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«Man muss wollen – und dranbleiben»

«Man muss wollen – und dranbleiben»
«Eine Grundvoraussetzung ist die Offenheit für Austausch.» Der Autor Simon Froehling über die Besonderheiten eines Mentoringprogramms. | © Dieter Kubli

Der Autor Simon Froehling begleitet als Mentor das neue Literaturförderprogramm Passage, das sich an Schreibende am Anfang ihres literarischen Weges richtet. Im Gespräch erzählt er, was Mentoring für ihn besonderes macht, was er selbst von Ruth Schweikert gelernt hat und warum junge Autor:innen vor allem Offenheit, Beharrlichkeit und den Mut zum Risiko brauchen. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Herr Froehling, Sie sind einer der Mentor:innen des neuen Literaturförderprojekts „Passage“. Was hat Sie daran gereizt, bei diesem Programm mitzuwirken?

Was mir am Mentoring gefällt, ist dieses Eins-zu-eins-Verhältnis. Man kann auf die Bedürfnisse einer Person eingehen – oder vielleicht noch wichtiger: auf die Bedürfnisse des Textes. Und natürlich lerne ich selbst dabei immer sehr viel. Ein schöner Nebeneffekt ist auch, dass ich mit einer jüngeren Generation von Schreibenden in Kontakt bleibe: Was bewegt sie? Welche Themen beschäftigen sie?

Wie war das als Sie angefangen haben zu schreiben?

In Zürich haben wir uns, eine Gruppe von Autor:innen, damals selbst organisiert. Wir trafen uns jeden Dienstag, lasen unsere Texte und besprachen sie gemeinsam. Das erste institutionalisierte Mentorat über längere Zeit hatte ich dann am Schweizerischen Literaturinstitut, wo ich studiert habe. Dort hatte ich die Chance, von Ruth Schweikert, der leider verstorbenen grossen Schweizer Autorin, mentoriert zu werden.

 

Das Literaturförderprogramm «Passage»

«Passage» heisst ein neues Projekt der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, das Nachwuchs-Autor:innen auf dem Weg zum professionellen Text helfen will. Ab November 2026 erhalten während eines Jahres bis zu vier Teilnehmende die Möglichkeit, mit einer etablierten Schweizer Autorin oder einem Schweizer Autor zusammenzuarbeiten. Neben Simon Froehling sind dies Regina Dürig, Laura Vogt und Levin Westermann.Die hierbei entstehenden Texte werden ab Mai 2027 bei thurgaukultur.ch veröffentlicht.

Die Literaturvermittlerinnen Rebecca C. Schnyder und Judith Zwick leiten das Projekt gemeinsam. Ermöglicht wird das Ganze durch den Nachlass von Renate und Peter Nagel, den die Thurgauer Kulturstiftung erhalten hat. Renate Nagel war eine deutsch-schweizerische Verlagslektorin und Verlegerin des Buchverlags Nagel & Kimche. Mehr zu dem Literaturförderprogramm gibt es auch hier.

Sie haben Ruth Schweikert erwähnt. Was hat Sie aus dieser Zusammenarbeit am meisten geprägt?

Ich habe gelernt, meine eigenen Texte zu lesen. Das klingt vielleicht banal, aber ich glaube, es ist ein ganz wichtiger Schritt.

«Als Mentor versuche ich herauszufinden: Was könnte der Text eigentlich wollen? Denn der Text und die Absicht der Autorin oder des Autors sind nicht immer dasselbe.»

Simon Froehling

Können Sie beschreiben, was diesen Schritt ausmacht?

Wenn wir anfangen zu schreiben, sind wir oft einfach froh, dass überhaupt etwas da ist. Wir wollen dieses Produkt dann verteidigen – oder ich wollte das. Aber diese Verteidigungshaltung bringt dem Text selten etwas. Die eigenen Arbeit lesen zu können bedeutet auch, offen zu sein für die Mehrarbeit, die sich daraus meistens ergibt. Ich habe gelernt zu erkennen: Was steht tatsächlich auf dem Papier? Und was ermöglicht dieser Text noch? Was kann daraus entstehen? Oft ist genau das viel wertvoller als das, was bereits geschrieben ist. Diese Art der Auseinandersetzung hat meine Sprache geschärft, aber auch meinen Blick auf Themen, die mich interessieren. Eine gewisse Reibung – im positiven Sinn – ist sehr wertvoll, weil man sich dadurch immer wieder selbst positionieren muss. Auch als Mentor versuche ich deshalb herauszufinden: Was könnte der Text eigentlich wollen? Denn der Text und die Absicht der Autorin oder des Autors sind nicht immer dasselbe. Man beginnt mit einer Idee und einer Vorstellung davon, was man sagen möchte. Aber dann kommt der Text und macht manchmal etwas ganz anderes.

