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von Brigitta Hochuli, 10.01.2012

Der Graf

Der Graf
Graf Christian Bernadotte in der Trotte Pfyn. | © Brigitta Hochuli

Brigitta Hochuli

„Von Licht und Schatten“ las der 32-jährige Mainau-Graf Christian Bernadotte am Rande der Demokratischen Kunstwochen der Kulturhauptstadt Pfyn. Am Tag des Rücktritts des Schweizer Nationalbankpräsidenten zitierte er aus Gedichten und Aperçus: „Halbe Wahrheiten… blutige Hände… unnötiges Leid… Wirtschaftsmonarchien… die Öffentlichkeit ist empört, aber ratlos.“

Der Adlige weckte bei der Pfyner Bevölkerung keine Berührungsängste. Die Trotte war voll besetzt. Sie habe keine Hemmungen, sagte eine Zuhörerin, im Gegenteil. Sie freue sich, wenn so junge Menschen so tiefe Gedanken hätten. Es geht in Graf Christians Texten um Macht, Liebe, Tod und Trauer und um die Unmöglichkeit, ohne Fantasie zufrieden zu sein. Ein ganz grosser Künstler ist er noch nicht, auch wenn er gerne über Sprache spricht.

Der Graf hat in Konstanz Philosophie und Soziologie studiert. Er verantwortet auf der Mainau das Kulturprogramm. Seine Lesung in Pfyn bezog sich auf Fotografien von Sven Messmer. Eine von ihnen zeigt einen muslimischen Grabstein inmitten von christlichen. Wir wüssten nicht, wohin uns unsere Überzeugungen führten, erklärte der Graf und dichtet dazu: „Im Leben geschieden, im Sterben vereint.“

Zurzeit wird in Konstanz die Aufarbeitung der Mainau-Vergangenheit während der Nazi-Zeit diskutiert. Die Familie hat eine Kommission eingesetzt. Ich bat Graf Christian nach der Lesung um eine Erklärung. „Ich habe nichts zu sagen, ich habe nicht Geschichte studiert“, war die Antwort. Aber eines weiss er: „Egal, ob Frieden oder Krieg, am Ende bleibt die Zeit. Wir streben nach Veränderung, doch streifen nur die Ewigkeit.“

***
“Von Licht und Schatten”: Christian Bernadotte, Gedichte, Sven Mssmer, Fotos, Klaus Hinderegger, Gestaltung. Das Buch ist über den Buchhandel erhältlich (ISBN: 978-3-925171-98-7) oder kann per E-Mail verkauf@hinderegger.de und über den Mainau Shop bestellt werden.

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Kommentar zu «Der Graf»

Ekkehard Faude | 10.01.2012, 20.51 Uhr
Dem dichtenden Mainaubewohner kann, angesichts seines Schlusssatzes, ein Gedicht einer berühmteren Vorgängerin gestiftet werden, sie hiess Friederike Kempner, wurde auch “Der schlesische Schwan” genannt.
Er hat, auch und gerade, weil er nicht Geschichte studiert hat und deshalb nix über seinen Vorgarten weiss, noch einige Chancen, auf der Fluglaufbahn eines Schwans vom Bodensee (“juchhee”) weiterzukommen:
Friederike Kempner
Schweiss
Willst gelangen Du zum Ziele,
Wohlverdienten Preis gewinnen,
Muss der Schweiss herunter rinnen
Von der Decke bis zur Diele!
Das Jahr hat gut begonnen auf thurgaukultur, möge es so weitergehen…

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