thema Zufall in den Kunsträumen oxyd Winterthur meine Meteoritensammlung. Diese stellt eine andere Abteilung des Rhizomorphen Museums dar, und besteht aus verschiedensten, in mein Atelier eingeschlagenen Steinklumpen - Meteoriten - aus PU-Schaum.
Nun liegt die chinesische Porzellanhauptstadt ja auch nicht gerade auf dem Weg - wie kamen Sie darauf?
Judit Villiger: Die chinesische Kunst nimmt Natur vielfach zum Vorbild, um diese zu imitieren. Mir ist von verschiedensten Werken her bekannt, dass die Chinesen hervorragende Fälscher sind. Da erzählte mir ein Bekannter von Jingdezhen, der Hauptstadt des Porzellans. Ich konnte erst nicht glauben, dass diese Stadt noch existiert und dass dort heute Porzellan hergestellt wird. Ahnte aber gleich, dass, wenn dies der Fall wäre, dies der nächste Schritt, das noch fehlende Fragment fürs Rhizomorphe Museum wäre.
Noch ein Wort speziell zur chinesischen Porzellankunst!
Judit Villiger: Porzellan steht für eine Hochkultur und in Jingdezhen wurde bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zwei Drittel des weltweiten Porzellanbedarfs hergestellt. Heute ist China auch Inbegriff für Massenkopie. Mich interessiert - und ich werde es weiter verfolgen - wie sich China’s China, also Chinas Porzellan, in Sachen Qualitätsprodukte auf dem internationalen Markt weiter entwickelt. Tatsächlich funktioniert in Jingdezhen, einer 1-Millionen-Stadt, noch vieles traditionell und manuell. Denn hier sind alle versammelt, die sich mit Keramik beschäftigen. Man stolpert hier auf Schritt und Tritt über Porzellan jeder Gattung und die Brennöfen feuern ununterbrochen.
***
Jingdezhen’s Pottery Workshop
Zuerst hatte Judit Villiger geplant, ihre Meteoriten von der Schweiz aus in der chinesischen Porzellanstadt Jingdezhen herstellen zu lassen. Bei der Abklärung der Ausführung habe sie dann herausgefunden, dass die Möglichkeit bestehen würde, selber den Prozess in die Hand zu nehmen. Ausserdem bestätigte ihr der Direktor des Rietberg Museums Albert Lutz, dass in Jingdezhen antike Porzellangefässe so täuschend echt nachgebildet würden, dass es schwierig sei festzustellen, ob diese Repliken oder antik wären. „Ich war restlos überzeugt, dass ich das selber sehen musste!“, sagt Judit Villiger. Und so entstand der Plan, die Recherchen und Umsetzungen fürs „Rhizomorphe Museum“ in China weiterzuverfolgen.
Judit Villiger flog am 30.12.2013 für vier Wochen nach Jingdezhen. Hier lebte sie zusammen mit andern Künstlern. „Wir hatten ein gemeinsames Grossraum-Atelier, und das wichtigste, jederzeit kompetente ÜbersetzerInnen, die mich begleiteten, damit ich mir die Fähigkeiten und Dienstleistungen der Porzellanstadt für meine Arbeit aneignen und holen konnte. Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Doch was die Zeit für eine Produktion in Porzellan betrifft, wusste ich, dass diese knapp bemessen sein würde (wegen des Chinesischen Neujahrs wurde der Betrieb kurz vor dem 31.1. eingestellt). Doch ich war bestimmt nicht das letzte Mal in Jingdezhen!“ (ho)
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Judit Villiger
Judit Villiger auf art-tv.ch
„Erfunden und erlogen“ bei Benteli
Judit Villiger im chinesischen Fernsehen
Jingdezhen

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