Gibt es eine erste Frage, die Sie Mentees zu Beginn eines solchen Prozesses stellen?

Meine erste Frage ist wahrscheinlich: Was wünscht sich die Person? Was für Erwartungen hat sie an mich und an den Prozess. Ein Mentorat kann sehr unterschiedlich gestaltet werden. Wichtig finde ich, dass diese Gestaltung gemeinsam entsteht. Ich komme nicht mit einer festen Agenda. Gerade im Rahmen von Passage interessiert mich, was die Person braucht. Manche Menschen arbeiten sehr gut mit klaren Deadlines und viel Struktur. Andere brauchen einen loseren Dialog. Das möchte ich zuerst herausfinden.

 

Mehr über Simon Froehling

Simon Froehling, 1978 geboren, ist Absolvent des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel und machte sich Anfang der Nullerjahre vor allem als Lyriker und Dramatiker einen Namen. Sein erster Roman ›Lange Nächte Tag‹ erschien 2010 im Bilgerverlag. Neben seiner Tätigkeit als Autor arbeitet er als freier Dramaturg fürs Tanzhaus Zürich. ›Dürrst‹ war 2022 für den Schweizer Buchpreis nominiert und erhielt einen Anerkennungspreis des Kantons Zürich. Sein neuer Roman erscheint im Frühjahr 2027. 

Welche Fähigkeiten müssen junge Autor:innen in einem solchen Prozess entwickeln?

Eine Grundvoraussetzung ist die Offenheit für Austausch. Man muss bereit sein, über die eigenen Texte zu sprechen. Das kann natürlich auch anstrengend sein. Man muss sich auf dieses Gefäss einlassen wollen. Es gibt Autor:innen, die zeigen ihre Texte niemandem, bis sie sie an eine Redaktion oder ins Lektorat schicken. Auch das kann ein Weg sein. Aber in einem Mentorat braucht es diese Offenheit. Danach hängt vieles davon ab, wo jemand gerade steht und was die Person möchte. Manche schreiben zunächst für sich und wollen sich weiterentwickeln. Andere haben schon sehr konkret das Ziel, publiziert zu werden. Das sind unterschiedliche Ausgangslagen. Der Fokus bei Passage liegt für mich aber klar auf der Textarbeit. Natürlich kann ich auch Erfahrungen zum Publizieren oder zum literarischen Betrieb teilen, aber das ist nicht der Hauptpunkt.

Wenn Sie sich an Ihre eigenen Anfänge erinnern: Wie gross ist der Schritt, den eigenen Text zum ersten Mal anderen Menschen zu zeigen?

Die ersten Menschen, die meine Texte gelesen haben, waren Freund:innen. Aber ich erinnere mich: Jeden Dienstag war ich unglaublich nervös, wenn ich einen Text geteilt habe. Ich kann deshalb sehr gut verstehen, dass dieser Schritt Überwindung kostet. Und auch heute bin ich vor jeder Lesung noch wahnsinnig angespannt. Ich glaube, bei manchen Menschen – sprich: bei mir – verschwindet das nie ganz. Dazu kommt natürlich die Bereitschaft, mit Widerspruch und Kritik umzugehen. Aber ich sehe mich nicht als jemand, der gegen einen Text arbeitet. Ich bin da, um den Autor:innen zu helfen, das Potenzial der Texte zu steigern und die eigene Sprache weiterzuentwickeln. Eigentlich sehe ich mich als Fragestellenden. Ich stelle die Fragen, die mir der Text als Leser stellt. Ich bin gewissermassen ein Stellvertreter für die Leserschaft – natürlich mit einem professionellen Hintergrund.

«In jedem Text steckt Potenzial. Die Frage ist nur, wie man es freilegt.»

Simon Froehling

Woran erkennen Sie literarisches Potenzial in einem Text?

Ich glaube nicht, dass es darum geht, etwas völlig Neues zu erfinden. Diese Suche nach dem immer Neuartigsten interessiert mich nicht besonders. Mich interessiert vielmehr, ob ein Text in sich funktioniert. Welche Regeln er für sich aufstellt und ob er diese Regeln dann auch befolgt. Welche Welt entsteht? Welche Perspektive nimmt der Text ein? Wie funktionieren Syntax und Sprache? Hat der Text seinen eigenen Klang? Ich benutze bewusst ein Wort aus der Akustik: Ich höre, ob in einem Text etwas liegt. Natürlich ist das subjektiv. Ich habe meine eigenen Erfahrungen, meine eigene Stimme und meine eigenen literarischen Vorlieben. Aber ich würde sogar sagen: In jedem Text steckt Potenzial. Die Frage ist nur, wie man es freilegt.

