von Brigitta Hochuli, 09.04.2011
Angst

Das Glauser Quintett hat seine Aufführungen mit musikalischen Interpretationen des Themas Angst abgeschlossen. Im Herbst geht‘s weiter. Neue Projekte folgen.
Brigitta Hochuli
Mit der Erzählung „Sie geht um“ hat Friedrich Glauser (1896-1938) seinen ersten Wettbewerb gewonnen. Er erhielt 500 Franken. Mit dem Wettbewerb hatte der „Schweizer Spiegel“ 1933/34 nichts Geringeres als eine Erneuerung des Schweizer Geisteslebens im Sinn. „Die geistige Krise, in der unser Land steht, bedeutet nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Verheissung: Sie rüttelt die Geister auf.“ So zitieren die Herausgeber des erzählerischen Werks von Friedrich Glauser (Unions Verlag Zürich) den Ausschreibungstext.
Auf die „Verheissung“ reagiert Glauser von den Juroren unbemerkt subversiv. Die Geschichten verschiedener Bewohner eines Mietshauses verbindet er mit der allen eigenen Angstreaktion. Artikuliert wird sie vom Mädchen Elsi mit der immer gleichen Frage: „Gell, du häscht au Angscht.“ Es entsteht so ein Paradigma tiefsitzender, grausiger Furcht und Verunsicherung – anstatt des möglicherweise vom „Schweizer Spiegel“ erhofften jenseitigen Gottvertrauens in die Zukunft.
Wiederkehrender Zustand
Markus Keller liest im Projekt des Quintetts die Erzählung. Und er liest sie zum Teil in wohlklingendem Ostschweizerdeutsch. Daniel R. Schneider hat dazu die Musik komponiert. Sie hat internationale Quellen der Moderne. Sie hätten die Erzählung bewusst vom politischen Hintergrund getrennt, erklären sie im Gespräch nach der letzten Aufführung in der Komturei Tobel. Es zeige sich gerade heute, dass Angst ein durchaus wiederkehrender Zustand sei.
Statt Verheissung Produktivkraft
Mit von der Partie in dieser Angst-Geschichte sind die Musiker Martin Schumacher, Fredi Flükiger und Martin Mäder. Zusammen mit Komponist und Musiker Daniel R. Schneider vertonen und untermalen sie die Lesung des Thurgauer Schauspielers Markus Keller. Der Effekt geht unter die Haut. Lange bleiben die Takte eines Wiegenliedes im Ohr und lasten auf der Seele. Denn es ist der Moment, da sich die kleine Elsi zum Sterben legt und an das Märchen vom Rattenfänger von Hameln erinnert. Nicht in einen dunklen Berg, sondern in die Helle eines Flusses glaubt sie zu gleiten. Hier wird die Überwindung der Angst nicht als schicksalsbetonte Verheissung zum Ausdruck gebracht, sondern – vom Quintett vorzüglich interpretiert – als Produktivkraft.
Das Beste neben Dürrenmatt und Frisch
Friedrich Glauser wieder gelesen zu haben, verdanke ich diesem Quintett. Glausers Erzählungen sind etwas vom Besten, was die Schweizer Literatur neben Dürrenmatt und Frisch zu bieten hat. Es ist zu hoffen, dass die Glauser-Interpreten dran bleiben an ihrem Glauser. Versprochen haben es zumindest der Komponist und der Schauspieler. Sie hoffen, das Stück diesen Herbst und im Frühling 2012 noch oft zu spielen, sondieren gar ein neues. Je nach Inhalt würden sie dann weitere Musiker, Schauspieler et cetera an Bord nehmen.
*****
Zur Musik
In einer mehrschichtigen, Suiten‐artigen Form versuchen wir die Ebenen Musik und Text collageartig in Verbindung zu bringen. Die Musik ist von sehr unterschiedlichen Stilen und Einflüssen geprägt. Text und Sprache verstehen sich auch als musikalisches Instrument. Die Musik ist auskomponiert, lässt den Musikern aber auch Freiraum.
Die charismatischen und unterschiedlichen Charaktere der Musiker, beeinflusst von Jazz, Klassik, Pop‐ und Volksmusik, treten in einen Dialog untereinander, aber auch mit dem Publikum, wodurch sich die einzelnen Elemente der Komposition beim Zuhörer wieder zu einem subjektiven Ganzen zusammenfügen.
Keine elitär-kopflastige Musik, sondern sinnliche und leidenschaftliche Musik, die intuitiv und intensiv den direkten Weg zum Publikum sucht. Die Partitur entspricht einer Kiste, die mit Ereignissen eines Tages gefüllt werden. Gleich einem Spaziergang durch die sprachliche Welt von Friedrich Glauser werden die Elemente Musik und Sprache in Beziehung zueinander gebracht.
Daniel R. Schneider
***
Zur Erinnerung
Friedrich Glauser war in seiner Jungend drei Jahre lang, von 1910 bis 1913, Zögling des Landerziehungsheims in Schloss Glarisegg, und zwar fast gleichzeitig wie Carl J. Buckhardt. Im Text „Landerziehungsheim“ von 1935 sehe Glauser die Anstalt als eine Art Treibhaus, das durch seine Pädagogik einen übertriebenen Hang zur Individualität begünstigt habe - schreibt Manfred Bosch in „Bohème am Bodensee“. - Übrigens ebenfalls ein Autor und ein Buch, die sich zu lesen immer wieder lohnen. Zu haben in der dritten Auflage beim Lengwiler Libelle Verlag. (ho)

Weitere Beiträge von Brigitta Hochuli
- Kultur für Familien: Was im Thurgau noch fehlt (06.09.2018)
- Rätsel gelöst: So alt ist der Kunstraum Kreuzlingen (29.06.2018)
- Musikschule Kreuzlingen sucht Verbündete (14.06.2018)
- Kult-X in WM-Stimmung: Das etwas andere Public Viewing (29.05.2018)
- Unterm Sternenhimmel (13.05.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Musik
- Bühne
- Literatur
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
Ähnliche Beiträge
Vom Unglück der Frau, die ihn geboren hat
In seinem neuen Buch „Königin der Nacht“ schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über das schwierige Verhältnis zu seiner Mutter. Am 9. Juni liest er daraus im Literaturhaus Thurgau. mehr
Der Crooner der Nation
Brillante Klassiker fresh arrangiert: Das Raphael Jost Quintett begeisterte das Publikum bei Jazz:Now im Eisenwerk. mehr
Zwischen Reformhaus, Furzwitzen und Schweiz-Satire
Lara Stoll zeigte im Phönix Theater in Steckborn mit «Volume 5 – Die Rückkehr!» ein ebenso absurdes wie klug beobachtetes Comedyprogramm über das Erwachsensein, die Schweiz und die Absurditäten des Alltags. mehr

