von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 15.09.2025
Der Turmbau zu Mulegns

Das Festival «Origen» in Graubünden zeigt, weshalb Kultur nicht nur in urbanen Zentren stattfinden sollte, sondern überall. Davon kann auch der Thurgau lernen. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Es gab Zeiten, da bauten die Menschen Türme vor allem zu Verteidigungszwecken. Türme boten Orientierung, Übersicht und waren im Idealfall schwer einzunehmen von möglichen Angreifern. Heute sind Türme eher Symbole – für Macht, Sichtbarkeit und im negativen Fall für Isolation. Aber noch immer dienen sie dazu, sich für einen Moment aus dem Gewusel des Alltags hervorzuheben und mit einer gewissen Distanz von oben auf die Dinge zu blicken. Der Weg in die Höhe kann manchmal auf seltsame Weise erden.
Giovanni Netzer weiss um die Bedeutung von Türmen. Der Gründer und Direktor des Bündner Festivals «Origen» hat in den vergangenen Jahren zwei Türme gebaut. Erst errichtete er den Roten Turm am Julierpass, 2024 kam der Weisse Turm zu Mulegns hinzu. Die Vision dabei war dieselbe: der Kultur auch im hintersten Bergdorf ein Zuhause zu geben.
Eric Facon diskutiert am Donnerstag, 25. September, mit seinen Gästen über das Kulturleben mittelgrosser Städte, am Beispiel Kreuzlingen. Die Gesprächsgäste sind Claudia Thom (Stadt Kreuzlingen), Monika Schmon (Leiterin Kultur Stadt Baden, ehemals stellvertretende Kulturamtsleiterin Kt. TG, in Kreuzlingen aufgewachsen), Julian Fitze (Kulturvermittler, Veranstalter & Politiker) und Anna Appadoo (Künstlerin und Kuratorin Kulturhaus Apollo). Beginn ist um 18 Uhr. Hier kannst du dich anmelden.
Im Anschluss an die Podcast-Aufzeichnung gibt es eine Publikumsdiskussion und ein Konzert der Jazzcombo Rrrrr'.
Kreuzlingen, eine mittelgrosse Stadt am Rand der Schweiz. Was die Grösse angeht, vergleichbar mit Städten wie Aarau, Baden oder Wil – und dann doch wieder anders. Kreuzlingen lebt an der Grenze zu Deutschland und zur Universitätsstadt Konstanz.
Wie einige Schweizer Städte dieser Grösse hat auch Kreuzlingen ein aktives Kulturleben – trotz der Lage und trotz der Nähe von Zentren wie Zürich, Winterthur oder St. Gallen. Warum bemüht sich eine Stadt wie Kreuzlingen um die Kultur? Die Schweiz ist ein Land der kurzen Distanzen – warum sich also die Mühe machen, etwas auf die Beine zu stellen?
Spektakuläre temporäre Bauten
Beides spektakuläre architektonische Projekte, beides Bauten, die das Festival weit über die Grenzen hinaus bekannt machten. Inhaltlich widmet sich das Festivalprogramm vor allem der Förderung und Produktion von neuem, professionellem Musik- und Tanztheater. Origen arbeitet mit archaischen Theaterformen und interpretiert sie neu – abseits des Spartendenkens städtischen Kulturlebens.
Der besondere Clou dabei: Giovanni Netzer und sein Team lassen temporäre Bauten auf Pässen, Stauseen sowie auf Dorfplätzen errichten und schaffen so den theatralen Bezug zur Realität, zur sie umgebenden Landschaft. «Ich glaube an das Dorf als künstlerische Produktionsstätte», hat Netzer einmal in einem Interview gesagt. Und genau das lebt sein Projekt vor.