Was braucht es heute, um als Autor:in erfolgreich zu sein? Talent, Handwerk oder Beharrlichkeit?

Wahrscheinlich alles zusammen. Aber ich glaube, viele Menschen unterschätzen die Beharrlichkeit. Ich erinnere mich an ein Zitat von Lukas Bärfuss am Institut. Er hat einmal gesagt: Man muss wollen. Und das stimmt. Man muss wirklich wollen und dranbleiben Ich würde sagen: Beharrlichkeit, Handwerk und Talent gehören zusammen. Das Handwerk entsteht durch Übung, Austausch und Lektüre. Und ich glaube, Talent wird oft überschätzt, während Beharrlichkeit und Handwerk unterschätzt werden.

Passage setzt sehr früh an – bei Menschen, die vielleicht noch nicht veröffentlicht haben. Ist dieser Zeitpunkt für ein Mentorat nicht zu früh?

Nein, überhaupt nicht. Ein mögliches Ergebnis eines Mentorats kann auch sein, dass jemand merkt: Das ist nicht mein Weg. Vielleicht stellt man fest, dass einem die Arbeit, die nötig ist, nicht liegt. Auch das ist eine wertvolle Erkenntnis. Gerade am Anfang kennen viele Schreibende vielleicht noch keine anderen Menschen, die schreiben. Sie haben noch kein Netzwerk und trauen sich vielleicht noch nicht, sich an Institutionen wie das Literaturinstitut oder andere Förderangebote zu wenden. Ich sehe darin ein grosses Potenzial: Menschen können herausfinden, ob sie das Schreiben weiter professionalisieren möchten oder ob sie es als persönliche Leidenschaft behalten wollen. Beides ist wertvoll. Wenn jemand merkt: Ja, ich möchte schreiben – dann ist es nie zu früh, in Austausch zu kommen und ein Netzwerk aufzubauen.

«Das Handwerk entsteht durch Übung, Austausch und Lektüre. Und ich glaube, Talent wird oft überschätzt, während Beharrlichkeit und Handwerk unterschätzt werden.»

Simon Froehling

Was würden Sie Menschen raten, die sich jetzt für Passage bewerben möchten?

Ich würde raten: Schickt nicht unbedingt den sichersten Text ein. Manchmal täuscht man sich selbst. Ein Text, der sehr routiniert und angepasst wirkt, sagt vielleicht weniger aus als ein Text, in dem jemand wirklich etwas wagt. Ein befreundeter Autor hat kürzlich an einer Lesung gesagt, ihn interessieren beim Schreiben immer die eigenen blinden Flecken. Dort beginnt es spannend zu werden. Und ich glaube, das merkt man auch in Texten: Wo fordert sich jemand wirklich heraus? Wo geht jemand ein Risiko ein? Natürlich sollte man nichts einreichen, von dem man selbst das Gefühl hat, es sei noch unfertig. Aber ich würde mich immer eher für einen Text interessieren, der etwas wagt, auch wenn noch nicht alles perfekt geschliffen ist. Und man sollte nicht für ein Publikum schreiben. Auch nicht für eine Jury. Man sollte versuchen, diesen freien Raum zu finden, in dem man für sich selbst schreibt – ohne die Erwartungen der Mutter, des Chefs, der Nachbarin oder eines möglichen Publikums im Kopf. Gerade dieser Raum ist wichtig. Und vielleicht ist er sogar der schwierigste, den man sich als Autor:in bewahren muss.
 

Bis 25. August: So kannst du dich bewerben

Für die Bewerbung werden benötigt:

* Textproben aus einem laufenden Projekt oder aus einzelnen literarischen Arbeiten (10–15 Seiten)
* eine kurze Beschreibung (max. 2 Seiten); Woran wird gearbeitet? Was soll im Mentorat entwickelt werden? Was wird von der Teilnahme erwartet und gewünscht?
* eine Kurzbiografie oder einen Lebenslauf

Bewerbungsschluss ist der 25. August 2026. Der Entscheid erfolgt bis zum 20. September 2026.

Eine unabhängige Jury beurteilt die Bewerbungen und trifft die Auswahl.

Gesuchseinreichung

Die Bewerbungsunterlagen können per Mail unter folgender Adresse eingereicht werden: passage@kulturstiftung.ch

Fragen?

Details zu Ablauf, Terminen, Mentor:innen, Auswahlverfahren und Teilnahmebedingungen sind in den FAQ auf der Internetseite der Kulturstiftung des Kantons Thurgau beschrieben.

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Ausschreibung «Freies Atelierstipendium»

Bewerbungsdauer: 1. Juli bis Mitte August 2026 über die digitale Gesuchsplattform der Kulturstiftung Thurgau.

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