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von Brigitta Hochuli, 28.09.2013

Jamsession der Lyriker

Jamsession der Lyriker
Nora Gomringer, Michael Lentz, Vincent Barras, Raphael Urweider, Michael Stauffer und Christian Uetz (v.l. oben nach re unten). | © Brigitta Hochuli

Ein Augenschein, ein unangestrengtes Hinhören, ein Amusement - aber kein, wie von Kuratorin Nora Gomringer in Aussicht gestelltes, Pingpong: das war der Besuch der Literarischen Jam-Session an den 12. Frauenfelder Lyriktagen der Kulturstiftung des Kantons Thurgau erstmals in der Theaterwerkstatt Gleis 5.

Brigitta Hochuli

Der Titel der Jam-Session hiess „Zwischen den Zeilen - Zungen“. Sie fand zwischen den grossen Lesungen vom Freitag- und Samstagabend stand. Die Lesungen waren je dem Wort und dem Klang verpflichtet.

Zungenfertig sind sie allerdings, die Dichter auf dem Podium. Kuratorin Nora Gomringer auch in wunderbarem Englisch, Michael Lentz aus Leipzig und Berlin angriffig deutsch, Vincent Barras Deutsch auf französisch übersetzend, griechisch lesend, der Berner Raphael Urweider, von Lentz mit Altersweisheit bedacht, angenehm hochdeutsch, Dichterstauffer (Michael Stauffer), in Frauenfeld aufgewachsen, schön ostschweizerdeutsch und der Thurgauer Christian Uetz aus jedem Satz eine nichtmundartliche Kaskade fliessen lassend.

Mit einem Gedicht der vor drei Tagen verstorbenen Elisabeth Borchers eröffnet Nora Gomringer die Jamsession. Es handelt von der Sonne, die kleiner und kleiner wird. Das könne man einfacher machen, meint Michael Lentz und gibt damit den kollegial kritischen Ton der Runde an. Er blättert lange in einem seiner Bücher und liest dann von den „Blumen, die kommen die gehen die kommen die blauen die.....“. „Bei Borchers wird das Zyklische nur behauptet, bei mir wird‘s gezeigt.“ Blumen seien überhaupt die Suprametapher für die Zeit.

Als nächstes Thema gibt Gomringer das Essen vor, wobei, meint Lentz, die fünf Herren neben ihr eher wie die Ferdinand Hodlerschen Lebensmüden aussähen. Tatsächlich sind sie alle sehr schlank. Bei Urweider könnte das mit der Ernährung zusammenhängen. Er tägt jedenfalls ein Gedicht über Rosskastanien vor und räumt „in meiner Altersweisheit“ ein, es handle sich um eine „monochrome Melancholie, die sich selbst gefällt“. Urweider ist ist 38 Jahre alt.

Stichwort „Alter“: Vincent Barras, Theoretiker des Klangs und des Körpers aus Genf, überträgt spontan ein von Gomringer vorgegebenes Gedicht ins Französiche - und scheitert an „bang“ und „schlummern“. Die Wörter seien nicht übersetzbar, finden die Kollegen zustimmend.

Vom Alter zum Tod: „Wer hat ein Totentanzgedicht?“, will die Kuratorin wissen. Lentz hat eines, aber es ist ein ganzes Theaterstück und er kann es nicht auswendig. Barras liest einen griechischen Totentanz, was eher lieblich klingt und Uetz herausfordert. „Wir können nicht sterben“, hebt er an, begleitet von einem Glögglispiel des Nebenmanns Stauffer. Lentz steuert zum Tod noch eine wissenschaftliche Erklärung bei. Der passende Topos der Literatur sei der Tod und nicht das Sterben, betont er, während Uetz ihn an Reich Ranicky erinnert, der - bereits gestorben - im Fernsehen gesagt habe: „Es gibt in der Literatur nur zwei Themen, die Liebe und den Tod - alles andere ist Mumpitz.“

A propos Glocken. Sie ertönen von der nahen Stadtkirche nicht nur einmal. Punkt 17.30 Uhr aber länger. Nora Gomringer vermutet um diese Zeit eine Beerdigung. Doch das Leben ist nah. Christian Uetz wird mit einem fahrbaren Hündchen beschenkt, denn vor vier Wochen ist er mit 50 Jahren Vater geworden. Zuvor hat das Thema der Poeten zu den Tieren gewechselt, Lentz las das lange, gereimte Gedicht „Alles Dasein ist ein Vogel“, Stauffer eines von „Hund und Maa“ und Urweider eines seiner Schafgedichte.

Die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer verdankten die Beiträge mit situativem Spontanapplaus und fröhlichen Lachern und dürften sich im übrigen seit dem Initialthema „Essen“ auf den Imbiss gefreut haben, der ihnen längst vor Ablauf der anderthalbstündigen Session mit irdischen Düften die Pause verhiess.

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