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von Brigitta Hochuli, 22.05.2013

"Tschau mitenand - machets guet" - ein Film über Susann Basler

Kameramann Steff Bossert, Tontechniker Janosch Röthlisberger und Filmerin Regula Marti (li); Susann Basler während des Interviews mit thurgaukultur.ch im August 2010 und ihr Mann Andreas Sommer (re). | © Brigitta Hochuli

Das Schweizer Fernsehen plant einen 52 Minuten langen Dokumentarfilm über das Sterben der TZ-Bildredaktorin Susann Basler. Zurzeit entstehen die letzten Aufnahmen. Ausgestrahlt werden soll der Film Ende Oktober oder Anfang November.

Brigitta Hochuli

So sehr Susann Basler mit Leib und Seele Fotografin war, so tapfer litt sie und starb vor zweieinhalb Jahren. Offen sprach sie über ihren Krebs und setzte sich mit dem Tod auseinander. Dass sie auf Facebook den Verlauf ihrer Krankheit kommunizierte, machte Schlagzeilen. Sie wolle damit Barrieren abbauen, sagte sie in einem Interview mit thurgaukultur.ch über die Kunst des Fotografierens. Auf Facebook wurde sie auch von der Filmerin und Tele D-Moderatorin Regula Marti kontaktiert. Sie dokumentiere nun ihr Sterben, erzählte die Schwerkranke im August 2010. „Meine Familie und ich haben Ja gesagt zu diesem Film.“ Mit all ihren Facetten und mit ihrer Familie im Rücken wolle sie drei Dinge zeigen: Sich selber als Fotografin, die ihrerseits gerne jemanden beim Sterben begleitet hätte, weil es eine wunderschöne Arbeit sei. Aber dann auch sich selber als Patientin und als Model.

Nicht vergessen

Wenige haben dem Thurgau ein so nachhaltiges Bild aufgeprägt wie Susann Basler. Doch langsam verschwindet ihre fotografische Präsenz aus den Zeitungen, der Nachlass liegt im kantonalen Staatsarchiv. Die Person aber ist nicht vergessen. Das spürt auch Regula Marti, die zurzeit die letzten Sequenzen für einen Dokfilm des Schweizer Fernsehens dreht. Während Susann Baslers Krankheit hatte sie immer wieder gefilmt; in deren Zuhause in Müllheim, im Spital in Frauenfeld, in der Redaktion der „Thurgauer Zeitung“, an der letzten Vernissage in Kreuzlingen. Von Anfang an plante Regula Marti einen Film fürs Schweizer Fernsehen. Das Interesse war gross, sie erhielt eine Sendegarantie. Zusammen mit der Filmproduzentin Lina Geissmann von der prêt-à-tourner Filmproduktion GmbH stellte sie ein frei schaffendes professionelles Team zusammen. Zurzeit werden Rückblenden auf Orte, die Susann Basler geliebt hat, sowie Gespräche mit den Familienangehörigen und der besten Freundin gefilmt. Im Juli wird der neue Teil in die während Susann Baslers Krankheit aufgenommenen Sequenzen hineinmontiert.

Lina Geissmann ist auch verantwortlich für die Finanzierung der budgetierten Ausgaben von 187‘000 Franken; neben der Hauptfinanzierung über die Pacte-Finanzierung des Schweizer Fernsehens konnten Sponsoren wie die Krebsliga und nationale sowie Thurgauer Stiftungen gewonnen werden; 20‘000 Franken hat die Thurgauer Regierung aus dem Lotteriefonds bewilligt.

