von Brigitta Hochuli, 10.06.2016
Fussball, „Lust, die Ewigkeit will“

Christian Uetz, Thurgauer Poet und Performer, schaut sich die EM-Spiele mindestens ab den Achtelfinals im Fernsehen an, am liebsten mit Freunden. Ansonsten ist Fussball für ihn - wie überhaupt alle Lust - „Lust, die Ewigkeit will“, das Fussballtor ein Massenorgasmus, die Spielerreaktion darauf riecht nach „altgriechischer Leibvergötterung“. Fussball könne „geistreiche Kommunikation“ sein, das Spiel gemeinsame Ekstase.
Fragen von Brigitta Hochuli
Herr Uetz, in ihrem wunderbaren Buch “Federer für alle“ (2011) befassten Sie sich mit dem „göttlichen“ Spiel des Tennisstars. Sie stellten fest, „dass wir gegen die herrliche Traumgegenwart des vollkommenen Spiels machtlos sind“. Sie beschrieben, wie Sie Roger Federer sogar in ihren eigenen Alltagsbewegungen imitieren. Beobachten Sie solches auch beim Fussball?
Christian Uetz: Ich selbst imitiere keines Fussballers Bewegungen, vielleicht auch, weil ich seit dreissig Jahren kaum noch Fussball spiele oder erst wieder spielen werde mit meinen beiden kaum erst geborenen, null und zweijährigen Söhnen. Aber dass viele Fussballspielende ihre Fussball-Idole imitieren, erst recht Kinder und Jugendliche, ist ausser Frage. Lernen oder Bewundern durch Nachahmen gilt in allen Sportarten. Tennisschläge nachzuahmen halte ich indes in einer Hinsicht für naheliegender: darin, dass Tennis eine Einzelsportart ist und wir jeden Schlag Roger Federers mitverfolgen können und überdies nicht auf die Positionen der eigenen Mitspieler und die der Gegner angewiesen sind. Oder die Position des immer in der anderen Hälfte des Spielfeldes sich befindenden Gegners leichter ignorieren können aus der geometrischeren Grundanlage des Tennisspiels im Vergleich zum Fussball.
Ein konkretes Beispiel aus dem Fussball?
Wenn Maradona im Spiel gegen England an der Weltmeisterschaft 1986 von der Mittellinie aus ganz alleine sieben Feldspieler und zuletzt auch noch den Goalie umtrippelt und sein unfassbares Traumtor schiesst, ist das als Ganzes schwer nachzuahmen, weil die sich bewegenden Gegner fehlen. Aber Staunen kann man nicht weniger.
Einem studierten Philosophen, wie Sie einer sind, darf man im Zusammenhang mit der bevorstehenden EM sicher mit Nietzsche kommen. Gilt das Zarathustra-Zitat «Leib bin ich ganz und gar, und Nichts ausserdem.» auch für den Fussball?
Ja, „Leib bin ich ganz und gar, und Nichts ausserdem“, sagt Nietzsche. Aber dieses „Nichts ausserdem“ ist zugleich Alles, denn dieses Nichts ist in allem drin, weil es das Nichts des Geistes ist. Nietzsche, indem er den Geist dem Leib einschreibt, endet die Trennung zwischen niedrigem Leib und hohem Gedanken, endet die Trennung zwischen Fleisch und Wort überhaupt. Drum lässt sich der Satz ebensogut umdrehen: Geist bin ich ganz und gar und Alles ausserdem. Auch aus dem Leib spricht der Gedanke, und jedes Wort ist uns Menschen aus dem Fleisch geschrieben.
Was bedeutet das für den Fussball?
Indem der Leib der Tempel des Gedankens ist, spricht auch im Fussball wie in allen Weltsportarten der Geist mit dem Leib. Und auch hier zeigt sich die Intelligenz des Spielers in der Art seines Spiels. Oder noch etwas universaler: Auch jede Sportart kann uns erkennen lassen, dass wir die Sinnlichkeit mit Geist durchdringen und die Leibpräsenz auch die Geistesgegenwart intensiviert. Das Wort, welches beides vereint, ist die Lust, die Ewigkeit will.
Sie lieben also Fussball?
Ich liebe Fussball, wenn die Lust am Spielen dominiert. Ich liebe Fussball, wenn es der Eros des miteinander und gegeneinander Spielen ist. Das Spiel der Liebe, auch hier, wie in allen Begegnungen.
