von Brigitta Hochuli, 21.08.2013
Spektakel auf Teufel komm raus

Das diesjährige Sommertheater auf Schloss Girsberg bei Kreuzlingen ist eröffnet. Die Premiere von Michail Bulgakows Romanumsetzung „Der Meister und Margarita“ ist mit ganz kleinen Abstrichen gelungen.
Brigitta Hochuli
Trotz Verzicht auf theatereigene Kulissen war der Abend bunt und heiter, trotz sehr frischer Luft die Seele bis zum Schluss erwärmt, trotz anfäglich störender Klänge von weiter her liessen sich Schauspieler und Musiker - alle professionell wie sie sind - nicht irritieren. Die Ambiance im Schlosshof unter dem bis über den Seerücken sichtbaren lieblichen Nachthimmel, die Bewirtung samt Bratwurst und Pilzsuppe und das sich ehrfürchtig gebarende Publikum erwiesen der Theatertruppe von Gleis 5 die verdiente Reverenz.
Gut gebündelt
Dieses Publikum kannte den literarischen Jahrhundertwurf des Russen Michail Bulgakow (1891-1940) zum Teil, von dem es heisst, er sei auf der Bühne unspielbar. Wie sollte das gehen? Eine Geschichte aus zwei Geschichten und auf 400 Seiten hundertfach zusätzlich montierte Ereignisse, Figuren, Anspielungen auf die Weltliteratur in einen Theaterabend zu packen? - Es ging. Regisseur Noce Noseda hat den gleichzeitig „hoch philosophischen und hoch grotesken“ Stoff in die beiden imaginären Schauplätze Jerusalem und Moskau um 1930 gebündelt und die komplizierten Zusammenhänge erzählen lassen, die sich aus der Kreuzigung Jesu und der Faustschen Gretchenbeziehung ergeben. Die nach volksrussischer Manier aufspielenden Musiker (Christoph Elsaesser, Daniel Schneider und die auch schauspielende Cornelia Montani) trugen auf hohem Niveau das ihre dazu bei.
Viel Klamauk
Und es durfte herzhaft über feine Pointen und Kunststückchen gelacht werden, auch wenn der aus der Dimitrischule stammenden Kerngruppe des Ensembles manchmal die komödiantischen Rösslein durchgingen. Zwar ist dieses Spektakel im wahrsten Sinn eines auf Teufel komm raus, doch würde etwas weniger Klamauk der Länge der Aufführung nichts anhaben.
Ernsthaftigkeit gibt es aber auch. Etwa wenn die traurige Seite der Liebesbeziehung zwischen dem Meister (Ingo Biermann) und Margarita (Cornelia Montani) gezeigt wird oder der grossartige Otto Edelmann - kein geringerer als der Teufel! - als Fremder, Magier, Gastgeber oder barmherziger Heiratsvermittler in seine Rollen schlüpft.
Jeder kann viel
Das ist überhaupt eine Stärke der Inszenierung: Jeder Schauspieler kann viel. Simon Engeli etwa spielt Jesus, den Geisteskranken, den Conférencier, den frechen, geschwätzigen schwarzen Kater, Geige und Trommel. Joe Fenner - übrigens mit auffälligem schweizerdeutschen Akzent - neben dem Meister den Direktor und das Saxophon. Ingo Biermann gibt den zerknirschten Pontius Pilatus und den Variété-Finanzchef genau so gut wie den Trompetenspieler. Vielseitig allen voran ist Cornelia Montani als Margarita, Krankenschwester, Hexe und Ballkönigin, Zuträgerin von Requisiten und Botschaften und vorallem als wunderbare Akkordeonistin. Dass auch die Hauptmusiker Elsaesser (Kontrabass) und Daniel Schneider (Klarinette) ihre Faxen zum Besten gaben, versteht sich bei dieser Regie von selbst. Einzig die Teufelsfigur Edelmann begnügte sich mit einem Triangel.
Die Moral von der Geschicht? Kritik an Klischees wie romantischer Liebe, an den Verführungen durch Macht, Geld, Schönheit und Kunst, an der Schwarzweissmalerei des christilichen Weltbilds, am stalinistischen Überwachungsstaat - all das sagt man Bulgakows Absichten nach, all das muss der Theaterbesucher aus dem Gesehenen selber hervorkramen. Wenn er denn will.
***
Gespräch mit Noce Noseda und Simon Engeli

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