von Brigitta Hochuli, 07.12.2010
Die Debatte

Haben Sie Ärger, ein Anliegen, eine Behauptung, eine Erfahrung oder eine Geschichte? Das Angebot, das alles zu äussern, kam als Einstieg zu einer „Debatte“ unter rund 80 Kulturschaffenden von Klaus Hersche, dem Kulturbeauftragten der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Er hatte am Montag zusammen mit Stiftungspräsidentin Claudia Rüegg und Kulturamtchef René Munz in den Salon précaire des Forums andere Musik nach Frauenfeld geladen. Agent provocateur sollte der Theatermann Peter Schweiger sein.
Brigitta Hochuli
Provokation war nicht nötig. Sinn der „Debatte“ war gemäss Einladung eine Kontakt- und Bestandesaufnahme, das Aufspüren von gegenseitigen Wahrnehmungen, Erwartungen, Bedürfnissen und relevanten Themen, um sie „für die Zukunft produktiv zu machen“.
Von aussen erscheine der Thurgau ohne klares Zentrum, stellte der aussenstehende Peter Schweiger fest. Ob es so möglich sei, sich gegenseitig anzuregen oder ob die Unmöglichkeit nicht gerade das Problem des Kantons sei?
Es fehle sowohl die professionelle Auseinandersetzung als auch die überregionale Verknüpfung, pflichtete ihm einer bei, es fehle auch der Anstoss von aussen, ein anderer. Man müsse Künstler von aussen in den Kanton bringen.
Das mache er, sagte Richard Tisserand. Der Kunstraum in Kreuzlingen sei genau eine solche Plattform. Andererseits müsse man auch jene fördern, die aus dem Kanton hinaus gingen.
Wenn man hinausgehe, zahle zum Beispiel Zürich dem Thurgauer nichts. Andererseits heisse es im Thurgau, man gehöre nicht mehr dazu, bemerkte daraufhin Panflötist Urban Frey. Künstler über ihre Herkunft zu definieren, sei eine Malaise, findet Klaus Hersche.
Theatermann Uwe Schuran macht viel Theater, er macht es gern im Thurgau, und er will auch davon leben. Aber es gebe Schwierigkeiten. Es fehle manchmal an Rückmeldungen, Auseinandersetzung und Begleitung. Im übrigen finde er das Wort Debatte schrecklich. Er sei mit Skepsis gekommen, denn man wisse ja, dass es Frustration gebe und Kunstschaffende immer am Jammern seien.
Regisseur Jean Grädel lobte die Orte in Zürich, wo man sich über alle Sparten hinweg miteinander auseinandersetzen könne, weil sie ständig bespielt seien. Das sei im Theaterhaus Weinfelden nicht möglich. „Es ist ständig besetzt.“ Worauf René Munz die Kaserne Frauenfeld ins Spiel brachte, wofür sich der neue Kulturbeauftragte der Stadt sicher einsetzen werde.
Um Qualität komme man aber nicht herum, sagte Munz und nannte als Beispiel den Thurgauer Pianisten Martin Lucas Staub, der in der Region das internationale Kammermusikfesival begründet hat. „Er macht Welttournee und ist wieder zurückgekommen“, sagte Munz. Welttourneen könne der Kanton aber nicht unterstützen. „Wir machen Strukturförderung, nicht Personenförderung.“ Es sei ihm ein Anliegen, dem Thurgau etwas zurückzugeben, meinte Staub. Aber das Festival am Bodensee sei ein Risiko. Das grösste Fragezeichen sei die Unterstützung durch die Bevölkerung. Man brauche die Deutschen.
Kurt Schmid, Medienpädagoge an der PHTG und seit Jahrzehnten Kulturvermittler, stellte in Abrede, dass die Region kein städtisches Zentrum habe. Doch seien grenzüberschreitende Initiativen gescheitert und zudem nachhaltige kantonale Projekte wie etwa die Gründung der Kulturstiftung nur durch sehr viel Lobbyarbeit zustande gekommen. „Wir haben ein klares Strukturproblem.“ Kultur werde mehr gepflegt als gefördert.
Es sei im Kanton Infrastrukutur einzufordern, meint Hannes Brunner, der lange in New York gelebt hat. Dann könne man im Thurgau aktiv sein und auch hier wohnen. Um dem „unheimlichen Magneten Zürich“ etwas entgegensetzen zu können, müsse man mit dem Land anders umgehen und Experimente wagen. „Das könnte spannend sein.“
Die Zentrumsfrage sei letztlich eine politische, stellte Peter Schweiger in den Raum, worauf René Munz die Kulturschaffenden aufforderte, mit den Gemeinden den Dialog zu suchen.
Das hingegen kann sich Christoph Rütimann, der aus der Innerschweiz vor 12 Jahren nach Müllheim hergezogene international tätige Künstler, nicht vorstellen. Für Gegenwartskultur sei die Struktur der Gemeinden nicht geeignet. Er finde es gut, dass junge Künstler wegzögen. „Wenn sie zurückkehren, ist es super. Wenn nicht, ist es auch gut.“
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Sie sei nicht so sicher, ob die Schaffung eines neuen Zentrums das Anliegen vieler wäre, fasste Claudia Rüegg einen Teil der Debatte zusammen. Sie erlebe verschiedene partikularisierte Szenen und viele Orte mit kleinem Magnetismus. Und Klaus Hersche ergänzte: „Es fehlen freche Forderungen und es fehlt ein kulturtragendes Bürgertum.“ Der Thurgau müsse nicht von einem Opernhaus träumen, sondern sich überlegen, ein Kanton für die Produktion zu sein.
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Überschwänglich lobende Worte fand Kunstmuseums-Kuratorin Dorothee Messmer für diesen Kanton. Für zwei Festivals ausserhalb des Thurgaus habe sie unglaublich gute Unterstützung bekommen: „Das kann man nur vergolden!“ Einzelförderung sei nicht das Problem. Das Problem sei: „Wir getrauen uns nicht, gross zu denken!“
Felix Rutishauser vom Frauenfelder Vorstadttheater schliesslich beklagte die mangelnde Wahrnehmung der Veranstalter durch den Kanton, worin ihm auch Karin Herzog vom Eisenwerk und KAFF beipflichtete. Eindrücklich schilderten zudem die jungen Macher vom USL Ruum für Kunst und Kultur in Amriswil ihre Kulturarbeit, deren Einsatz total scheint und die dankbar sind für die finanzielle Unterstützung durch die öffentlichen Hand.
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Wie USL wolle auch die Kulturstiftung mit dieser Debatte nun weitermachen, fand Claudia Rüegg, nämlich mit dem Gefühl, klein anzufangen, um später politischen Power zu entwickeln. Klein anfangen, aber mit Überzeugung, pflichtete ihr Klaus Hersche bei. „Wir wollen kein Debattierclub werden, sondern Aufträge an eine Struktur erteilen und Ideen sammeln, die gross zu denken sind.“

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