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von Brigitta Hochuli, 03.07.2015

Gersters „Verlangen nach mehr“

Gersters „Verlangen nach mehr“
| © pd

Erschienen ist der neue Roman der Thurgauer Autorin Andrea Gerster im März. Höchste Zeit, ihn in die Bücherliste für die Sommerferien aufzunehmen. „Verlangen nach mehr“ ist streckenweise sehr erheiternd.

Brigitta Hochuli

Einem Mann wird fristlos gekündigt. Er steigt zwecks Suizids auf einen Berg. Dort begegnet er auf einem schmalen Pfad einem Kalb. Ausweichen könnnen sie einander nicht. Der Mann und das Kalb verbringen gemeinsam die Nacht. Dann führt der Mann das Kalb hinunter ins Tal, in eine Ferienwohnung und auf deren Balkon. Wie das geschieht und was dann geschieht, sei hier nicht verraten. Aber es ist lustig! Andrea Gerster hat wirklich gute skurrile Ideen.

Dieser erste von drei Teilen des Romans "Verlangen nach mehr" übt auf den Leser trotz einiger Irritationen durch die Einführung weiterer Figuren einen narrativen Sog aus. Dass die Autorin es nicht dabei bewenden lassen würde, weiss man von früheren Textkonstruktionen. Sie fügt denn auch zwei weitere Teile an - eine Art Tagebuch und einen Chat.

*

Zum ersten Teil der Geschichte hat die Tochter des Protagonisten bereits einen Roman geschrieben - für Andrea Gerster nebenbei eine gute Gelegenheit, das Verlagswesen zu persiflieren. Dieser Romanteil im Roman erhellt einiges, um uns im nächsten Augenblick zu verunsichern. Er subvertiert die Suizidgeschichte, die im übrigen als Thema längst dem Kalb zum Opfer gefallen ist.

Dann noch ein kurzer dritter Teil: das Interview der „Sonntagszeitung“. „Drei Genres, ich finde, das ist ein literarischer Mehrwert für die Leserinnen und Leser“, sagt die Autorin des Romans im Roman. „Ein literarisches Vexierspiel um Identitäten“, folgert der Feuilletonist. Das sei eine Interpretation, erklärt ihm die Autorin. Im übrigen werde es nur dann verwirrend, „wenn man sich keine Zeit nimmt, genau hinzuschauen, zu hören oder sorgfältig zu lesen.“

*

Nehmen Sie sich Zeit, liebe Leserinnen und Leser, lesen sie Andrea Gersters Roman zweimal, wenn Sie mögen. Ich selber trauere immer noch dem Kalb nach. Die Geschichte vom Mann und dem Kalb hat sich in meinem Kopf als sprachlich am besten gelungene eigenständige und filmreife Erzählung etabliert. „Verlangen nach mehr*“ verlangt aber mehr.

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*„Mein Vater am Grill, und ich: Ich warte. Er: Worauf? Ich: Die Erklärung? Und er: Ich hatte plötzlich so ein Verlangen nach mehr. Hab gedacht, ich spinne, das ist wortwörtlich der neue Titel meines Buches.“ (S. 129)

- Andrea Gerster, „Verlangen nach mehr“, Lenos Verlag, Basel 2015. Fr. 27.90

 

"Unbedingt lesen"!

„Unbedingt dieses Buch lesen, es lohnt sich, so voller Schelmereien und Winkelzüge ist es.“ Das rät Dieter Langhart in der Thurgauer Zeitung. Ganz im Möglichkeitssinn Musils und in der Tradition der postmodernen Identitätsspiele eines Frisch, Auster oder einer Sophie Calle verwische Andrea Gerster die Grenzen zwischen (vermeintlicher) Fiktion und Realität.

 

Die Autorin erweise sich mit diesem Buch einmal mehr als gewiefte Protokollantin bedrohlich rissiger Oberflächen, unter denen das diffuse Verlangen nach mehr als dem Gewohnten lauere, schreibt Eva Bachmann im Kulturmagazin SAITEN. „Als Erfinderin absurder Ereignisse kannten wir sie auch schon, doch mit der Wendung im letzten Drittel, die mit grosser List eine Reflexion über die Literatur an sich anstösst, hat Andrea Gerster diesmal noch einen Dreh zugelegt.“

 

Als wundertütenartig bezeichnet Andrea Lüthi in der NZZ die Babuschkatechnik in "Verlangen nach mehr". "Gerster führt ihre Leser genussvoll in die Irre und spielt mit ihren Erwartungen. Und wenn man glaubt, den Aufbau durchschaut zu haben, folgt wieder eine andere Wendung. Der raffiniert aufgebaute Roman spielt mit der Gewohnheit der Leser, Figuren sofort einzuordnen und Sympathien zu vergeben." (ho)

 

Andrea Gerster

Andrea Gerster, geboren 1959, lebt als freie Journalistin und Schriftstellerin im thurgauischen Freidorf. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat Romane, Erzählbände sowie weitere Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Im Lenos Verlag erschienen ihre Romane Dazwischen Lili (2008), Schandbriefe (2010) und Ganz oben (2013). www.andreagerster.ch. (pd)

 

Mehr zu Andrea Gerster in unserm Archiv:

Grossartig gespielt

DREI FRAGEN ... zum Theaterstück „Der Zwerg in mir“

„Lesen Sie keine Kritiken!“ (zum Roman „Ganz oben“)

Kulturforum Amriswil: Förderbeiträge übergeben

 

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