von Philipp Bürkler, 26.11.2015
Der Gefahr zum Trotz

Iran und Israel reichen sich friedlich die Hände: Was in der offiziellen Politik der beiden verfeindeten Staaten undenkbar ist, schaffen Musiker der beiden Länder. Langtunes aus Teheran und Ramzailech aus Tel Aviv rockten diese Woche den Kulturladen in Konstanz mit ihrer «Secret Handshake Tour». Eine Begegnung der besonderen Art.
Philipp Bürkler
Sie hängen auf der Couch im Backstage-Bereich im Kulturladen Konstanz herum, trinken Bier, quatschen und lachen über Dieses und Jenes. Hätte der eine Teil der jungen Männer nicht einen iranischen und der andere Teil einen israelischen Pass, könnte ihre Rock n Roll-Attitüde ebenso gut aus London, New York, Berlin oder einer anderen westlichen Metropole stammen. Sie tragen lange Haare, Bärte, Tattoos und auf der Bühne schwarze Kleidung. Gerade aber weil sie iranische und israelische Pässe haben, ist ihr gemeinsames Projekt nicht ungefährlich. Offiziell würde der Iran einen künstlerischen Austausch mit israelischen Musikern auf keinen Fall tolerieren. Seit der iranischen Revolution 1979 hat Teheran Israel praktisch den Krieg erklärt. Eine iranische Band, die mit israelischen Musikern auf Tour geht? Undenkbar.

Mitglieder der beiden Bands auf der Couch. Zweiter von links Kamyar, Gitarrist von Langtunes. In der Mitte mit Gitarre, Amit Peled, Gitarrist von Ranzailech. (Bilder: Philipp Bürkler)
Trotzdem haben es die beiden Bands nun geschafft, gemeinsam eine Tour zu starten. «The Secret Handshake Tour» verstehen Langtunes und Ramzailech als eine Art Friedensprojekt. Mit einer Crowdfunding-Kampagne wurde im westlichen Europa für das Projekt Geld gesammelt. Fast 3500 Euro sind zusammen gekommen. Nicht viel, aber immerhin. Das Projekt entstand durch Zufall. Langtunes aus Teheran nahmen im Sommer 2014 in Deutschland ihr erstes Album auf. Ihre Tourmanagerin und Labelchefin Elnaz Amiraslani, in Deutschland lebende Iranerin, betreute gleichzeitig die israelische Band Ramzailech. Schnell war die Idee entstanden, ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen.
Grosse Underground-Szene in Teheran
Ihre Tour sowie die Produktion des Albums könnten die iranischen Musiker in arge Schwierigkeiten bringen, ja sogar ins Gefängnis. In Iran ist es verboten, westliche Musik aufzuführen oder zu produzieren. Englische Texte sind für die iranische Führung sowieso ein No-Go. «In unserer Heimat darf praktisch niemand wissen, dass wir in Westeuropa Konzerte geben», sagt Langtunes-Sänger Behrooz. Auch in Teheran selbst dürfen Langtunes nicht offiziell vor Publikum auftreten. «Wir spielen deshalb sehr viele Underground-Shows», verrät Behrooz. Die Underground-Szene in der iranischen Hauptstadt sei sehr gross. Als Tourist sei es aber nicht einfach, solche Konzerte und Partys zu finden. Klar, es gibt in Teheran keine Plakate, die auf die Veranstaltungen hinweisen und auch keine Website mit der entsprechenden Agenda. «Touristen müssen entweder die richtigen Leute kennen oder kennenlernen, um an solche Anlässe zu kommen, so Behrooz. Aber es gibt sie.

Fast wie an einem Underground-Konzert in Teherean: Langtunes-Sänger Behrooz (links) und Bassist Garen auf der Bühne des KuLa.
Der Sound von Langtunes bewegt sich irgendwo zwischen Kraut-Rock, Techno und Disco. Das Konstanzer Publikum bewegte ihre Körper praktisch von Beginn weg, so mitreissend und überzeugend war die Show. Die Mischung aus harten Gitarren und elektronischen Sequenzern überzeugte durchgehend. «Wir lassen uns von deutschen Electro- und Punkbands inspirieren», gesteht Langtunes-Gitarrist Kamyar.
Vielleicht können sich Langtunes schon bald auch von Schweizer Bands inspirieren lassen. «Wir hoffen, dass wir im kommenden Jahr auch in der Schweiz einige Konzerte spielen können», freut sich Kamyar. Wie weit es eigentlich bis zur Schweizer Grenze sei, will er wissen. Die Antwort, dass er von Konstanz zu Fuss in die Schweiz über die Grenze gehen könne, überrascht ihn. «Bei uns in Iran brauchen wir aufwändige Visa und Reisevorbereitungen.»

Gal Klein von Ramzailech an der Klarinette.
Israelischer Hardcore Klezmer
Als zweite Band am Abend spielen Ramzailech aus Tel Aviv sogenannten Hardcore-Klezmer. «Das ist eine schnellere und progressivere Form des klassischen Klezmer, erklärt Ramzailech-Sänger Gal Klein. Der Bandname Ramzailech sei nichts anderes als das Wort Klezmer rückwärts. Im Gegensatz zu Langtunes sind ihre Texte nicht auf Englisch, sondern in Jiddisch. «Die jiddische Sprache war lange Zeit verboten», so Gal, «wir wollen sie nun wiederentdecken.» Jiddisch wird heute ausserhalb Israels vor allem in der Diaspora in Städten wie New York von ultraorthodoxen Juden gesprochen. Oder eben von säkularen Juden wie der Band Ramzailech. Als Gal Jiddisch spricht, ist es tatsächlich erstaunlich, wie viel man versteht, ohne die Sprache zu sprechen, so nahe sind sich Deutsch und Jiddisch.
Während Ramzailech auf der Bühne stehen, gibt es im Publikum kein Halten mehr. Die jüdische Folklore gemischt mit Punk und Hardcore lässt das Publikum kochen. Immer wieder mischt sich Gal mit seiner Klarinette direkt ins Publikum. Konzertbesucher und Band werden eins. Vor allem unter Jungen ist die jüdische Folklore und Klezmer-Musik zurzeit angesagt und beliebt. Klezmer-Musik ist die traditionelle Instrumentalmusik der osteuropäischen Juden. Klezmer kommt vom hebräischen kle-zemer und bedeutet Musikinstrument, Musikant. Eine Kultur, die bis zur Zeit des Nationalsozialismus auch in Westeuropa gelebt wurde, dann aber abrupt verschwand. «Es ist eigentlich verrückt, wie viel jüdische Kultur und Traditionen durch den Zweiten Weltkriegs bei uns in Europa verloren gegangen sind», bedauert einer der Konzertbesucher den Kulturverlust.
Gal Klein und Amit Peled von Langtunes mit Klarinette im Publikum.
Auf der Bühne vereint mit dem Publikum
Als Höhepunkt des Abends bittet Ramzailech das Publikum sowie ihre iranischen Kollegen von Langtunes gemeinsam auf die Bühne. Die wilde Party mit Israelis, Iranern und einem deutsch-schweizerischem Publikum zeigt, dass die politischen Auseinandersetzungen zwischen zwei Staaten im Alltag der meisten Menschen keine Rolle spielen. Der Abend macht Lust auf mehr. Hoffentlich schon bald auch in der Schweiz.

Von Philipp Bürkler
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