von Brigitta Hochuli, 25.04.2013
Ittinger Pfingstkonzerte mit Erinnerung und Abschied

Brigitta Hochuli
Die Ittinger Pfingstkonzerte (17. bis 20. Mai) erzählen vom Freitag bis Montag Geschichten. Die Geschichten ihrer Komponisten und Interpreten, heuer aber auch Geschichten von Erinnerung und Abschied, Melancholie oder Trauerbewältigung. Spannend zu hören waren sie an einer Presseonrientierung von Programmbuchredaktor Erich Singer. Höchst ungewohnt ist, was an Werkkommentaren und Dokumentation zu lesen ist. Was die künstlerischen Leiter Heinz Holliger und András Schiff seit 19 Jahren an Musik zusammenfügen, ist nicht nur neu und alt, die insgesammt sieben Konzerte stellen gar eigentliche Kompositionen dar.
„Erinnerung an Bekanntes und Unbekanntes, Erinnerung und Abschied“ - das diesjährige Motto hat unter anderem mit András Schiff zu tun, der zum letzten Mal dabei ist. Weil er nach 19 Jahren Ittingen und seinem 60. Geburtstag eine Arbeits-Auszeit verdient habe. „Neue Ideen entwickeln sich ja erst, wenn etwas abgeschlossen ist“, meint dazu der Konzertveranstalter und Schiffs Musikagent Jürg Hochuli. Wie es 2014 weiter gehe, darüber sei man mit Heinz Holliger im Gespräch und werde im Sommer darüber berichten.
Vereinigung und Perle
Erinnerung und Abschied zelebrieren die Freunde Holliger (Oboe) und Schiff (Klavier) im gemeinsamen Musizieren am Abschlusskonzert (20.5., 11.30 Uhr) mit Mozarts Quintett Es-Dur für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott KV 452 und am 19.5, 18 Uhr mit Benjamin Britten. Das nennt Erich Singer „die grosse Vereinigung“ der beiden herausragenden Künstler. Daneben sei für ihn persönlich das Konzert in der Klosterkirche (19.5., 22.15 Uhr) die Perle des Programms. Und zwar nicht nur, weil sie sich der Vanitas im Frankreich und Deutschland des 17. Jahrhunderts widmet, sondern auch, weil Cembalist Andreas Staier das Cembaolo eigenhändig zusammen mit den Spezialisten ab Werkstatt im deutschen Breisgau bis nach Ittingen vorbereitet, pflegt und transportiert.
100 Jahre Lutosławski und Britten
Ansonsten sind Schwerpunkte der Konzerte die 100. Geburtstage des Polen Witold Lutosławski (1913-1994) und des Engländers Benjamin Britten (1913-1976). Lutosławskis Trauermusik für Streichorchester in memoriam Béla Bartók wird vom eigens für Ittingen zusammengestellten kleinen Orchester am 18.5., 19 Uhr, gespielt, sein Streichquartett aus dem Jahr 1964 erklingt am 19.5., 11.30 Uhr. Von Britten spielt Miklós Perényi am 19.5., 11.30 Uhr, die Third Suite for Cello op. 87 aus dem Jahr 1971. Um 18 Uhr spielen das „Kuss Quartett“ dann das Streichquartett Nr. 3 op. 94 aus dem Jahr 1975 und Heinz Holliger zusammen mit András Schiff die Temporal Variations für Oboe und Klavier op. posth. (1936).
Nur in Ittingen zu hören
Passend zur aktuellen Sammlungsausstellung des Kunstmuseums Thurgau in Ittingen werden ansonsten im Konzertprogramm sogenannt randständige oder vergessene Komponisten wie Louis Spohr (1784-1859), Ludwig Schuncke (1810-1834), William Sterndale Bennett (1816-1875) oder André Caplet (1878-1925) gespielt. Es sei typisch für Ittingen, dass hier Werke einstudiert würden, die sonst nirgends zu hören seien, sagen Singer und Hochuli. Typisch sei auch immer wieder das Spannungsfeld zwischen alter und neuer Musik, das „Gegenwärtige im Spiegel des Tradierten“.
