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von Brigitta Hochuli, 24.08.2010

Beethovens Hammerklaviersonate - Eintauchen in den Kosmos eines Riesenwerks

Beethovens Hammerklaviersonate - Eintauchen in den Kosmos eines Riesenwerks
Benjamin Engeli, gefilmt von René Munz | © screenshot tgk

Es dauert einige Monate, bis der erste Schnitt einer CD fertig gestellt werden kann. Und erst, wenn alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufrieden sind, geht sie ins Presswerk. Dies hat der Pianist Benjamin Engeli in den Rocky Mountains zum Teil miterlebt.

Interview: Brigitta Hochuli

Herr Engeli, Sie haben 2009 einen der mit 25 000 Franken dotierten Kulturförderbeiträge des Kantons Thurgau erhalten und gingen in die kanadischen Rocky Mountains, um Ihre Solokarriere voranzutreiben. Ist Ihre neue Solo-CD diesem Förderbeitrag zu danken?

Benjamin Engeli: Ja, der Förderbeitrag hat sie überhaupt erst ermöglicht. Ohne ihn hätte ich die finanziellen und zeitlichen Möglichkeiten nicht gehabt, mich im Banff Centre in den Rocky Mountains einen Monat lang ganz auf das Programm der CD einzulassen.

In der Ankündigung der CD-Taufe vom nächsten Sonntag heisst es, Sie hätten 2009 den Kulturförderpreis des Kantons Thurgau erhalten. Mit Stipendienbeiträgen gefördert werden seit 1996 aber jährlich ein halbes Dutzend junge Künstler. Hatten Sie Kontakt untereinander und eventuell von einem Gedankenaustausch profitiert?

Engeli: Leider hat sich der Austausch untereinander sehr in Grenzen gehalten. Um das zu ermöglichen, bräuchte es einen Rahmen. Das Banff Centre ist so einer – es sind meistens etwa 100 Künstler aller Sparten, die sich dort weiterbilden, und der Austausch untereinander ist etwas vom Spannendsten, was ich von dort mitnehmen konnte.

Nun zu Ihrer CD: Sie haben Beethoven-Sonaten eingespielt. Warum?

Engeli: Ausgangspunkt des CD-Programms war die Sonate Op.106, die sogenannte Hammerklaviersonate. Mit ihr beschäftige ich mich jetzt seit acht Jahren, und es ist nach wie vor ein unglaubliches Erlebnis, immer wieder von neuem in den Kosmos dieses Riesenwerks einzutauchen. Ich habe die Herausforderung gesucht, die meiner Meinung nach grösste aller Klaviersonaten einzuspielen, weil ich das Gefühl habe, hier etwas Entscheidendes sagen zu können.

Muss neben der Hammerklaviersonate nicht alles andere verblassen?

Engeli: Nein. Die beiden anderen Sonaten auf der CD sehe ich als Abrundung und Ergänzung. Ich denke, man versteht die komplizierte Hammerklaviersonate besser, wenn man die Sonaten Opus 22 und 78 vorher gehört hat.

Haben Sie denn gar keine anderen Komponisten in Erwägung gezogen?

Engeli: Selbstverständlich habe ich mich mit anderen Ideen auseinandergesetzt, welche Werke ich aufnehmen könnte, aber letztlich sind Beethoven oder Brahms doch das Kernrepertoire, bei dem ich mich am wohlsten fühle.

Sie sind aber nicht nur im klassischen Bereich aktiv, sondern treten unter anderem auch mit dem Gershwin Piano Quartet auf. Nicht nur in China hat dieses Quartett Furore gemacht. Wie verträgt sich dieses doch eher süffige Musizieren mit Beethoven?

