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von Brigitta Hochuli, 01.11.2011

Tanz - weder elitär noch hermetisch

Tanz - weder elitär noch hermetisch
Caroline Minjolle, bei der Kulturstiftung des Kantons Thurgau unter anderem für den Tanz zuständig. | © zVg

Im Phönix Theater Steckborn ist die Tanzreihe theater:now gestartet. Caroline Minjolle von der Kulturstiftung hilft beim Verstehen. Und erzählt von der Kulturvermittlung.

Brigitta Hochuli

Frau Minjolle, bei bewegten Bildern suchen Zuschauer instinktiv nach einer Geschichte. Beim Westschweizer Tanztheater der Cie Linga musste am Montag als Anhaltspunkt der Begriff Gleichgewicht genügen, was eine Interpretation nicht wirklich erleichtert hat. Wie geht eine Tanzexpertin wie Sie mit dieser Schwierigkeit um?

Caroline Minjolle: Auch als so genannte Tanzexpertin verlasse ich mich auf meine Intuition und mein Bauchgefühl. Den Tanz kann man nicht buchstäblich interpretieren und das ist das Schöne daran! Es geht primär um eine unbewusste Wahrnehmung, weg vom Wort. Man kann zwischen den Zeilen lesen oder auch nicht. Wichtig sind die Bilder, die entstehen und das, was sie in einem auslösen. Berühren sie mich oder nicht? Es geht um Rhythmus, Komposition im Raum, Gefühle, Eindrücke. Entweder findet das Ganze in mir eine Resonanz oder nicht. Es geht nicht um verstehen, fachkundig sein oder nicht.

Ist es für Laien ähnlich wie bei der Musik?

Caroline Minjolle: Ja. Als Nicht-Musikerin muss ich mit der Musik genauso umgehen: spüre ich etwas oder nicht? Hinterlässt das Stück bei mir Spuren? Spricht mich das an? Bin ich bewegt?

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Der Titel des gezeigten Tanzstücks heisst "falling grace". Das hat viele Bedeutungen. Was kann der Zuschauer vor dem Hintergrund der beeindruckenden tänzerischen Leistung darunter verstehen?

Caroline Minjolle: In diesem Stück thematisieren die Choreografen Marco Cantalupo und Katarzyna Gdaniec wie gesagt das physische Phänomen des Gleichgewichtverlierens. In Sequenzen oder Tableaux werden verschiedene Varianten des Gleichgewichtsverlierens umgesetzt. Dabei bleibt die Untersuchung in einem sehr kontrollierten Rahmen. Da Tänzer und Tänzerinnen am Werk sind, wirkt das Fallen eigentlich sehr geschmeidig und schmerzlos. Man könnte sich andere, radikalere Formen des Fallens, des Kippens vorstellen. Stürze und Abstürze. Was in gezeigten Stück nicht vorkommt. Das Ziel der Künstler ist, denke ich, zu zeigen, dass aus der Balance zu sein auch ein schöner Zustand sein kann.

In der Reihe theater:now werden noch vier weitere Compagnies aus der Westschweiz zu sehen sein. Gibt es unter ihnen Gemeinsamkeiten, die sie von Tanztruppen aus dem deutschsprachigen Raum unterscheiden?

Caroline Minjolle: Der zeitgenössische Tanz hat sich in der Romandie viel früher und breiter etabliert als in der Deutschschweiz. Das Béjart Ballet Lausanne, das Ende der 80er Jahre gegründet wurde, hat viel bewegt und ausgelöst. Die Choreografen von Linga zum Beispiel sind beide ehemalige Solisten von Maurice Béjart. Die Cie Philippe Saire aus Lausanne feiert dieses Jahr sein 25 jähriges Bestehen. Saire kommt zwar aus einer anderen Tanzrichtung - er gehört klar zum zeitgenössischen Tanz -, aber auch da entwickelte sich alles früher als in der Deutschschweiz. In Frankreich boomte es Mitte der 80er Jahre. In der Deutschweiz ist während der letzten 15 Jahre zwar sehr viel passiert, aber es gibt noch keine Selbstverständlichkeit. Die Cie Philippe Saire verfügt über ein eigenes Theater und organisiert mehrere Festivals im Jahr. Etwas ähnliches gibt es bei uns nicht.

Auf welche Compagnie sind Sie sonst noch besonders gespannt?

Caroline Minjolle: Ich bin auf alle Gruppen gespannt und kann alle wärmstens empfehlen! Alle sind etabliert, international unterwegs und anerkannt. Die Cie 7273 zum Beispiel hat am 31. Oktober den Schweizer Tanz und Choreografie Preis erhalten. Gilles Jobin gehört zu den wichtigen Figuren der internationalen Tanzlandschaft und wurde als erster Schweizer vom Théâtre de la Ville in Paris koproduziert. Solche Gelegenheiten sollte man sich einfach nicht entgehen lassen!

theater:now bietet auch Workshops in Schulen an. Wird das Angebot geschätzt und genutzt?

Caroline Minjolle: Ja, erfreulicherweise konnten wir dieses Jahr einige Workshops buchen. Daniela Schmid, die Tanzpädagogin aus Frauenfeld, die wir seit der letzten Ausgabe des Festivals verpflichten, ist gut vernetzt und sehr engagiert. Es braucht viel Hartnäckigkeit und Ausdauer. Die Aufbauphase hat sich gelohnt. Jedes Jahr können wir das Angebot erweitern und hoffen, dass es so bleiben wird.

Das Angebot läuft unter dem Titel Kunstvermittlung. Wie nachhaltig ist sie?

Caroline Minjolle: Das ist schwierig zu eruieren. Unser Wunsch wäre natürlich, dass der Tanz genauso wie alle anderen Kunstsparten zu der Grunderziehung gehört und in den Schulhäusern einen festen Platz einnimmt. Wir sind leider noch weit entfernt davon. Wichtig ist vor allem, den Zugang zu ermöglichen, Türen aufzumachen und Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass der Tanz keine elitäre, hermetische Kunstgattung ist. Dass sie sich angesprochen fühlen, das ist schon ein guter Anfang.

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Caroline Minjolle

Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau unterstützt die Tanzreihe theater:now dieses Jahr mit 56'000 Franken. Caroline Minjolle arbeitet für die Stiftung seit 2004. 1981-86 war sie Balletttänzerin an der Oper in Bonn und am Stadttheater Bern. Sie hat zudem ein Linguistik- und Übersetzungsstudium in Zürich absolviert. 1993-2000 war sie verantwortlich für das Ressort Tanz der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Seit 1992 ist Caroline Minjolle freischaffende Fotografin, bis 2004 von der Zürcher Fotografen Agentur Lookat vertreten. (red)

www.linga.ch

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