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von Barbara Camenzind, 16.02.2026

Kammermusik mit Coolness-Faktor

Kammermusik mit Coolness-Faktor
Ganz Appassionato, voller Leidenschaft cool musiziert. Die fünf St. Galler Musiker:innen bei Schostakowitschs Klavierquintett. | © Barbara Camenzind

Mit Schostakowitsch und Dvořák im Gepäck begeistern fünf profilierte Orchestermusiker aus St. Gallen das Publikum in Fischingen – klug, präzise und überraschend lässig. (Lesedauer: ca. 2 MInuten)

Dmitri Schostakowitsch, «der sowjetische Meister der schönen, schrägen Tänzchen», war ein musikalisches Chamäleon. Tagsüber Hymnen für Stalin komponierend, irrlichterte er (wohl nachts) durch Tongeflechte und Quintenzirkel und zauberte Grenzgänge zwischen der Tonikadiktatur, pardon, der Spätromantik und der Moderne.

Er hatte Stalin überlebt – die Doppelbödigkeit, die in seiner Musik mitklingt, wird noch so manches überleben müssen. Doch das muss man spielen können.

Es sei ganz viel los in dem Stück, erklärte Pianistin Claire Pasquier vor Anfang, deswegen bräuchten sie danach eine kurze Pause. Das Klavierquintett in g-Moll op. 57 war Igor Keller und Yuko Ishikawa, Violinen, Ricardo Gaspar, Viola, Fernando Gomes, Violoncello, und Claire Pasquier am Flügel quasi in die Finger komponiert.

Wenn sich Cello und Bratsche verbünden

Souverän, leichtfüssig, formschön gelang der Pianistin der Anfang – dann war das Ohr beeindruckt vom hoch expressiven Détaché. Konzertmeister Kellers Geigenklang glänzte, um sich von seinen Kollegen ablösen zu lassen, das Cello verbündete sich spitzbübisch mit der Bratsche, und es war wohl der Schluss des dritten Satzes, als alle zusammen mit dem Komponisten eine fiese kleine Paraphrase auf den Radetzkymarsch spielten, um gleich wieder anständig zu sein.

Sowas macht unheimlich Spass zuzuhören, vor allem wenn man sein Publikum nicht auf den klingenden Sarkasmus stösst – und total cool bleibt.

Ein grosses, faszinierendes Quintett mit sechs Sätzen und leider viel zu schnell vorbei.

Dvořáks Reise durch die Romantik

Beim Klavierquintett in A-Dur op. 8 des böhmischen Meisters ist das erste Herzklopfen nach knapp einer Minute angesagt. Diese Musik ist so schön, dass sie fast nicht auszuhalten ist.

Die Musizierenden wählten ein Tempo, das dem «nicht zu sehr» des Allegros sehr entsprach – auch der Raumakustik. Filigran und transparent atmeten sich die Geigen durch die Klangkaskaden, Ishikawa und Keller im Töneflow.

Die grosse romantische Klammer setzten jedoch Gomes’ Cello und Gaspars Viola in dem «Dumka» genannten dritten Satz. Es war, als hätten sie Johannes Brahms und Robert Schumann eingeladen, zusammen mit Antonín slawische Volkslieder zu singen.

Grosser Applaus nach Scherzo und Finale von allen Zuhörenden.

Die fünf Stimmführenden aus St. Gallen machen hoffentlich auch mal eine Aufnahme, gerne mit Schostakowitsch. Und wie schön sind sie in den Thurgau gekommen, das verbindet.

Gute Musik ist stärker als jeder Kantönligeist. Und Kammermusik, so schön gespielt, ist eine Weltreise in die Nähe.

Die Konzertsaison in Fischingen 2026 – eine kleine Vorschau

Stimmenfreunde aufgepasst: Am 1. März erklingt Engelsmusik mit dem Londoner Tenebrae Choir unter der Leitung von Nigel Short – ein Muss für Chorfans. Das können die Briten einfach. Spätestens seit «The Crown» wissen wir das.

 

Am Ostersonntag gibt sich die Thurgauer Pianistin Simone Keller, Preisträgerin des Zürcher Kunstpreises 2025, gemeinsam mit dem Nuancen Streichquartett die Ehre. Österlich-blumig unter dem Titel «Fiori Musicali».

 

Und was passiert, wenn ein Alphorn ins Tannzapfenland wandert? Es trifft auf das Trio Artemis – und ein Bandoneon ist auch noch dabei. Artemis, Lenzin und Nisinman spielen am 10. Mai in der Bibliothek. Das verspricht ein spannendes Konzerterlebnis.

 

Weitere Konzerte finden sich online – vielfältig in der Auswahl und eine schöne Ergänzung zum Kammermusikuniversum Thurgau.

 

 

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