von Jana Mantel, 22.06.2026
Was man sich nicht sparen kann

Trotz finanziellem Druck legen die beiden grossen Theaterhäuser unserer Region auch in der neuen Spielzeit spannende Programme vor. Eine Übersicht. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Wenn sich Theater um ein Spielzeitmotto bemühen, dann ist das meistens mehr als Spielerei. Die Häuser wollen der Saison einen Rahmen geben, die Zuschauer:innen sollen eine Ahnung bekommen, was sie in den kommenden Monaten erwarten können und manchmal geht es auch darum, ein politisches Statement zu setzen.
Insofern ist es ganz interessant, mal einen Blick auf die neuen Motti an den beiden grossen Häusern unserer Region zu werfen. Am Konzert- und Theaterhaus St. Gallen lautet das Thema „Grenzgänge“, am Stadttheater in Konstanz kommt es ab Herbst etwas salopper daher – mit einem kurzen „Hoppla!“ Wer möchte, kann beide Titel durchaus als Kommentar zur finanziellen Lage von Theatern verstehen.
Weniger Programm oder weniger Spielstätten?
In St. Gallen steht ab 2027 eine Budget-Kürzung von 500‘000 Franken an, zusätzlich prüft der Kanton Thurgau einen Ausstieg aus der Mitfinanzierung des Theaters, was Einbussen von 1,6 Millionen Franken bedeuten würden. in Konstanz ist die Lage noch etwas unklarer, aber auch hier deutet sich an, dass das Theaterbudget schrumpfen wird. Ob das auf Kosten einer Spielstätte geht oder sich im Gesamtprogramm niederschlägt, das wird der Konstanzer Gemeinderat erst noch entscheiden. Das erschrocken-muntere „Hoppla!“ in Konstanz liesse sich insofern als eine vorausgenommene Reaktion auf Kürzungsideen deuten, während das St. Galler Haus sich angesichts von Sparmassnahmen auf Grenzgängen befindet.
Letztlich bleibt es Spekulation, was die Häuser wirklich mit den Leitmotiven bezwecken, aber die Tatsache, dass Geld ein so dominantes Thema ist, sagt vielleicht auch mehr über unsere Zeit als über die beiden Spielstätten.
Wie die Theater mit dem Spardruck umgehen
Susanne Steinbock (Kaufmännische Leitung am Konzert und Theater St. Gallen) sagt zur Spardebatte: „Wir planen beim Theater mit langen Vorlaufzeiten, gleichzeitig möchten wir unbedingt die hohe Qualität und Vielfalt in unserem Programm erhalten.“ Geeinigt habe man sich auf Optimierungen bei internen Prozessen und auf eine Erhöhung der Ticketpreise, um den Sparauftrag für das kommende Jahr zu erfüllen. „Wichtig war uns, dass wir die Preise bei Angeboten für Familien und Kindern nicht heraufsetzen“, so Steinbock.
Karin Becker, Intendantin des Theaters Konstanz, kann in Sachen möglicher Sparpakete der Stadt Konstanz noch keine klaren Aussagen treffen. Sie sagt: „Welche Sparmassnahmen es geben wird und wie wir als Theater damit umgehen werden, wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Das entscheidet der Gemeinderat.“
Noch bleiben die Folgen unabsehbar
Auch die Pressestelle der Stadt Konstanz bestätigte diese Aussage. Pressesprecherin Anja Fuchs: „Das Haushaltsverfahren der Stadt Konstanz läuft derzeit noch. Die Eckwerte wurden zwar vom Gemeinderat beschlossen, konkrete Auswirkungen auf einzelne Einrichtungen – darunter das Theater – stehen jedoch noch nicht fest. Belastbare Aussagen zu möglichen Budgetkürzungen und deren Folgen für den Spielbetrieb sind zum jetzigen Zeitpunkt daher nicht möglich.“
Möglich ist jedoch ein Blick in das Programm der kommenden Saison beider Häuser. Einig sind die unterschiedlich grossen Theater in der Notwendigkeit einer engagierten theaterpädagogischen Kinder- und Jugendarbeit, oder nennen wir es, einer sinnvollen Investition in die Zukunft.