À propos Liebe. Als Frau fallen mir die ungehemmten körperlichen Um- und Ineinanderschlingungen der Fussballkörper auf, zum Beispiel nach einem Tor. Ist diese Art der Erotik ein Teil der Massen-Faszination?
Ich denke, es ist nicht nur die Faszination an der unzweifelhaft erotischen Komponente der sich umfassenden Umschlingungen, sondern umfassender die Ekstase überhaupt, die sich darin entlädt, der Massenorgasmus des Tores, der sich sowohl auf die Spieler als auch auf die Zuschauer überträgt. Die Massenekstase, ganz ähnlich der beim Rockkonzert. Und noch tiefer, die Ekstase überhaupt, die im Alltag fast immer fehlt. Wir alle leben von der Verliebtheitsekstase der Leidenschaft, die uns wie ein Paradiesparadigma eingepflanzt ist, und doch nur augenblickweise in den Alltag einbricht oder aus ihm ausbricht.
Fussball als Lebenselixier!
Ja. Auch gute Fussballspiele oder zumindest gute Spielzüge und tolle Schüsse zeigen etwas von der Unglaublichkeit unserer Fähigkeiten, von der ekstatischen Leidenschaft. Natürlich gehöre ich auch zu denen, die sagen, dass der Tempel der Intimität in der Nacktheit der erotischen Begegnung die tiefste und höchste menschliche Leidenschaft birgt, und die damit an das verlorene Paradies rührt. Das ist etwas ganz anderes als der Körperkult oder die Anbetung des Leibes, welcher darin sekundär ist gegenüber der ursprünglichen Innigkeit der Sprache, welche auch die fleischliche Intimität allererst zum Gebet und zum Tempel macht.
Zurück zur Frage nach der Massen-Faszination.
Wie Ronaldo im Champions League Final vor zwei Wochen - obschon er das ganze Spiel hindurch nichts zu Stande brachte - nach seinem Tor im Elfmeterschiessen sich das Leibchen vom Leib riss und seinen nackten Oberkörper präsentierte wie ein Tiergott, das roch vollends nach altgriechischer Leibvergötterung. Und wie die Turniersieger jeweils den meist goldenen Pokal stemmen und küssen, ist natürlich das goldene Kalb pur. Um wieder auf die Frage zurückzukommen: Ja, die Umschlingungen nach einem Tor oder Sieg sind ein Teil der erotischen Massen-Faszination im Verlangen nach der unhaltbaren Ekstase, und die extrem durchtrainierten Leiber der Spieler wie deren extrem gute Körper- und Ballbeherrschungen gehören in die Faszination auch des Fussballs für die nie vollkommene leibliche - und gedankliche - Vollkommenheit.
Fussball ist viel mehr als ein zivilisatorisch kulturelles Phänomen. Fussball befriedigt Triebe und eliminiert die geistige Kommunikation unter Menschen. Gut oder schlecht? Wahr oder falsch?
Dazu möchte ich erst erzählen, was ich am 18. Mai im Zug von Zürich nach Basel erlebt habe. Es war der Tag des Europa League Finales zwischen Liverpool und Sevilla im Joggeli Basel, ich im Speiserestaurant, wo vierfünftel der Plätze von Liverpool-Fans besetzt waren, die vom Flughafen Zürich aus nach Basel unterwegs, alle Bier trinkend, Schlachtrufe skandierend oder sonst wie übermütig debattierend in Vorlust überbordeten, ihr Britisch mir doch unweigerlich sympathisch. - Wie auch immer, nachdem diese in Basel ausgestiegen, sassen ausser mir nur noch zwei Schweizer Intellektuelle im Wagen, der eine drehte sich zu mir um und sagte ernsthaft wütend: „Denen müsste man eine solche Gehirnoperation verpassen, das schaffen nicht einmal die besten Chirurgen!“
Und was haben Sie diesem Intellektuellen geantwortet?