***
Das gesamte Programm im Überblick
✗ Konzert 1 wird von zwei aussergewöhnlichen Kammermusikwerken für je acht Musiker umrahmt, der Bläserserenade Es-Dur KV 375 von W.A. Mozart sowie dem Doppelquartett für Streicher von Louis Spohr, dessen Nonett im letzten Jahr in Ittingen erklungen war. Dazwischen finden sich kürzere und solistische Werke neueren Datums mit Fokus auf dem Kontrabass als Instrument mit Edicson Ruiz und Christian Sutter sowie mit Olivier Darbellay und Claudio Veress.
✗ Konzert 2 hebt einen Freund Robert Schumanns hervor – Ludwig Schuncke, dessen Grosse Sonate für Klavier gespielt wird, welche Schumann zugeeignet ist. Ausserdem wird Dénes Várjon die Toccata op. 7 von Robert Schumann spielen, die wiederum Schuncke gewidmet ist. Das Panocha Quartett umrahmt diese gegenseitigen Widmungen mit zwei Streichquartetten von Ludwig van Beethoven und Bedřich Smetana.
✗ Für Konzert 3 wird aus allen anwesenden Musikern ein Orchester zusammengestellt, das unter der Leitung von Heinz Holliger einige seltener aufgeführte Werke zu Gehör bringen wird: Neben J.S. Bachs Oboenkonzert A-Dur mit Heinz Holliger erklingt ein Vokalwerk des Komponisten Sándor Veress (mit dem Bariton Robert Koller) und die Trauermusik für Streicher von Witold Lutosławski.
✗ Konzert 4 würdigt mit Britten und Lutosławski zwei bedeutende Komponisten des 20. Jahrhunderts, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern würden – mit Benjamin Brittens Suite Nr. 3 für Solocello (Miklós Perényi) sowie Witold Lutosławskis Streichquartett (Kuss Quartett). Der rote Faden der Schumann-Widmungsträger spinnt sich in diesem Konzert fort: William Sterndale Bennett und Robert Schumann bezeugten einander ihre Freundschaft ebenfalls durch gegenseitige Widmungen von Kompositionen. Daneben gibt es auch in diesem Jahr wieder eine Uraufführung zu erleben: Die 90-jährige Komponistin Ursula Mamlok hat Fünf Phantasiestücke für Oboenquartett komponiert und Heinz Holliger gewidmet.
✗ Ein selten zu hörendes, dramatisches Werk eröffnet das Konzert 5 mit André Caplets Conte Fantastique nach Edgar Allan Poes Erzählung «Die Maske des roten Todes» mit Ursula Holliger an der Harfe. Ein weiterer Höhepunkt ist die Aufführung von Benjamin Brittens Temporal Variations durch Holliger und Schiff. András Schiff beschliesst das Konzert mit Ludwig van Beethovens wunderbarer Klaviersonate Les Adieux.
✗ Im Konzert 6 wird Andreas Staier ein Programm für Cembalomusik aufführen, das sich dem Thema «Melancholie» bzw. «Melancholie Vertreiben» widmet. Eingestreut zwischen diese Cembalowerke aus dem Frankreich und Deutschland des 17. Jahrhunderts sind drei Fantasien von Henry Purcell.
✗ Das Schlusskonzert nimmt sich des Abschieds in unterschiedlicher Weise an: Miniaturen von Franz Schubert und György Kurtág tragen selbigen sogar im Titel; diejenige von Kurtág – Les Adieux (in Janáčeks Manier) – schlägt vom Titel her eine Brücke von der bereits im Konzert 5 erklungenen Klaviersonate Beethovens zu Leoš Janáček, dessen Violinsonate direkt im Anschluss mit Yuuko Shiokawa erklingen wird. Ein Hauptwerk Robert Schumanns für Klavier, die Davidsbündlertänze, gespielt von András Schiff, rundet den Themenkomplex «Schumann und seine Widmungsträger» ab. Zum Ausklang musizieren die beiden künstlerischen Leiter nochmals gemeinsam; gespielt wird W.A. Mozarts Quintett für Klavier und Bläser KV 452. (pd)

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