von Barbara Camenzind, 13.04.2026
Stimmen der Anderswelt

Mit «The Deers Cry» präsentierte der Oratorienchor Kreuzlingen ein mutiges Programm zwischen Renaissance und Gegenwart – nicht immer makellos, aber eindrücklich. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Chorleiter Christian Bielefeldt hat ein Händchen für spannende Konzertprogramme: Arvo Pärt, der letztes Jahr seinen 90. Geburtstag feierte, Paweł Łukaszewski (*1968), der die Liturgie klanglich neu denkt, sowie «Jelek III» von György Kurtág (1926–2013) und «Papillons» von Kaija Saariaho (1952–2023) für Cello solo, «Serenity» von Ola Gjeilo (*1978) und Werke von Ēriks Ešenvalds (*1977) standen für zeitgenössische, hoch kontemplative Musik.
Die Brücke zu diesen neuen Tönen schlug die italienische Renaissance mit «Christus factus est» von Felice Anerio (1560–1614) und Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa (1566–1613), sowie barocke Werke für Viola d’amore von Christian Petzold (1677–1733) und eine anonyme «Chaconna in F» aus dem Stift Göttweig.
Kostbare Miniaturen
Cellistin Esther Saladin lotete die ganze Klangwelt ihres Instruments aus. Kurtágs «Jelek III», ein erratisches, rätselhaftes Werk jenseits tonaler Grenzen, passte mit seinen Gegensätzen zwischen Stille und Aufschrei eindrücklich zum Karfreitag: «Mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
In Saariahos «Sept Papillons» flatterte mit dem Celloklang Frühlingszauber durch die lichtdurchflutete Kirche. Mohrs Viola d’amore, die barocke Bratsche mit zusätzlichen Resonanzsaiten, liess kostbare Miniaturen aufscheinen: perlende Arpeggien bei Pezolds Aria und eine verträumte Hommage an die musikantische Seele der österreichischen Barockmusik um 1700.
Arvo Pärt, der Stimmenöffner
Gjeilos «O magnum Mysterium» für Cello und Chor eröffnete das Konzert mit Klängen wie nicht von dieser Welt. Wie eine Welle durchzog das Cello die Stimmen. Der Chor – insbesondere die hohen Stimmen – fand zunächst noch nicht ganz zur klanglichen und intonatorischen Einheit. Das setzte sich leider auch bei Anerios «Christus factus est» fort.
Umso eindrücklicher war es zu erleben, wie die Frauenstimmen bei Arvo Pärts «Peace Upon Jerusalem» plötzlich aufblühten. Als Meister der Obertöne öffnet er die Kopfresonanzen nahezu mühelos. Von da an wirkte der Oratorienchor gefestigt – auch in den folgenden Werken.
Fürst, Komponist und Mörder
Carlo Gesualdo gehört zu den True-Crime-Figuren der Musikgeschichte: Renaissancefürst, Komponist komplexer Madrigale und Mörder seiner Ehefrau und deren Liebhaber. Juristisch belangt wurde er als Adliger nicht. Doch Menschen sind mehr als ihre Geschichte. Seine geistlichen Madrigale sind wegen ihrer vielschichtigen Harmonik zugleich geliebt und gefürchtet.
Christian Bielefeldts umsichtige Leitung führte den Oratorienchor sicher durch das sechsstimmige «Ecce vidimus eum». Der Weg durch die Halbtöne fügte sich zu einem klanglich überzeugenden Ganzen. Als Höhepunkt erwies sich Arvo Pärts titelgebendes «The Deers Cry»: perfekt austariert und farbig wie Kirchenfenster – ein Hörgenuss.
Mutiger Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden
In «In Paradisum» vereinigten sich Instrumentalisten und Chor zu einem fulminanten Abschluss, als öffneten sich verheissungsvoll die Tore des Himmels. Das Programm war ein mutiger Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden: Die Stimmen mussten ohne orchestrale Stütze in sich ruhen, um sich entfalten zu können – und einander aufmerksam zuhören.
Respekt für das Konzert. Und den Mut. Weil es superschwer aufzuführen ist – und in den gelungenen Momenten von grosser Schönheit war.

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