Engeli: Das verträgt sich bestens! Ich empfinde es als Bereicherung, auch in den Jazzbereich vorzudringen, und glaube, diese Lockerheit, die wir beim Quartettspiel pflegen, tut auch einem ganz seriösen klassischen Rezitalprogramm gut. Gerade Beethoven kann ja manchmal auch unheimlich humorvoll sein! Ich geniesse es sehr, in die jeweils verlangten verschiedenen Rollen zu schlüpfen, aber Sie haben insofern Recht, als es nicht ganz von selbst geht. Ich muss mir durchaus bewusst machen, welche Musikerrolle ich gerade ausführe, sei es als Solist vor einem Orchester, als gleichberechtigter Partner in meinem Klaviertrio oder als unterstützender Begleiter mit einem Sänger oder einer Sängerin.

Weltweit konzertieren und daneben an der Hochschule für Musik in Basel Kammermusik unterrichten bedeutet einen enormen Zeitaufwand. Für eine Solo-CD braucht es aber viel Konzentration und eine Top-Vorbereitung. Wie schaffen Sie das?

Engeli: Einerseits habe ich für die Aufnahme Werke ausgewählt, die ich schon oft im Konzert gespielt habe. So gesehen habe ich mit der Vorbereitung - ohne es damals zu wissen – eigentlich schon vor Jahren begonnen. Essentiell für das Gelingen der Aufnahme waren dann die zwei Wochen davor, als ich bereits in Banff war und mich optimal darauf konzentrieren konnte. Man muss sich schon bewusst eine Auszeit vom Konzertbetrieb nehmen, damit so eine CD ein Erfolg wird.

Und dort wurde auch die Aufnahme genau gemacht?

Engeli: Ich wusste, dass es in Banff einen schönen Konzertsaal und ein angeschlossenes Tonstudio mit professionellen Tontechnikern gibt, die habe ich für die Aufnahme angefragt. Dass die Zusammenarbeit dann so angenehm und gut war, ist jedoch ein ausgesprochener Glücksfall!

Video von René Munz:


Wie muss man sich den Ablauf konkret vorstellen?

Engeli: Der Ablauf bei den Aufnahmen ist relativ einfach: Meistens nimmt man sich einen Satz eines Werks vor und spielt ihn zuerst einige Male ganz durch. Dabei hören immer die Produzentin und der Toningenieur zu und geben ihr Feedback. Ab und zu geht auch der Musiker ins Studio und hört ein paar Stellen ab. Oftmals bleiben danach nach drei bis vier ganzen Takes noch einzelne Stellen, die nicht überzeugt haben. Diese nimmt man sich dann einzeln vor.

Das hört sich nach einer längeren Prozedur an.

Engeli: Es ist schwierig, während drei oder vier Aufnahmetagen den Überblick zu behalten, was genau wie gespielt wurde, und man verlässt den Saal nach dem letzten Take unsicher, ob wirklich alles so «im Kasten» ist, wie man es sich vorgestellt hat. Dann dauert es einige Monate, bis die Produzentin den ersten Schnitt fertig stellen kann. Als Musiker hört man dann erst zum ersten Mal, wie sich die CD als Ganzes anhören könnte.

Und wenn sich Fehler eingeschlichen haben?

Engeli: Es gibt meistens noch einige Dinge zu korrigieren, und die Produzentin geht auf die Suche, ob sie gewisse Stellen mit anderem Aufnahmematerial austauschen kann. Dies ist ausgesprochen aufwendig, da man ja nicht einfach so Takt für Takt zusammenschneiden kann, sondern die verschiedenen Takes auch musikalisch zusammen passen müssen. Der zweite Schnitt wird dann wieder abgehört, und allenfalls wiederholt man den Vorgang noch ein drittes Mal. Wenn alle Beteiligten mit dem Ergebnis zufrieden sind, geht die CD ins Presswerk.

Herr Engeli, noch ein Wort zur Zukunft: Sie sind erst 31 Jahre alt. Wie wird Ihre weitere Karriere aussehen?

Engeli: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Ich nehme lieber eins nach dem andern, als mich mit Träumen über die Zukunft abzulenken. Klar ist, dass mir diese Vielseitigkeit, die ich als Musiker zur Zeit lebe, sehr gefällt. Dies werde ich auf jeden Fall weiterhin pflegen.

 

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