von Brigitta Hochuli, 26.07.2014
„Die Operette ist wieder da!“

Zeitgemäss sei Paul Abrahams Musik und intelligente Unterhaltung fürs moderne Publikum, sagt der Regisseur der Operette Sirnach. Mit „Viktoria und ihr Husar“ holt Leopold Huber ein Stück auf die Bühne, das diesem Anspruch gerecht werden wird.
Brigitta Hochuli
Im Eingang des riesigen Probenraums in der ehemaligen Rieter-Textilfabrik hängen wunderschöne Kimonos. Das passt! „Meine Mama war aus Yokohama...“ singt und probt ein Teil der Truppe der Operette Sirnach. Begleitet wird sie schmissig von der aus Russland stammenden Korrepetitorin Ekaterina Hänggi. Der Ohrwurm stammt aus „Viktoria und ihr Husar“ - der berühmtesten Operette von Paul Abraham (1892-1960). Gespielt wird sie ab 8. Dezember im Dreitannensaal.
Regisseur Leopold Huber und Assistentin Florence Leonetti proben mit. Sie markieren den japanischen Chor. Die Geschichte des in Russland gefangenen ungarischen Husars und seiner Jugendliebe Viktoria spielt in fernen Ländern. Das gehört zum Genre der 20er und 30er Jahren. Es ist der sogenannte Exotismus, der zusammen mit der Art deco über die schwierigen Zwischenkriegsjahre hinweg helfen soll. Huber hat die Ausstattung allerdings in die 50er Jahre bis zum Ungarnaufstand 1956 verlegt. Die Brisanz des Stoffs bleibe die gleiche und sei dem heutigen Zuschauer näher, sagt er.
Thurgauer Erfindung
Mit „Viktoria und ihr Husar“ gelang dem ungarischen Komponisten Paul Abraham nach der Uraufführung 1930 in Budapest der internationale Durchbruch in Berlin. Seine Operette füllte nicht nur die Theatersäle, sondern auch die Filmpaläste. Sie gehörte zu den Höhepunkten des bronzenen Zeitalters des Musiktheaters.
„Eigentlich ist die Operette aber eine Thurgauer Erfindung und Napoleon III. zu verdanken, der auf Schloss Arenenberg gewohnt hat“, erklärt Leopold Huber. 100 Jahre nach Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ habe Jacques Offenbach in Paris die „Kleine Oper“ als ironisches Spiegelbild des operettenhaften Kaiserhofs Louis Napoleons geschaffen. Es folgten die Operetten „Fledermaus“ von Johann Strauss, Carl Millöckers „Bettelstudent“ und 1905 die „fulminante Wiederauferstehung“ mit Franz Lehars „Lustiger Witwe“ und den Operetten von Emmerich Kalman und Oscar Strauss. Das war das silberne Zeitalter. Neue Rhythmen, Jazz und Revue-Teile schufen dann - beeinflusst von Amerika - Abraham, Ralph Benatzky und Robert Stolz.
Jetzt sei die Operette wieder da - witzig, kitschig, zeitgemäss und schrill, sagt Huber. „Auferstanden aus Ruinen“, werde sie nicht mehr als reine Wunschkonzert-Nummernfolge im Musikantenstadelformat wahrgenommen, sondern als intelligente Unterhaltung fürs morderne Publikum.
Mit Buddha und Lenin auf der Bühne
Im Rieter-Saal nimmt die Probe ihren Lauf. Das Liebspaar Graf Ferry (Christian Sollberger und O Lia San (Stefanie Gygax) tanzt unter Anleitung von Choreograf Kinsun Chan zusammen mit den jungen Tänzerinnen eine Szene in Tokio. „Du hast so etwas süss Erotisches“ singt Sollberger mit seiner schönen Musical-Stimme und seine Partnerin steht ihm in nichts nach. Alle Solisten sind Professionelle; der Rest der 50 Mitwirkenden hat das Format dazu. Es sei die 20. Aufführung der Operette Sirnach seit 1955, betont Vereinspräsident Philipp Müggler, der zur Probe eine Stippvisite macht.
Noch fehlen der Chor und das Orchester mit seinen 35 Musikern unter Leitung von Martin Baur. Auch das Bühnenbild von Klaus Hellenstein kann man sich nur vorstellen. Florence Leonetti zeigt und möbliert aber schon mal das Modell: mit einem Buddha als Identifikationsfigur für Japan und einem Lenin für Russland. Filmeinspielungen werden die im Libretto von Imre Földes von Grünwald und Löhner-Beda vorgesehenen Rückblenden zeigen und das Bühnenbild atmosphärish ergänzen.
Abrahams „Glanz und Zauber“ überlebt
So berühmt die Operette, so traurig das Schicksal ihres Komponisten. Der Jude Paul Abraham musste vor Hitler nach Amerika fliehen. Dort war man nicht nur durch Gershwin schon vertraut mit der Jazz-Operette, Abraham erkrankte zudem an den Folgen einer Syphilis, kam in die Psychiatrie und wurde vergessen. Auf einem „Flug der Verdammten“ wurde er mit Hilfe von Freunden vier Jahre vor seinem Tod nach Deutschland zurückgeschafft und bekam dort auch Wiedergutmachungshilfe. Aber es war zu spät. Überlebt hat bis heute Abrahams musikalischer „Glanz und Zauber“, wie Huber sagt. Und den wird die Operette Sirnach zu beleben wissen.

Weitere Beiträge von Brigitta Hochuli
- Kultur für Familien: Was im Thurgau noch fehlt (06.09.2018)
- Rätsel gelöst: So alt ist der Kunstraum Kreuzlingen (29.06.2018)
- Musikschule Kreuzlingen sucht Verbündete (14.06.2018)
- Kult-X in WM-Stimmung: Das etwas andere Public Viewing (29.05.2018)
- Unterm Sternenhimmel (13.05.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Bühne
Kommt vor in diesen Interessen
- Reportage
- Musiktheater
Ähnliche Beiträge
Wenn Eltern so richtig nerven
Die beiden Thurgauer:innen Barbara Tacchini und Christoph Luchsinger machen am Theater St. Gallen Musiktheater für Kinder ab sechs Jahren. Zu einem Thema, das uns allen sehr vertraut ist. mehr
Gewinnspiel der Wochen #33
Wir verlosen drei Exemplare von Linda Lenglers neuestem Werk "Die Blase". mehr
Ein ganz besonderes Duo
Augenblicke (6): Am 16. Juli eröffnen die Festspiele Bregenz. Sie waren schon immer auch eine Bühne für modische Ausgefallenheiten. Einen Moment hat unser Fotokolumnist Urs Oskar Keller eingefangen. mehr

