von Brigitta Hochuli, 12.05.2010
Heinz Holliger will «Leben in die Bude bringen»

Kartause Ittingen: Kinder und Musiker wagen an den diesjährigen Pfingstkonzerten ein Experiment. Zu Live-Improvisationen entstehen grossflächige Bilder.
Brigitta Hochuli
«Kinderszenen» heisst das Motto der künstlerischen Leiter Heinz Holliger und András Schiff. Dabei nehmen die Beiden sie wörtlich als Szenen von und mit Kindern, auch angesichts des Schwerpunktes mit Werken von Robert Schumann, wie Holliger betont. In einem Gespräch mit Erich Singer zeigt er sich überzeugt, dass «es Kinder sind, die bestimmen, was später in der Kunst sein wird». Es sei heute durch wissenschaftliche Studien längst bewiesen, «dass der Mensch erst durch die Musik zum Menschen wird, und nicht durch die Playstation oder den Computer». Diese Problematik aufzuzeigen sei an den Pfingstkonzerten zwar nur in bescheidenstem Rahmen möglich, räumt Holliger ein. «Doch wir sitzen nicht im Glashaus, sondern möchten schlicht und einfach nur etwas Leben in die Bude bringen.»
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Leben in die Bude gebracht hat bereits Brigitt Näpflin. Mit einem Dutzend 8- bis 13-Jähriger aus Weinfelden und Frauenfeld hat die Museumspädagogin das Malen im Atelier des Kunstmuseums Thurgau und in der Maschinenhalle des Gutsbetriebs zu improvisierter Musik geübt. «Dabei versuchen wir, mit Pinseln, Rollern, Bürsten, Handschuhen und allerlei unüblichen Malwerkzeugen Farbspuren zu den Tönen zu legen», erklärt sie nach einem Durchgang. Noch wurde bei offenem Scheunentor neben Mähdreschern und Traktoren ab Band gemalt. Doch live mit Weltklassemusikern zu arbeiten, sei ein Novum für sie. Für die Kinder verspricht sie sich von diesem Action Painting, dass ihre Wahrnehmung «einen Kanal höher» steige, wenn sie beim Malen gleichzeitig Töne und Stimmungen wiedergäben. Das sei eine Erfahrung, die Kinder sonst nicht machen könnten. Hier gehe es anders als beim themenbezogenen Malunterricht in der Schule zusätzlich ums «gestalterische Reagieren auf akustische Stimmungen».
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Reagiert haben Dave, Jasmin und Hati mit Lust. Ihre Bilder geben Rhythmen wieder, zeigen aber auch Ecken und Kanten. Diese Atelierveranstaltung sei ein Experiment, sagt denn auch Heinz Holliger. «Das Ganze kann und darf durchaus scheitern. Unsere Hauptaufgabe ist die Motivation der Kinder.»
Mehrwert Musik
Für Kurt Schmid, Procurator der Kartause und zusammen mit Jürg Hochuli Organisator der Pfingstkonzerte, sind diese der bedeutendste kulturelle Anlass für die Stiftung Kartause Ittingen.
Auf die Frage, ob die Konzerte und mit ihnen die Musik für das Unternehmen oder sogar für den Kanton einen Mehrwert schüfen, sagt der Procurator: «Ich sehe einen Mehrwert in erster Linie darin, dass man in Ittingen – begünstigt durch Sponsoring und Lotteriefonds – Spitzeninterpreten zu im Vergleich mit andern Veranstaltungen erschwinglichen Preisen geniessen kann. Wir verkaufen jeweils um die 3000 Sitzplätze. Das sind 3000 Kontakte mit der Kartause Ittingen und mit dem Thurgau. Viele von den Konzertbesuchern übernachten in der Region und geniessen unseren herrlichen Kanton.» Bei allen Konzerten werde im Übrigen eine Stunde vor Konzertbeginn die Tageskasse geöffnet, an der es meistens – selbst bei ausverkauften Konzerten – einzelne Tickets zu kaufen gebe. So seien denn auch alle Thurgauerinnen und Thurgauer herzlich willkommen. (ho)
Samstag, 22. Mai, 15 Uhr, Maschinenhalle der Landwirtschaft südlich des Klosterareals der Kartause Ittingen; mit den Musikern Rico Gubler, Daria Zappa, Mattia Zappa, Stefan Wirth und Matthias Würsch; alle Kinder bis 16 Jahre in Begleitung Erwachsener haben freien Eintritt.

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