Alles Spektakel hilft nichts ohne Bezug zur Region
Origen ist rätoromanisch und bedeutet Ursprung, Herkunft, Schöpfung. Entsprechend will das Festival Verbindung stiften, nicht bloss konsumieren lassen. Es soll Identität stärken und gesellschaftlich wirken – zum Beispiel durch Einbindung von Amateuren und regionalen Beteiligten. So entsteht Augenhöhe zwischen Künstler:innen und Einwohner:innen mit dem Ergebnis, dass die Identifikation mit dem Projekt steigt. «Als wir sagten, wir machen in Riom ein Kulturfestival waren die Leute zuvor etwas skeptisch», erinnert sich Netzer. Das ist inzwischen Geschichte.
Auch weil die Projekte vor Ort nicht nur spektakulär sind, sondern sich immer auch mit der Region befassen. So ist der gemeinsam mit der ETH Zürich entwickelte, weisse, 29 Meter hohe Turm von Mulegns im 3-D-Druck entstanden. Wenn man so will, ist es ein in Beton gedrucktes Denkmal an die Geschichte des Ortes. «Sein aus vielen organisch wirkenden Säulen bestehendes Äusseres sieht futuristisch aus und ist zudem als Anspielung auf die Werke der Zuckerbäcker zu verstehen, die so wichtig für den Ort und die Region waren», heisst es auf einer Website zum Projekt.
Video: Einblicke in das Projekt «Weisser Turm von Mulegns»
Wer hinter dem Festival steht
Getragen wird das Festival von einer Stiftung. Die Nova Fundaziun Origen hat ihren Sitz in Riom und bezeichnet auf ihrer Website ein jährliches Investitionsvolumen von rund 7 Millionen Franken für künstlerische Arbeit und Bauvorhaben. Auch der Kanton Graubünden unterstützt das Projekt mit öffentlichen Geldern, aber nach Angaben der Stiftung stammt das meiste Geld aus Spenden, Sponsoring und Eigenleistungen beziehungsweise Einnahmen.
Weshalb sich Netzer ausgerechnet Bergdörfer für seine Kulturprojekte auswählt, erklärte Giovanni Netzer gegenüber SRF so: «Wenn man über Reisen und Emigration nachdenken möchte, dann ist Mulegns ein guter Ort dafür.» Das Dorf an der Julierpassstrasse habe ihn schon immer fasziniert, so der Kopf der Kulturstiftung Origen.
Sein Festival zeigt auf verblüffende Weise, wie Kultur auch im entlegensten Bergdorf zur Wiederbelebung beitragen kann. Wenn architektonische Leuchtturmprojekte auf ein Programm mit regionalen Bezügen treffen, dann scheint das auch im ländlichen Raum aufzugehen.
Kultur im ländlichen Thurgauer Raum
Weniger spektakulär, aber im Kleinen haben das auch einige Städte und Gemeinden im Thurgau längst realisiert. In Kulturkonzepten haben zum Beispiel Frauenfeld, Kreuzlingen und Arbon aufgeschrieben, weshalb sie Kultur vor Ort fördern. Im 2014 in Frauenfeld verabschiedeten Kulturkonzept heisst es unter anderem: «Das Kulturleben hilft den Menschen, sich im Leben zu orientieren und sich mit ihrer Gruppe zu identifizieren. Eine lebendige Kultur stärkt das Individuum und das Wir-Gefühl der Gruppe.»
Die Stadt Kreuzlingen hat ihr Konzept im vergangenen Jahr erst erneuert. Dort steht nun: «Kunst setzt fortlaufend kreative Akzente mit der Weiterführung der Serie an Wettbewerben in unserem Stadtraum. Dies wertet die Einzigartigkeit und den Charakter unserer Stadtlandschaft positiv auf.» Aber nicht nur das, auch der wirtschaftliche Aspekt wird gewürdigt: «Kultur fördert das vernetzte Denken und kann kreative Impulse geben für Wirtschaft und Wissenschaft. Die Kreuzlinger Kultur spielt eine wichtige Rolle bei der Stärkung unseres Standortes.»