„Grenzgänge“ in St. Gallen
Jan Henric Bogen (Intendant und Künstlerische Leitung Musiktheater) erklärt das Spielzeitmotto „Grenzgänge“ so: „Wir möchten uns in der kommenden Saison mit dem Thema Grenze beschäftigen, mit Grenzüberschreitungen und -überwindungen. Themen, denen wir derzeit auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen begegnen.“
Im Musiktheater wird unter anderem „Susannah“, die meistgespielte amerikanische Oper aufgeführt. Diese spiegele ein Amerika der 50er Jahre wider, das ein wenig an das heutige Amerika erinnert und so ganz nebenbei, für so einige englischsprechende Ensemblemitglieder ein Geschenk sei.
Ein Geschenk sei für viele Schauspieler:innen auch die Entscheidung für die Aufführung von „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza, das grosse Spielfreude und hitzige Wortgefechte auf Seiten der Bühne verspricht und mit Sicherheit für Begeisterung auf Seiten des Publikums.
Musical, Flamenco und Beethoven
Im Bereich Musical wird es neben Wiederaufnahmen, wie zum Beispiel „Hair“, mit „Jekyll & Hyde“ eine Uraufführung einer St. Gallener Version geben.
Besonders überraschend wird es für das Publikum im Bereich Tanz, unter anderem mit einer Kooperation mit dem renommierten Flamenco-Duo „La Venidera“, die Musik mit Körpern verspricht.
Im 200. Todesjahr von Beethoven darf natürlich in der Konzertsparte die 9. Sinfonie, als musikalische Grenzüberschreitung schlechthin, im vielfältigen Programm nicht fehlen.
Otello bei den Festspielen 2027
Auch im Kinder-und Jugendtheater wird zum Beispiel mit dem Familienstück „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ das Thema Grenzüberwindung auf positive Art und Weise, nämlich mittels Freundschaft und Zivilcourage aufgegriffen.
Ein Highlight werden sicherlich die 22. St. Gallener Festspiele, die turnusmässig wieder im Klosterhof stattfinden und am 25. Juni 2027 mit der „Otello“ Premiere starten.
„Hoppla“ in Konstanz
Vom Stolpern und wieder aufstehen, einer Portion Neugier auf das Leben, dem Spass am Denken und einer grossen Lust am Schauspielen spricht die Intendantin des Konstanzer Theaters Karin Becker. „Hoppla wir lachen, fragen, träumen, wählen, streiten, spielen, lieben, stören, lernen und hoffen noch!“ lautet das Motto der Spielzeit 2026/27 und auch hier spürt man den positiven Ansatz in einer Zeit, die von drohenden Spardebatten überschattet wird. Im Spielzeitheft heisst es: „Dieses Jahr möchte ich nur positiv schreiben und denken, denn in unserer Gesellschaft wird leider viel zu viel schlecht geredet und das muss aufhören.“
So darf man sich in der kommenden Saison auf das Familienstück „Frederick“ freuen, dem Klassiker, das in Buchform von Karin Becker schon mehr als 16x verschenkt wurde. „Wer sich nicht in Frederic verliebt, ist selbst schuld“, hört man sie sagen und jeder, der den Inhalt kennt, versteht warum. Denn die Maus Frederick sammelt Ideen und Geschichten, um die kalten Wintermonate gut zu überstehen.
Theater geht in die Schulen
Mit der „Bademattenrepublik“ geht das Theater in der nächsten Spielzeit mit einem interaktiven Abenteuer in Schulklassen und thematisiert Demokratie beziehungsweise, wie man diese, wenn man selbst aktiv eine Demokratie aufbauen würde, gegen einen Angriff von Ausserirdischen retten könnte.
Ob es bei der absurd komischen Endzeitgeschichte „Garland“, die an ein skurriles Roadmovie erinnert, bei der eine Frau sich selbst und das Klima retten möchte, demokratisch zugeht, kann man ab September im Stadttheater überprüfen. In der Spiegelhalle wird es unter anderem die Uraufführung von „HOPPLA“ geben, einem Stück von Hannes Weller, bei dem es um politische Verantwortung geht.
„Die Zauberflöte“ als Mischung aus Oper und Pop
Der Münsterplatz lockt dagegen mit einem musikalischen Volksfest, wie Becker sagt. „Es ist nicht immer leicht, ein Stück für den Münsterplatz zu finden“, räumt sie ein, bevor sie „Die Zauberflöte“ als Mischung zwischen Oper und Pop ankündigt und mit etwas Positivem endet: „Ich bin stolz auf meine Mitarbeiter und dankbar für unser Publikum.“

Von Jana Mantel
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