Interview mit Andreas Sommer

Drehtag im Grünetta-Areal in Müllheim. Hier hatte Susann Basler zusammen mit ihrem Mann Andreas Sommer nach eigenen Plänen ein Loft umgebaut. Es war ihr Stolz und geliebter Rückzugsort für die grosse Familie. Hier wollte die früher Weitgereiste für immer bleiben. Die Stimmung ist gedrückt. Kameramann Steff Bossert und Tontechniker Janosch Röthlisberger halten sich, so gut es geht, im Hintergrund. Regula Marti stellt Andreas Sommer bewegende und direkte Fragen zu seiner Erinnerung an die letzten Tage vor dem Tod seiner Frau. Er bricht in Tränen aus, als er erzählt, wie er sie kennen gelernt hat, wie sie gelebt haben und wie ihm zum Schluss niemand helfen konnte. „Man ist einfach allein.“ Es seien sehr intensive sieben Jahre gewesen. „Und es hat in unserer Beziehung nicht viel gefehlt.“

Auch für Andreas Sommer ist das Fotografieren eine Leidenschaft. Er hat Susann Basler oft beruflich begleitet, ihr die schweren Taschen getragen, als sie das nicht mehr selber konnte. Etwa am eidgenössischen Schwingfest, ihrem letzten grossen Auftrag für die Zeitung. „Susann war der Profi“, sagt er im Gespräch mit thurgaukultur.ch voller Bewunderung. „Es war zwischen uns eine Art Wettbewerb. Sie hat ihn immer gewonnen!“ An der Arbeit des Filmteams hätte sie Freude gehabt, ist Andreas Sommer überzeugt. „Denn Professionalität war ihr immer wichtig.“

Schonungslos mit dem Tod konfrontiert

Für ihre Beerdigung hatte Susann Basler auf Video einen Abschiedsgruss an die Trauergemeinde vorbereitet. "Tschau mitenand - machets guet", heisst auch der Titel von Regula Martis Film. Die Botschaft dieses Films sei, dem Sterben einen Platz zu geben im Leben und sich der Herausforderung des Abschiednehmens zu stellen. Sehr schnell könne es zu spät sein, um tiefe Gespräche zu führen. Susann Basler habe ihr Umfeld schonungslos mit der Tatsache konfrontiert, dass sie bald sterben werde. Dank dieser direkten Auseinandersetzung mit ihrem Sterben habe ihre Familie wieder näher zusammen gefunden.“Konkret bedeutet das“, schreibt Regula Marti in ihrer Projekteingabe, „bewusst Abschied nehmen kann auch eine Chance sein. Eine Chance, die man wahrnehmen muss, solange man Zeit dazu hat.“

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Susann Basler

Susann Basler wohnte in Müllheim, war mit Andreas Sommer verheiratet und Mutter von drei Töchtern. Als junge Frau hatte sie in England und Amerika gelebt und war später viel gereist, besonders nach Indien. Bevor sie 1999 zum Tagblatt im Thurgau stiess und drei Jahre später Bildredaktorin bei der Thurgauer Zeitung wurde, arbeitete sie in Zürich unter anderen für Roger Schawinski, hetzte von Ereignis zu Ereignis oder traf im eigenen Fotostudio kunstvolle Arrangements. Danach begann ihre erstaunliche Liebesgeschichte mit dem Thurgau. (ho)

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Regula Marti

Regula Marti studierte Journalismus am Medienausbildungszentrum in Luzern, Fachrichtung TV-Journalismus. Nach Erfahrungsjahren beim Radio, bei der Thurgauer Zeitung und bei Tele Ostschweiz gründete sie vor zehn Jahren ihre eigene TV- und Videoproduktionsfirma, Now Production GmbH. Seither entstanden Berichte und Dokumentationen über das Wasser, das Leben einer Frau nach einer Schönheitsoperation, über die Begegnung mit Trauernden oder über das tragische Schicksal eines Mädchens nach dem Fehlentscheid eines Sozialamtes. Regula Marti wohnt in Märwil und ist Mutter von drei erwachsenen Söhnen. (pd)

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„I chas nöd ändere.“

Morbider Charme im Thurgau" - Vernissage am 3. September 2010 zusammen mit der Performerin Micha Stuhlmann

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