von Jeremias Heppeler, 05.02.2026
Per Autotune durch eine düstere Galaxie

Experimenteller Pop aus der Ostschweiz verbindet Fantasy, Gaming und radikale Offenheit: Loveboy erzählt mit imaginären Freund:innen von Kreativität, Depression und inneren Welten. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Die Kunst der Gegenwart lebt seit Jahren von der konsequenten Kombination in Form von produktiven Mixen und Remixen des bislang Dagewesenen. So ähnlich wie Spitzenköch:innen auf der Suche nach unverbrauchten Geschmäckern stets neue Zutaten-Arrangements zusammenwerfen, erscheint es für Künstler:innen der Post-Post-Post-Generation absolut elementar, immer neue Genres zusammenzuführen, in der Hoffnung, aus den frisch aufgewirbelten DNA-Strängen neue Erkenntnisse zu schöpfen.
Dieser Drang zum Experiment kann in Kombination mit der raumunabhängigen Gleichzeitigkeit des Internets dazu führen, dass überall auf der Welt von jetzt auf gleich kleine Ideenrevolutionen angestossen werden. Natürlich auch in der Ostschweiz!
Popmusik meets Fantasy meets Gaming
So spülte es vor wenigen Tagen eine Mail ins thurgaukultur.ch-Mailfach, die mit «Neue Hyper-Pop-Single aus der Ostschweiz» betitelt war. Hyper-Pop, so viel als Erklärung, ist eine junge Pop-Spielart zwischen elektronischer Musik, Internetkultur und Avantgarde.
Eine digitale Spurensuche später war klar: Besagte Hyper-Pop-Single «King Fu» stammt von einem Künstler namens Loveboy und markiert, wenn überhaupt, die Spitze eines faszinierenden Werk-Eisbergs, der Popmusik auf mögliche und unmögliche Art und Weise mit Fantasy-Literatur und Gaming-Narrativen verknüpft.
Reinhören: So klingt die Single
Vorgezeichnet, trotzdem nicht leicht: Der Weg zur Kunst
Loveboy alias Nicolaj Ésteban stammt aus einer Künstler:innenfamilie, der Vater Musiker, die Grossmutter Künstlerin, die ihren Leidenschaften aufgrund der patriarchalen Einschränkungen nie final nachgehen durfte. Und doch oder gerade deshalb ist es die Oma, die schlussendlich den entscheidenden Anschubser zur Kreativlaufbahn gibt:
«Meine Grossmutter hat mir einen Brief hinterlassen, in dem sie mir gesagt hat, dass sie es schön findet, dass ich meine künstlerische Ader so ausleben darf, wie sie das immer wollte. Als sie gestorben ist, habe ich mich entschieden, noch einmal voll einen Versuch in der Kunst zu wagen.»
Loveboy, der mit Anfang 20 mit einer schweren Depression zu kämpfen hatte, geht damals auf Spurensuche in der eigenen Biografie und findet in Kindheitsskizzen eine Fülle an absurden Charakteren, die er in der Folge wiederbelebt: Ein fliegender Delfin, ein Kaktus, der den Meteoreinschlag der Dinosaurier überlebt hatte, und eine abgefuckte Katze, die auch eine Zitrone sein könnte, werden nicht nur zu Loveboys imaginären Freund:innen, sondern gründen direkt eine halbreale Band mit ihm.
Die Devise: Das Innerste nach aussen stülpen
Wir denken an die britische Band Gorillaz, deren Bandmitglieder allesamt als Anime-Figuren in Erscheinung treten. Und wir denken an japanische Rollenspiele wie Final Fantasy, in denen es oft darum geht, sich eine Bande von Freund:innen zusammenzustellen und sich gemeinsam gegen das Böse zu stellen.
Dabei entsteht ein faszinierendes Projekt irgendwo zwischen Musik, Literatur, Animation und Gaming, eine dezentrale Erzählung im Zwischenraum, die mit den grundlegenden Vorstellungen von Genres konsequent bricht.
Loveboy stülpt hierbei sein innerstes Innen ins äusserste Aussen. Ein Vorgang, zu dem eine Menge Mut gehört – vor allem im Angesicht von Themenfeldern wie Mental Health und Depressionen:
«Ich glaube, es gibt nichts, was inneren Dämonen mehr Angst macht, als ein Spotlight auf sie zu richten und sie allen vorzuführen. Heute caste ich also meine Dämonen als Schauspieler:innen in meinen imaginären Musicals und zeige sie allen. So verlieren sie ihre Kraft oder ihre Motivation, mich zu zerstören.»
Gemeinsam statt einsam
Auch das passt ins Bild: Die imaginären Freund:innen schliessen sich auf narrativer Ebene zusammen, um den Endgegner Depression im Zaum zu halten. Im Realen hilft der Schritt, sich als Band zu definieren, dabei, sich nicht mehr alleine zu fühlen, sondern im Kollektiv an die Öffentlichkeit zu treten. Diese ungewöhnliche Gleichzeitigkeit und der unerschütterliche, ja kindliche Glaube an die Kraft der Fantasie machen Loveboy and his Imaginary Friends zu einem Projekt, welches eine Menge Hoffnung transportiert.
«King Fu», die als Vorläufer des Konzeptalbums «Smile Baby» fungiert, wirft hyperpop-typisch eine Menge Zutaten in die musikalische Auflaufform, in der Loveboy gemeinsam mit seinem Sekundarschule-Kumpel Moses Germann herumwürzt.
Zwischen Eurodance und 90er-Jahre-Pop
Die Stimme, oft umspielt von Autotune und anderen Effekten, steht im Zentrum des emotionalen Songs, der sich bei Eurodance und 90er-Jahre-Pop bedient und gleich mehrere Beatstrukturen ineinander verschiebt.
«Für mich ist Loveboy schon eine Art Gefäss, durch das ich mich selbst besser kennenlernen und spüren lernen will. Das Geschichtenschreiben und diese Autorenrolle einzunehmen hilft mir sehr, auf mich selbst zu blicken und zu verarbeiten. Die imaginären Freund:innen und alles drum herum sind aber auch einfach meine Art weiterzugeben und anderen zu sagen: ‹Schaut! Sind wir nicht alle crazy?› und sie zu ermutigen, sich ihrer inneren Welt zu öffnen – immer mit etwas Humor.»
Auf Instagram werden die Entstehungsprozesse indes konsequent begleitet und ausgestellt, und vielleicht ist das entscheidend, weil dann hinter dem alles überstrahlenden und an vielen Punkten noch sehr theoretischen Konzept der Mensch Nicolaj Ésteban zu sehen ist, der so sehr für diese Idee brennt.
Die nächsten Kapitel sind schon bereit
Und wie geht es nun weiter mit dem Projekt?
«Für das neue Album bin ich mit dem Werkbeitrag der Stadt St. Gallen ein paar interaktive Experiences am Bauen. Mit diesen kann man dann mehr in die Songs und die Geschichte eintauchen. Dazu gibt es eine Vinylplatte, die sehr cool aussehen wird – mehr sage ich dazu noch nicht. Ich habe auch ein Storyboard und ein Drehbuch für die Geschichte Smile Baby geschrieben, um einen Animationsfilm zu machen. Im Moment konzentriere ich mich aber auf den Album-Release.»
Die Veröffentlichungsdaten
Die Single ‘King Fu’ erscheint am 6. Februar 2026 auf allen gängigen Streaming-Plattformen. Zwei weitere Singles folgen im März und April, bevor im Mai 2026 das vollständige Album Smile Baby veröffentlicht wird.

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