von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 15.12.2025
Wenn Eltern so richtig nerven

Die beiden Thurgauer:innen Barbara Tacchini und Christoph Luchsinger machen am Theater St. Gallen Musiktheater für Kinder ab sechs Jahren. Über ein Thema, das uns allen sehr vertraut ist. Schüler:innen haben ihre Ideen in das Stück «Andersrum!» eingebracht. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Der Grundgedanke ist verlockend: Was wäre, wenn nicht Erwachsene, sondern Kinder die Regeln unseres Zusammenlebens vorgeben würden? Das ist die Ausgangslage der Musiktheaterproduktion «Andersrum!», die derzeit am Theater St. Gallen gespielt wird. Barbara Tacchini, die aus dem Thurgau stammende Musiktheater-Expertin und frühere künstlerische Leiterin der Jungen Oper Stuttgart, hat das Stück gemeinsam mit dem preisgekrönten kanadischen Komponisten Thierry Tidrow entwickelt. Der ebenfalls aus dem Thurgau stammende Musiker Christoph Luchsinger spielt eine tragende Rolle in der Inszenierung.
«Es ist ein Stück über Liebe und Macht in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern», erklärt Regisseurin Barbara Tacchini in einem Gespräch mit thurgaukultur.ch. Im Zentrum der Geschichte steht ein Kind (Mack Wolz, Mezzosopran) mit seinem Vater (Christoph Luchsinger). Sie stecken fest in einem sehr einseitigen Dialog aus «Sei still! Mach vorwärts! Schlaf ein!».
Video: Trailer zum Stück
Irgendwann beschliesst das Kind, dass es davon genug hat und nun alles selbst bestimmen will. Der Papa wird zum Erfüllungsgehilfen, und beide lassen sich auf dieses Spiel ein. Ob es nur ein Traum ist, behält das Stück für sich. Aber auch so ist es spannend zu sehen, was passiert, wenn die gewohnten Rollen auf den Kopf gestellt werden. Das Stück spielt auf einer mobilen Bühne, das heisst, es könnte im Grunde überall gezeigt werden. Auch Thurgauer Schulen und Institutionen können die Inszenierung für sich buchen – per E-Mail an Barbara Tacchini.
Wie Schüler:innen mitbestimmen durften
Was die Geschichte besonders macht, ist, dass sie auf Erfahrungen und Erlebnissen von Kindern beruht. Denn in der Vorbereitung des Stücks hat Barbara Tacchini mit vier Schulklassen zusammengearbeitet. Der partizipative Ansatz der Inszenierung war ihr wichtig. Sie wollte schliesslich nichts auf die Bühne bringen, was nicht authentisch ist. «Allen Kindern haben wir die Frage gestellt, was sie befehlen würden, wenn sie befehlen könnten», erklärt Tacchini ihr Vorgehen. Daraus seien jeweils Geschichten entstanden, die nun teilweise auch im Stück zu sehen sind.
Die Schulklassen haben das Projekt über mehrere Phasen begleitet: von den ersten Recherchen im März dieses Jahres über weitere Workshops im Sommer bis kurz vor der Premiere im November. Die Kinder konnten so nicht nur ihre Ideen einbringen, sondern auch verfolgen, wie die Theaterleute ihre Geschichten umsetzen. «Wichtig in solchen partizipativen Prozessen ist es, nicht zu viel zu versprechen, sonst schafft man nur Enttäuschung. Aber wir haben das sehr klar formuliert, und ich glaube, die Kinder waren überrascht, wie viele ihrer Geschichten wir tatsächlich auf die Bühne gebracht haben. Sie fühlten sich jedenfalls sehr angesprochen davon», erklärt die Regisseurin.
Der Klang einer Sternschnuppe
Auch für den Trompeter Christoph Luchsinger war die Arbeit an dem Stück eine besondere Erfahrung: «Das Thema ist uns allen vertraut, denn wir waren alle einmal Kinder. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn Erwachsene meinen, besser zu wissen, was gut für einen ist», sagt der Musiker. In der Rolle des Vaters auf der Bühne habe er sich gar nicht gross verstellen müssen. «Auch mit meinem Sohn habe ich ähnliche Diskussionen geführt, meine Familie hat manche Szenen wiedererkannt», sagt Luchsinger, der neben seiner Arbeit als Musikschullehrer vor allem experimentelle und innovative Musikprojekte umsetzt.