Ich antwortete unweigerlich: „Die können wenigstens noch gemeinsam ekstatisch sein, Ihre Gehirngleischschaltungsidee aber scheint extrem menschenverachtend.“ Die beiden verliessen mich wortlos und ich sass bis Badischer Bahnhof allein. Gemeinsam ausgelassen, übermütig, verrückt sein können bleibt bei aller Dumpfheit eine echte menschliche Qualität. Vergleiche ich diese zwar dumme Fröhlichkeit mit der grabesstillen Beerdigungsmine, die wir oft in vollen Bussen, Trams und Zügen haben, so kann ich unsere kollektiv trostlose Trübsal nicht unbedingt besser nennen. Ich sage nicht, dass nicht auch die Stille des Schweigens ekstatisch sein kann, ganz im Gegenteil, diese kann die innigste (musikalische, heilige) Intensität bedeuten. Aber so kommt mir unsere Alltagsstimmung der schweigenden Düsternis nicht vor, bei Leibe nicht. Entscheidend ist die Geistesgegenwart als Gegenwart des Geistes, der alles in Innigkeit verwandelt.
Dann kann also im Fussball auch der Geist gegenwärtig sein?
Wie beschrieben, kann auch Fussball geistreiche Kommunikation sein. Das Irrige an der totalen Fussballbegeisterung ist, dass die Begeisterung für den Fussbal nur dem Fussball gilt und nur den Fussball sieht, indem vergessen wird, dass die Begeisterung für den Fussball die Begeisterung für den Geist zur Bedingung und zum Mass hat. Das Irrige ist, wenn ignoriert wird, dass jede Fussballbegeisterung zugleich die Begeisterung für das Höhere in uns zum Grund hat, für die unfassbar alles umfassende Existenzbegeisterung, für das Wunder der Existenz, darin wir Zeugen sind sowohl des Wunderbaren wie des Grässlichen. Zeugen des Fantastischen wie der Verbrechen. Ein Fest des Geistes sollte auch Fussball sein, eine gemeinsam gefeierte Liebe zum Göttlichen, nicht eine allein tierische Befriedigung und Ersatzhandlung unserer abgestumpften Gemeinsamkeit, vor der wir die Einsamkeit unendlich vorziehen. Aber das ist wohl so unmöglich wie die Unmöglichkeit, die wir lieben.
Dass wir so süchtig seien nach Fernsehübetragungen von Sport habe mit der „uns eingepflanzten Gottessehnsucht“ zu tun, schrieben Sie in Ihrem Buch über Federer. Sitzen Sie nun nach Beginn der EM ab Samstag vor dem Fernseher, fahren Sie nach Paris? Suchen Sie Kompensation in der Kirche?
Wohl können wir so süchtig sein nach den Sportübertragungen, weil auch diese uns etwas von der Vollkommenheit schenken, die uns fehlt. Gott fehlt auch ohne Gott. Das Fehlen wird zum Befehl, das fehlende Göttliche zu wollen und zu vollbringen, das fehlende Wunderbare zu wollen und zu vollbringen, die fehlende Gerechtigkeit zu wollen und zu vollbringen, die fehlende Liebe zu wollen und zu vollbringen. Das vollkommen Schöne und Wunderbare und Paradiesische und Gerechte fehlt uns, und unser Verlangen danach lässt uns dem Göttlichen näher kommen, wie auch dem Grässlichen. Wir können mit Geist Engel der Hingabe werden, aber ebenso Monster der Brutalität. Der unendliche Ernst des Spiels kann das respektvolle Mass zwischen Menschen sein statt der rohen Gewalt. Ich werde die EM-Spiele mindestens ab den Achtelfinals gucken, am liebsten mit Freunden, mit Begeisterung für fantastische Spielzüge von fast übermenschlicher Schönheit.
Christian Uetz
Nach Abschluss des Lehrerseminars in Kreuzlingen studierte Christian Uetz Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Seit 1998 lebt er als freier Schriftsteller in Zürich. Er ist bisher besonders als Lyriker und Performer - eine Art „Slam Poet avant la lettre“ - hervorgetreten. Im März 2011 erschien sein erster Roman "Nur Du, und nur Ich". Das ebenfalls 2011 erschienene Federer für alle befasst sich mit dem „göttlichen“ Spiel von Roger Federer. Eine wortgewaltige Hommage an King Roger, die ewige Nummer 1 der Welt. Christian Uetz feiert den Tennisspieler als unsterbliches historisches Ereignis und setzt diesem übermütig, selbstironisch und voller Verehrung ein poetisches Denkmal für alle Zeit. (pd)
Mehr zu Christian Uetz und Roger Federer in unserem Archiv.

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