Ein Ziel: eine Kulturlobby aufbauen
In Arbon ist man nicht ganz so ausführlich. Im 2019 verabschiedeten städtischen Kulturkonzept kann man lesen: «Kultur stiftet Identität und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Stadt.» Immerhin wird auch als Ziel benannt, eine Lobby für Kultur zu fördern: «Hier geht es darum, interessierte Persönlichkeiten, Multiplikatoren und Meinungsmacher verstärkt mit dem Wesen der Kulturarbeit der einzelnen Sparten vertraut zu machen. Mit persönlichen Kontakten sollen Interesse und Unterstützung für kulturelle Anlässe geweckt werden.»
Dass es mit der Kultur im politischen Kontext nicht immer so ganz leicht ist, denkt das Frauenfelder Kulturkonzept indes schon mit: «So allgegenwärtig Kunst in unserer Gesellschaft ist, so wenig darf sie in den städtischen Behörden marginalisiert werden, sondern muss in Exekutive wie Legislative miteinbezogen werden. Wenn dies gelingt, hat die Stadt einen grossen Imagegewinn – durch eine lebendige Kulturszene, die die Bewohnerinnen und Bewohner zum Bleiben animiert und kulturelle Veranstaltungen entstehen lässt, welche den Namen der Stadt Frauenfeld weit über die Region hinaus bekannt machen.»
Video: Die Enthüllung des Weissen Turms von Mulegns
Mehr Daten für bessere Argumente
In der Theorie sind also auch im Thurgau in vielen Gemeinden gute Argumente bekannt, weshalb Kulturförderung sinnvoll ist. In der Praxis des politischen Alltags geraten die wohlformulierten Sätze in den Kulturkonzepten aber manchmal aus dem Blick. Vielleicht auch aus dieser Erfahrung heraus versucht das aktualisierte Kreuzlinger Kulturkonzept, konkreter zu werden. Das Ziel: ein verständliches Monitoring für Kultureffekte einzuführen. «Durch die Messung von kulturellen Aktivitäten können die Erfolge auch sichtbar in Zahlen belegt werden», heisst es im Kreuzlinger Kulturkonzept.
Im Idealfall lässt sich so nachvollziehbar belegen, dass eine lebendige Kultur sich positiv auf das Profil der Stadt auswirkt und zudem die Standortfaktoren von Kreuzlingen nachhaltig stärkt. Genau deshalb schlagen die Kulturkonzept-Autor:innen eine «zielgerichtete Datenerhebung in Kooperation mit einer Bildungseinrichtung» vor.
Die Umsetzung lässt auf sich warten
So gut die Idee ist, so schleppend ist die Umsetzung. Rund anderthalb Jahre nach Verabschiedung des Kulturkonzeptes ist die Stadt Kreuzlingen in der Sache nicht wesentlich weiter, wie der für Kultur zuständige Stadtrat Daniel Moos einräumt: «Sobald die Sanierungsarbeiten im Kulturzentrum Kult-X abgeschlossen sind, werden wir mit der zielgerichteten Datenerhebung beginnen und die Resultate anschliessend auch entsprechend öffentlich kommunizieren», schreibt er auf Nachfrage. Das wird allerdings erst Ende 2027 so weit sein.
Zur Erinnerung: Die Kreuzlinger Stimmberechtigten haben im September 2024 einen Kredit für den Umbau des Kult-X bewilligt, der rund 7 Millionen Franken kostet. Beginn der Arbeiten soll voraussichtlich im zweiten Quartal 2026 sein; der Umbau soll bis August 2027 abgeschlossen sein.
Wie Kultur am besten wirkt
Andererseits: Das städtische Engagement für das Kult-X und der Erfolg bei der Volksabstimmung im vergangenen Jahr zeigen auch, dass kulturelle Nahversorgung dann am besten wirkt, wenn sie für die Menschen das ist, was der Name verspricht: nah.
Weiterlesen: Ist Kunst, die in Metropolen entsteht, automatisch besser? Nein, natürlich nicht. Warum es Zeit wird, mit der Verklärung des Urbanen und der Geringschätzung des Regionalen aufzuhören.

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