Bei «Andersrum!» mochte er vor allem die Zusammenarbeit mit den Schüler:innen. «Das war wirklich toll, vor allem, weil die Kinder in manchen Dingen sehr klare Vorstellungen hatten. Zum Beispiel wussten sie ganz genau, wie eine Sternschnuppe klingen muss», erinnert sich Luchsinger. Das findet sich nun auch in der Inszenierung wieder. Neben klassischen Instrumenten wie Trompete und Alphorn spielt der Thurgauer Musiker hier auch auf einem Gartenschlauch. Über den Klang die Zuhörer:innen zum Staunen, Lachen und Nachdenken zu bringen, ist oft eine Kernidee von Christoph Luchsingers Projekten.
Was die Kinder den Theaterleuten erzählt haben
In der Vorbereitung des Stücks haben aber nicht nur die Kinder etwas über Musik und Musiktheater gelernt, sondern auch Barbara Tacchini und Christoph Luchsinger haben neue Einblicke in die Welt der jungen Menschen gewonnen. «Es war berührend zu spüren, wie stark die Kinder in ihrem Alltag Machtlosigkeit empfinden», blickt Regisseurin Barbara Tacchini zurück.
Die Gespräche hätten oft tief blicken lassen. Die Kinder erzählten eben nicht nur, was sie an ihren Eltern nervt, sondern auch, in welchen Situationen sie sich besonders übergangen fühlen. «Ein Kind erzählte zum Beispiel: ‹Schlafen ist dumm. Während man schläft, machen die Eltern megacoole Sachen am iPad.›», erzählt die Regisseurin. Da ist man schnell mitten in der Debatte um die Nutzung mobiler digitaler Geräte – und um die Frage, ob nicht wir Erwachsenen das viel grössere Problem sind, allein durch die Nutzung, die wir vorleben.
Eine weitere Erkenntnis aus den Gesprächen mit den Schüler:innen: Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sind für sie extrem wichtig. «Eltern sollten keine Dinge zusagen, die sie nicht einhalten können», schliesst Barbara Tacchini daraus. Das sorge nur für Unzufriedenheit und Unsicherheit im Verhältnis zwischen Kindern und Eltern.
Ist Musiktheater die richtige Form?
Bleibt die Frage, ob die Form des Musiktheaters oder der Kinderoper die richtige ist, um junge Menschen zu erreichen. «Klar», sagt Barbara Tacchini, «das ist vielleicht nicht die erste Form, die sich Kinder auswählen würden. Aber wenn man ihre Geschichten darin auf spannende und nahbare Weise erzählt, dann funktioniert es sehr gut.»
Experimentelles Musiktheater bedeute eben auch, dass man alles ausprobieren könne – «und was entspricht Kindern mehr als das?», fragt die Regisseurin. Christoph Luchsinger ergänzt: «Alles, was auf unserer kleinen Bühne steht, kann klingen. Es geht darum, Gefühle in Musik und Klang umzuwandeln und dann dafür die passenden Bilder auf der Bühne zu finden.» Die Reaktionen aus den bisherigen Vorstellungen zeigten, dass die Kinder Lust hätten, sich auf dieses Experiment einzulassen.
Hier kann man das Stück buchen
Wer es selbst erleben möchte: Die Inszenierung «Andersrum!» ist am 20. und 27. Dezember am Theater St. Gallen zu sehen. Zudem kann die Inszenierung auch für das Schulhaus oder den Gemeindesaal gebucht werden, zum Beispiel über die Kulturvermittlungsplattform kklick.ch. Alle Details dazu gibt es hier.
Weitere Auskünfte erteilt auch das Theater St. Gallen unter Telefon 071 242 05 11 oder per E-Mail an kbb@konzertundtheater.ch.

Weitere Beiträge von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter
- Kunstkreuzfahrt auf dem Bodensee (12.02.2026)
- „Mit KI könnten wir Geschichte lebendiger machen.“ (09.02.2026)
- «Ich möchte etwas bewegen!» (02.02.2026)
- „Die Leidenschaft für Kunst verbindet uns!“ (02.02.2026)
- Nur eine Illusion von Gleichheit (19.01.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Bühne
Kommt vor in diesen Interessen
- Bericht
- Kinder
- Musiktheater
- Oper
Ähnliche Beiträge
Zwischen Risiko, Rhythmus und Rennbahn
Die Uraufführung wurde zum zweimal ausverkauften Fest: arttv.ch gibt einen Videoeinblick in die Tanzproduktion Giant Steps der jungen Thurgauer Kompagnie Remi Demi mehr
Puppenspiel mit Pistolentechnik
Abenteuerlust trifft auf die Sehnsucht nach einem ruhigen Zuhause. «Die Muskeltiere» kommt nach Frauenfeld, wo Rahel Wohlgensinger und Frauke Jacobi gleich vier Puppen Leben einhauchen. mehr
Gewinnspiel der Wochen #33
Wir verlosen drei Exemplare von Linda Lenglers neuestem Werk "Die Blase". mehr

