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von Barbara Camenzind, 18.07.2023

Gut geklaut ist halb gewonnen

Gut geklaut ist halb gewonnen
Composer in Residence beim Konstanzer Musikfestival: Frédéric Bolli Bildquelle: Homepage z.V.g. | © zVg

Mit schönen Grüssen an Ravel: Der Thurgauer Komponist Frédéric Bolli stellt beim Konstanzer Musikfestival ein neues Orchesterwerk vor. Uraufführung ist am 20. Juli. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Der Töne-Zusammenfüger Frédéric Bolli ist eine verlässliche Grösse. Weil er sich gerade auf die Kunst des klanglichen Netzwerkens versteht. In den vergangenen Jahren war dies mit seiner Sinfonia Nabollitana am Konstanzer Musikfestival gelungen, sowie auch mit der eher düsteren Prager Frühlingssinfonie.

Der 1953 geborene Komponist verbindet seine originelle Tonkunst gerne mit bereits Vorhandenem, sei es in der Besetzung, mit Verweis auf ein Weltereignis, oder wie jetzt 2023 mit einem weltbekannten Stück Musik. Mit „Je suis ravi de vous revoir, Monsieur Ravel“ - Ich bin entzückt, sie wiederzusehen, Herr Ravel - nimmt Bolli Bezug auf Maurice Ravels berühmten Boléro.

Grosses Ziel: Dem Boléro etwas entgegensetzen

Bei wem rattert jetzt schon die Rührtrommel im Kopf? Eben. Die zitiere er nur einmal ganz kurz, allerdings im Cello, nicht im Schlagwerk, sagt Bolli. Die Besetzung sei ähnlich wie beim grossen Franzosen, bestehend aus Oboen, Klarinetten, Fagott, zwei Hörnern und Schlagwerk.

Während der Boléro einem durch seine hypnotische wirkende Melodie-Wiederholung sehr homophon lauter werdend einlullt und einwickelt, will Bolli in seinem orchestrierten Zitat dem etwas entgegensetzen, wie er sagt. Ravels Zitate polyphon vervielfältigt, kontrapunktisch verarbeitet und leiser werdend, um am Schluss im Jubel zu enden, wie entzückt er ist, Herrn Ravel wiederzusehen. So beschreibt es der Komponist auch in seiner Werkseinführung.

Video: Kleine Erinnerung an den Boléro

Grosse Frage: Darf der das?

In Zeiten digitaler Konservierung, künstlicher Intelligenz und inflationärer Vervielfältigung von Musik, ist der Ruf nach Wahrung des Urheberrechts schon fast eine Robin-Hood-Angelegenheit für Komponisten - und deren Erben. Frédéric Bolli hat abgewartet, bis die 70 Jahre nach dem Tod Ravels vorbei waren, um das ursprünglich für kleine Besetzung geschriebene Werk zu orchestrieren und zur Uraufführung zu bringen.

Natürlich ist auch er unbedingt dafür, dass ein Komponist/ ein Verlag für seine Aufführungsrechte entschädigt werden soll. Allerdings, wenn dann Erben eine konstruktive Auseinandersetzung gerade mit wichtigen und berühmten Werken behindern, wie das teilweise bei Bertolt Brecht oder Kurt Weill geschah, findet er das eher mühsam.

Als Diebstahl noch eine Ehrensache war

Da ist er nicht allein. Und ausserdem wurde vor dem zwanzigsten Jahrhundert entschieden weniger heikel reagiert, was „Melodienklau“ anbetraf. Zur Barockzeit war das total  „courant normal“: Händel betrachtete es als Ehre, wenn Telemann ihn zitierte, das musikalische Satzmodell „la follia“ wanderte von der iberischen Halbinsel bis nach Italien, von Alonso Mudarra bis Archangelo Corelli.

Gute Melodien sind wie gute Gedichte, sie gehören denen, die sie brauchen und berührt werden. Und ja, Geklautes macht mehr Spass, wenn man es in einem neuen Kontext wieder entdeckt. Das Publikum darf also gespannt sein, wie Frédéric Bolli das gelungen ist.

Video: arte-Doku «Boléro - Ein Refrain für die Welt»

Kluge Einbettung in das Programm

Die  Uraufführung ist eingebettet in Camille Saint-Saëns Konzert für Violoncello Nr. 1 in a-moll mit dem wunderbaren Alexey Stadler als Solisten. In Sergej Prokofjews Konzert für Violine Nr. 2 in g-moll spielt die nicht minder wunderbare Ioana Cristina Goicea -  die zusammen mit dem Pianisten Aaron Pilsan, der bei Schostakowitschs Klavierkonzert Nr. 2 an dem Abend zu hören sein wird.

Beide Künstler sind schon sowas wie die Artists in Residence des Konstanzer Musikfestivals. Der künstlerische Leiter Peter Vogel hat in Sachen Tonsprache sicher klug ausgewählt, was er zu Bollis Ravel-Paraphrase erklingen soll. Am Pult der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz wird Kapellmeister Markus Huber stehen.

Es wird auch gejazzt beim Festival

Ein kleiner Tipp zum Schluss: Das Konstanzer Musikfestival pflegt eine schöne Liebe zum Jazz. Wo auch viel zitiert und paraphrasiert wird. Und wer sich in der smoothen Atmosphäre des Inselhotels noch einen Ausflug in den Soul gönnen will: Der Sänger Karl Frierson wird am Freitag 21. Juli da sein, begleitet von Peter Vogel am Flügel. De Phazz, baby.

 

Die Termine im Überblick

Do. 20. Juli 2023,  20. Uhr Festsaal  Steigenberger Inselhotel

Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz

Markus Huber, Leitung

 

Jazzkonzert mit Karl Frierson und Peter Vogel:

Freitag. 21. Juli 2023, 20 Uhr Festsaal Steigenberger Inselhotel

 

alle weiteren Programmpunkte sind unter Konstanzer Musikfestival zu finden.

 

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