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von Inka Grabowsky, 24.11.2023

Ein Musical über Gehörlose mit Gehörlosen

Ein Musical über Gehörlose mit Gehörlosen
Sieben von über hundert Beteilgten des SBO-Grossprojekts. vlnr: David Lang, Stefan Roth, Nina Amon, Christian Schärer, Barbara Tacchini, Stefan Freiberger, Lilian Fritz | © Inka Grabowsky

Grosses Spektakel im Kreuzlinger Dreispitz: Mehr als 100 Beteiligte stehen bei «Zeppelin – ein Musical» auf der Bühne. Premiere ist am 13. Dezember. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Jetzt laufen Fäden zusammen, an denen wir seit zweieinhalb Jahren gesponnen haben», sagt David Lang. «Jetzt spüre ich bei den Proben, was ich auch beim Komponieren gespürt habe.» Der Musiker aus Mammern war im Frühjahr 2021 vom Verein «Symphonische Kulturevents» beauftragt worden, ein Musical zu schreiben, in dem das Symphonische Blasorchester Kreuzlingen seine Qualitäten zeigen kann. 

Thematisch liess er sich vom Grafen Zeppelin inspirieren, der auf Schloss Girsberg in Kreuzlingen aufwuchs, und kombiniert im Stück einen phantastischen Grafen mit dem aktuellen Thema der Inklusion von Behinderten. «Ich hatte einen Bericht gelesen über die Schwierigkeiten von Gehörlosen, wenn sie einen Beruf ergreifen wollen. Jetzt sind beide Themen zusammengewachsen.» Die Hauptfigur des Musicals, Emma, ist gehörlos.

 

Komponist und Librettist David Lang findet noch immer etwas zu verbessern. Bild: Inka Grabowsky

Ohne Gehör auf der Musicalbühne

«Wir wollten auf keinen Fall eine Hörende eine Gehörlose spielen lassen», erklärt Regisseurin Barbara Tacchini. «Gleichzeitig kommt ein Musical eben nicht ohne Gesang aus. Also haben wir eine künstlerische Lösung gefunden.» Drei Darsteller spielen nun unterschiedliche Facetten der Hauptrolle. Die als Kind ertaubte Brigitte Schökle Staerkle aus Romanshorn übernimmt die handelnde Person. «Und Stefan Freiberger hatte beim Casting Emmas Briefe so poetisch interpretiert, dass er nun alle schriftlichen Äusserungen darstellt.» 

Emmas Gedanken singt die Mezzosopranistin Nina Amon: «Es ist interessant, zu dritt eine Rolle zu spielen», meint sie. «Es soll ja nicht schizophren wirken. Die Regie muss uns gut an die Hand nehmen.» 

Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass die Sängerin sich auf der Bühne schauspielerisch zurückhält, um den Blick der Zuschauer auf Brigitte Schökle Stärkle oder Stefan Freiberger zu halten. «Es ist sehr viel Sorgfalt nötig, damit jedem klar ist, dass Emma auch auf der Bühne ist, wenn ich nicht zu sehen bin», so Amon. 

 

Inklusion heisst «mit» und nicht «für»

«Wir machen es umgekehrt wie üblich», erklärt Dirigent Stefan Roth. «Oft steht die Sängerin im Vordergrund und jemand an der Seite übersetzt für Gehörlose, was sie singt. Bei uns stehen die Gehörlosen vorne, und der Gesang kommt von hinten.» 

Die zusätzliche Dienstleistung, für Gehörlose sämtliche Texte und auch die Art der Musik zu schildern, gibt es nur bei der Vorstellung am 30. Dezember. «Ich bin stolz, dass Gehörlose so zentral in diesem Projekt sind», sagt Lilian Fritz , die selbst Schauspielerin ist und an der Schauspielschule Olten einen Schauspielkurs für Gehörlose ins Leben gerufen hat. 

«Echte Inklusion gibt es nur mit den Betroffenen, nicht, wenn man etwas für sie organisiert.» Regisseurin Tacchini sieht im inklusiven Projekt einen Fall von «Deaf Gain» - einem Vorteil für die Gesellschaft durch den vermeintlichen Nachteil: «Wir mussten neue ästhetische Ideen entwickeln.» 

 

Einige Gesten der Gebärdensprache versteht jeder. Bild: Inka Grabowsky

Traum erfüllt

Der «personifizierte Brief» Stefan Freiberger sagt, er habe schon immer Schauspieler werden wollen. «Schon als Kind habe ich alle Menschen imitiert», gebärdet der 32-Jährige (übersetzt von Lilian Fritz). 

Nach seiner Ausbildung zum Maler und vor dem Beginn seiner Ausbildung zum Gehörlosen-Übersetzer habe er deshalb während drei Jahren Schauspielkurse in Olten belegt. «Ich habe mich sofort um die Rolle beim Zeppelin-Projekt beworben, als über das Internet nach gehörlosen Schauspielern gesucht wurde, auch wenn Kreuzlingen von meinem Wohnort im Kanton Luzern recht weit entfernt ist.»  

30 Monate Vorbereitung für sieben Vorstellungen

Alle Beteiligten stellen sich mit dem Zeppelin-Musical einem gewaltigen Aufwand. Christian Schärer vom OK des Vereins «Symphonische Kulturevents» spricht von einem Budget von rund einer halben Million Franken, das nur mit Hilfe von Sponsoren, Stiftungen sowie öffentlicher Unterstützung zusammengebracht werden konnte. 

«Eine schwarze Null schaffen wir bei 85 Prozent Auslastung.» Auch das ist ein Grund, es bei sieben Vorstellungen zu belassen. Müsste man die Profis einen weiteren Abend bezahlen, geriete der Finanzplan ins Wanken. «Dazu kommt noch, dass unsere hundert Amateure nicht alle immer Zeit haben.»

 

Dirigent Stefan Roth muss hochkonzentriert sein, um den gehörlosen Darstellern die optischen Signale für ihren Einsatz zu geben. Bild: Inka Grabowsky

«Jeder, der sich das nicht anschaut, ist selbst schuld.»

Stefan Roth, Dirigent des Symphonischen Blasorchesters 

Die Orchestermitglieder haben bisher einmal die Woche geprobt, doch je näher die Premiere rückt, desto enger wird der Übungsplan. «Die Länge des Stücks ist die Herausforderung», so Stefan Roth. «Wir spielen zweimal 45 Minuten. Aber langsam fängt es an zu leben». 

Stilistisch sei alles vertreten, auf besonderen Wunsch des SBO auch Stücke ohne Gesang, zu denen die Gymnastikgruppe performen wird. Das Orchester will sich schliesslich in seiner ganzen Vielseitigkeit präsentieren. «Jeder, der sich das nicht anschaut, ist selbst schuld» 

 

Die Verbotsschilder, die zentral für die Musical-Handlung sind, existieren schon. Bild: Inka Grabowsky

Termine & Tickets

Aufführungen von «Zeppelin – ein Musical» im Kreuzlinger Veranstaltungszentrum Dreispitz gibt es am 

 

13.12.

15.12.

16.12.

21.12.

22.12.

30.12. 

und 31.12. 

 

Karten kosten zwischen 54 und 96 Franken. Sie sind hier erhältlich. Das Dreigang-Menü vorab kostet 69 Franken.

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