07.05.2026
Versorgt und verschwiegen

Grausame Methoden in der Psychiatrie: Die Autorin Dorothee Kohler zeigt am Fall ihrer Tante, wie menschenverachtend in den vermeintlichen Heilanstalten gehandelt wurde. Am 12. Mai stellt sie das Buch in Frauenfeld vor. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Von Eva Bachmann
«Als Vater starb, wusste ich nichts von Martha.» Ein starker erster Satz, der viele Fragen auslöst, auch bei der Autorin Dorothee Kohler. Sie stiess im Nachlass auf die Urkunde, mit der die Ortsgemeinde St.Gallen die Aufnahme ins Bürgerrecht bescheinigte – und zwar für ihren Grossvater, seine Frau und ihre drei Kinder Martha, Emil und Nelly. Martha? Nie hat jemand von dieser Tante gesprochen, auf Familienfotos ist sie nirgends zu finden. Was ist mit Martha passiert?
Spurensuche. Dieses literarische Motiv hat eine gewisse Konjunktur, gerade wenn es um Schicksale von «versorgten» Menschen geht. Trotzdem ist Vier Seiten Leben. Der Fall Martha L. kein Déjà-vu. Und zwar, weil Dorothee Kohler die wenigen Spuren nicht mit Fiktion auffüllt und so eine schlüssige Lebensgeschichte konstruiert. Sie findet vielmehr eine Form dokumentarischer Belletristik: Kohler geht den Hintergründen zur Psychiatrie um 1900 nach und verarbeitet diese zu einem gut lesbaren Text. Das Resultat ist weder ein bestürzender Roman noch ein faktenschweres Sachbuch, sondern im besten Sinne beides.
Marthas Eltern führten an der Bruggwaldstrasse in St.Gallen-Tablat eine Möbelfabrik, an der Langgasse wurden Gold- und Politurleisten, Spiegel und Rahmen hergestellt. Ihr erstes Kind Martha hatte seit ihrer Geburt im Jahr 1894 eine kognitive Beeinträchtigung. Sie krampfte, lernte spät sprechen und litt an Erregungszuständen. Ihre Kindheit verbrachte sie in Privatanstalten, die nicht mehr auffindbar sind. Belegt sind lediglich neun Monate im Johanneum in Neu St.Johann, wo sie 1910 als «bildungsunfähig» entlassen wurde. Die Mutter, die inzwischen verwitwet war und zwei Betriebe führen musste, konnte sie nicht betreuen und gab sie ins Asyl Wil, die heutige psychiatrische Klinik. Dort starb Martha 1918 an der Spanischen Grippe.
Zur Strafe ins Wasser
Das Journal 2471 über Marthas acht Jahre im Asyl umfasst lediglich vier Seiten. Diese dünne Akte wird für Dorothee Kohler zum Ausgangspunkt für weitere Recherchen. Sie geht einzelnen Schlüsselwörtern nach und stellt sie in grössere Zusammenhänge. So zum Beispiel, dass bei der Erhebung der Krankheitsgeschichte fast schon standardmässig «Vater: Potator» eingetragen wurde, als ob der «Trinker» alles erklären würde. Weiter war man in der Erforschung von psychischen Krankheiten noch nicht.
Auch an Behandlungsmethoden fehlte es. Neben Zwangsjacken und Bettgurten war das Deckelbad verbreitet. Unruhige wurden oft tagelang ins Wasser gesteckt, durch das Loch im Deckel schaute nur der Kopf heraus. Im Berner Psychiatriemuseum ist noch ein Exemplar zu besichtigen.
Dorothee Kohler recherchiert auch in Berichten von Ärzten und Betroffenen. Und besonders beeindruckend sind die Funde von Bildern von Patient:innen, die ihre Zwangsbehandlung festgehalten haben. So bannt etwa die Waldau-Insassin Alexandra Obraczay den Schrecken, indem sie zwei Frauen als «Königinnen im Deckelbad» zeichnet: mit Krone, Schmuck und Schminke.
Eine unrühmliche Führungsrolle
Weitreichend sind auch die Hintergründe zu Sterilisation und Kastration von Patient:innen. Das Asyl Wil nahm unter dem Direktor Heinrich Schiller hier eine Vorreiterrolle ein. Seine Publikationen dazu wurden international beachtet und diskutiert, nicht selten unter rassenhygienischen Aspekten. Schiller setzte sich dafür ein, dass solche Operationen gesetzlich erlaubt werden. Er schildert dazu vier Fälle von «Behandlungserfolgen», etwa von einem Sexualstraftäter, der nach der Kastration entlassen werden konnte.
Martha taucht unter den Wiler Fällen in der Fachliteratur nicht auf. In ihrer Akte ist jedoch von gesteigerter Unruhe während der Menstruation die Rede, sie hebt ihre Röcke und schreit. Als Schiller ihrer Mutter eine Operation vorschlägt, willigt diese ein und Martha wird im Spital St.Gallen sterilisiert. Die Einträge in den Monaten danach zeugen von keiner Besserung. Marthas Endstation ist das Haus 11 ganz hinten auf dem Klinikareal, das Haus für die Hoffnungslosen.
Umfangreiche Dokumentation
Dorothee Kohler ist in St.Gallen aufgewachsen, lebt in Zürich und war Gymnasiallehrerin für Deutsch. Für ihr Erstlingsbuch hat sie sich durch viele Akten mit Lebensgeschichten von internierten Menschen gelesen. Sie mutet uns nur Auszüge davon zu, um den Text im Fluss zu halten. Die Dokumente sind jedoch in den umfangreichen Anmerkungen am Schluss nachgewiesen und auch erläutert. Diese fast dreissig Seiten sind ein Fundus für alle, die noch mehr wissen möchten.
Was die Autorin selbst beim Lesen für beklemmende Gefühle erlebt haben muss, lässt sich aus dem Kapitel Gewalt durch Sprache erahnen. Martha erhielt Stempel wie «angeborener Schwachsinn», «Vater: Potator» oder «bildungsunfähig». In anderen Akten ist von «hochgradig moralisch-idiotischer Konstitution», «defekten Individuen», «geistiger Minderwertigkeit», ja sogar von «entarteten Kindern» die Rede. Die Psychiatrie damals war eine schonungslose Institution. Umso wohltuender ist der Ton, den Dorothee Kohler in ihrem Buch anschlägt: aufrichtig und sachlich, und dabei immer auch empathisch.
Dieser Text erschien zuerst im Magazin Saiten.
Buch und Lesung
Dorothee Kohler: Vier Seiten Leben. Der Fall Martha L., Limmat Verlag, Zürich 2026.
Lesung und Gespräch mit Autorin am Dienstag, 12. Mai, 19.30 Uhr, Saxbooks, Frauenfeld, und am Dienstag, 26. Mai, 19 Uhr, Openart Museum, St.Gallen.
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