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von Inka Grabowsky, 14.02.2025

Alt, aber spannend

Alt, aber spannend
Was braucht man für eine Ausstellung? Kulturvermittler Luca Stoppa erklärt es. | © Inka Grabowsky

 «1000 Schätze im Regal»: 15 Kinder durften im Historischen Museum lernen, was Museumskurator:innen tun, wenn sie nicht gerade öffentlichkeitswirksam eine Ausstellung gestalten. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Gleich zu Beginn müssen die Sammlungskuratorin Christine Süry und Kulturvermittler Luca Stoppa einen Fehler im Titel der Führung bekanntgeben: Es sind nicht tausend Schätze, die in den Regalen des Depots lagern, sondern rund 50.000. Von Kaffeetassen bis zu Wandschränken, von Kinderspielzeug bis zu Waffen, von Gemälden bis zu Fasnachts-Plaketten: Wäre das Museumsdepot ein Warenhaus, würde man es «gut sortiert» nennen. 

«Tatsächlich wurde in früheren Jahrzehnten relativ wahllos gesammelt», räumt Süry ein. «Die Sammeltassen aus Meissener Porzellan aus den dreissiger bis sechziger Jahren würden wir heute nicht mehr annehmen, auch wenn sie ein wertvolles Geschenk waren.» Ein Sammlungskonzepts sorgt dafür, dass das historische Museum nicht in Material erstickt. 

Trotzdem gibt es immer wieder Ankäufe, was im Depot mitunter zu überraschenden Anblicken führt. Den historischen Schlitten, der prominent im Gang steht, hätte man erwartet, aber warum steht im Regal ein brandneues Exemplar? «Wir sammeln seit etwa drei Jahren Exponate zur Industrie im Thurgau», so die Kuratorin. «Man vergisst leicht, dass der Kanton mehr zu bieten hat als Mostapfelbäume. Die aktuellen Erzeugnisse der heimischen Produzenten geben mal eine gute Ausstellung.» 

 

Dass sich hinter der schrägen Platte am Sekretär aus dem Frauenfelder Schloss ein Schreibtisch verbringt, demonstriert Christine Süry gerne. Bild: Inka Grabowsky

Sicher und sauber

Das Depot des historischen Museums befindet sich in einer Halle im Industriegebiet. Angeschrieben ist es nicht. Der Lift zur richtigen Etage ist nur mit Schlüssel zu bedienen. Die Kulturgüter sollen nicht die Aufmerksamkeit von Kriminellen wecken. «Die Sachen gehören alle dem Kanton», sagt Luca Stoppa einem vorwitzigen Jungen, der gefragt hat, ob er nicht eine Hellebarde mit nach Hause neben dürfe. «Wir hüten sie wie unseren Augapfel.» 

Dass die Storen herabgelassen sind, hat aber nichts mit der Angst vor Dieben zu tun. «Sonnenstrahlen könnten Schaden anrichten», erklären die Erwachsenen den Kindern. Es gibt auch eine elektrische Insektenfalle. Kein Nagekäfer soll herumfliegen und seine Holzwurmlarven an den Möbelstücken ablegen. Und natürlich werden die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit minutiös geregelt, damit nichts Schimmel ansetzt. 

 

Historische Waffen gehören - insbesondere für die Buben - zu den faszinierenden Exponaten. Diese hier warten auf die Online-Präsentation. Bild: Inka Grabowsky

Waffen als besonderes Faszinosum

Nach der Auflösung des Zeughauses vor zwanzig Jahren hat das Museum dessen Bestand an historischen Waffen übernommen. Seitdem lagern mehrere tausend Gewehre im Depot. Rund achtzig besondere Stücke liegen derzeit offen im Gang, weil ein Gastkurator sie für eine Online-Präsentation vorbereitet. Insbesondere die Jungen sind fasziniert. 

Doch die beiden Tourguides lenken ihr Augenmerk auf andere Gegenstände, die jeweils eine Geschichte zu erzählen haben. Einen Feuerwehreimer hat keines der Kinder schon mal gesehen. «Er ist 250 Jahre alt. Die gab es früher in jedem Haushalt. Feuerwehrautos oder Wasserleitungen hatte man da noch nicht.» Der Spielzeugherd ist dagegen auf den ersten Blick zugänglich. «Damit haben die Meitli kochen gelernt», so Christine Süry. «Deshalb hat es ein Spiritusbrenner darin.» Nur die Mädchen? «Klar, weil früher die Frauen zuhause geblieben sind, während die Männer in den Krieg mussten», weiss ein Junge. 

 

Ein Spielzeug-Herd, der wirklich heiss wurde - die Sicherheitsvorstellungen der Eltern habe sich gewandelt. Bild: Inka Grabowsky

Einmal aus dem Vollen schöpfen

«Hier im Depot werden keine Geschichten erzählt, sondern nur die Sachen aufbewahrt, die man bei einer Ausstellung zum Erzählen von Geschichten braucht», erzählt Luca Stoppa. «Deshalb sind im Museum wenig Gegenstände und hier so viele.» 

Um sich in die Rolle von Ausstellungsmachern hineinzuversetzen, bekommen die Kinder die Aufgabe, anhand eines Blatts aus der Sammlungsdatenbank Gegenstände zum Thema «Tier» zu finden. Dort steht beispielsweise, dass das Gesuchte im Regal DJ/P/4 zu finden ist. Schnell haben die Kinder das System verstanden und tragen die Stücke zusammen. Bei der Präsentation helfen die Angaben auf den Datenblatt. Ein «Gebäckmodel» kennt nicht jeder. Aber mit «Pressform für Marzipan auf Torten» kann man etwas anfangen, auch wenn man zehn Jahre alt ist. 

Zu einer Herausforderung wird für einige die Aufgabe, mit einer konventionellen Kamera ein Bild vom Fund zu machen. «Wo muss man da denn draufdrücken?», fragt ein Mädchen. «Das weiss die Generation Handy schon nicht mehr», muss Luca Stoppa feststellen. Umso spannender ist es, die altmodische Technik zu bedienen. 

Positive Bilanz

Nach einer Stunde verlassen die Kinder das Depot und sind des Lobes voll: «Spannend, wie alt die Sachen sind, und krass, dass sie noch so schön aussehen», meint ein Mädchen. «Es war cool, selbst nach den Dingen zu suchen», ergänzt die Kollegin. 

Umgekehrt sind auch die beiden Erwachsenen hoch zufrieden. Als sehr interessiert und wohlerzogen hätten sie die Gruppe erlebt. «Es liegt wohl auch ein bisschen an der Aura des Ortes», schmunzelt der Kulturvermittler. «Man weiss einfach, dass man sich hier besser respektvoll benimmt.» 

 

Christine Süry und Luca Stoppa waren hochzufrieden mit dem Interesse der Kinder. Bild: Inka Grabowsky

 

 

 

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