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von Maria Schorpp, 23.11.2017

Sex als Überlebensinstinkt

Sex als Überlebensinstinkt
Augenblicke mit dem Star-Autor: TC Boyle wurde bei seiner Lesung in Konstanz wie ein Popstar empfangen. | © Oliver Hanser

T. C. Boyle ist nicht nur als Bestseller-Autor Garant für Gesellschaftskritik mit Unterhaltungswert. Bei einer Lesung in Konstanz präsentierte er seinen neuen Roman und sich als menschenfreundlichen Entertainer

Von Maria Schorpp

Wie er das wohl erkannt haben will, dass angeblich nur ein paar der Anwesenden sein neues Buch gelesen hätten? Wie guckt man, wenn man vor einem Star-Autor sitzt und möglicherweise nur so tut, als habe man alle seine 16 Romane hoch und runter gelesen? Wie er in die Runde blickt, ist nicht auszuschliessen, dass T. C. Boyle einen durchschaut. Auch in der zwanzigsten Reihe fühlt man sich immer noch ertappt. Dabei ist es dem amerikanischen Bestseller-Autor überhaupt nicht dran gelegen, sein Publikum in Verlegenheit zu bringen. Er will erklärtermassen eine gute Show abliefern, seine Fans im Konstanzer Konzil-Gebäude unterhalten. Und das hat er dann auch aufs Beste geschafft. Spielend, wie es einem vorkam. Das Publikum im annähernd vollbesetzten Saal feierte ihn wie einen Superstar, dankbar wohl auch, in Konstanz mal wieder den Duft der grossen weiten Welt zu schnuppern.

Vielleicht war es aber auch eine Geste feinfühliger Höflichkeit seiner Gesprächspartnerin gegenüber. Moderatorin Schamma Schahadat bekannte, dass sie sich den neuen Roman von T. C. Boyle in einer Tag- und Nachtaktion reinziehen musste. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin aus Tübingen, dem Stammsitz der veranstaltenden Buchhandlung Osiander, sprang für die kurzfristig erkrankte Margarete von Schwarzkopf ein. Sie machte es trotz der widrigen Umstände gut. Wer T. C. Boyle zum Gesprächspartner hat, hat es ohnehin gut. Der Mann sprüht vor zugewandter Energie, die der Welt etwas bieten möchte. Unter anderem ein paar Kostproben aus seinem seit Anfang des Jahres auf Deutsch vorliegenden Roman „Die Terranauten“, mit dem er auch in Konstanz vorbeigekommen ist.

Eine hinterhältige Satire auf unsere Zeit

Ein Roman, wie man ihn von ihm kennt: Die Grundlage liefert gesellschaftliche Wirklichkeit, amerikanische und in der Folge auch globale. Daraus macht er eine ziemlich hinterhältige Satire auf unsere Zeit. Gerade hat Boyle im Literaturhaus Zürich den Jonathan Swift-Preis, vergeben für Satire und Humor, überreicht bekommen. „Die Terranauten“ nehmen sich ein Experiment zum Vorbild, das Anfang der 1990er Jahre stattfand. Vier Frauen und vier Männer liessen sich für vermeintliche zwei Jahre in einem Terrarium wegsperren, um den Ernstfall zu proben. Motto: Nichts geht rein, nichts geht raus. Das Original-Projekt scheiterte schon nach wenigen Tagen.

T. C. Boyle ging beim Schreiben strenger mit seinen Protagonisten um, als es ehedem in der Wirklichkeit der Fall war. So konnte entstehen, was nach seinem eigenen Bekunden das eigentliche Ziel war: ein ökologisches und menschliches Experiment, das durch die rigorose Abgeschlossenheit erst seine Schärfe erhält. Drei Beteiligte lässt er in der Ich-Perspektive erzählen. Eine davon ist Dawn, die im Konzil von der Schauspielerin Lydia Roscher vom Konstanzer Stadttheater in einem Textauszug gelesen wurde. Es ist kurz nach dem Einschluss, die Euphorie der „Götter unter Glas“ ist gross. Und doch liegt schon jetzt etwas Drohendes in der Luft der 1,5 Hektar umfassenden „Technosphäre“ mit ihren 3.800 verschiedenen Pflanzen- und Tierarten, die sich und ihre menschlichen Bewohner erhalten soll. Schon allein, dass von einem – irdischen – „Gottvater“ die Rede ist. Und überhaupt: dass Menschen drin sind.

Der Star-Autor glänzt auch als Vorleser

Er selbst würde bei so etwas nicht mitmachen. Er gehe lieber in die richtige Natur, alleine, gab der Autor zu. Kein Wunder, angesichts solcher Gedanken über die Natur des Menschen. Einen Ausschnitt las er persönlich, den zweiten Ich-Erzähler Ramsay, der Kommunikationsoffizier, der mit einer voyeuristischen Öffentlichkeit, die an der Glaskuppel die Nasen plattdrückt, Kontakt halten soll. T. C. Boyle ist auch ein mitreissender Vorleser. Das ist sein Text, das sagen seine Stimme und seine raumgreifenden Hände. Er liest im englischen Original mit einem insgesamt ganz anderen Gestus als ihn Lydia Roscher zuvor auf Deutsch zum Ausdruck brachte. Eine spannende Gegenüberstellung.

Der Autor selbst bekennt sich zur dritten Ich-Erzählerin Linda, die es nicht in die Elite-Truppe geschafft hat und sich in ihrer masslosen Enttäuschung in bösartigen Auslassungen Luft macht. Vier Frauen und vier Männer, da geht auch in Sachen Sex was ab. Wer damit nichts anfangen kann, soll das Buch nicht lesen, riet der Autor seinem Publikum. Sex als Überlebensinstinkt, der allerdings auch keine Lösung bietet. Vielleicht ab und zu einen kleinen Ausweg. Als der bekennende Donald-Trump-Verächter Boyle, wohl unvermeidlich, nach dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten gefragt wird, will er lieber über Erfreuliches sprechen, Sex eben. So ganz kann er es sich dann aber doch nicht verkneifen, erzählt von Freunden, die den Unsäglichen gewählt haben. Dessen ehemaliger Chef-Berater Stephen Bannon hatte übrigens bei der realen Vorlage des Experiments mitgemischt, wie rauskam. Da wundert einen nichts mehr.

Annäherung im Gespräch: Moderatorin Schamma Schahadat hat Spass mit T.C. Boyle bei der Lesung im Konstanzer KonzilAnnäherung im Gespräch: Moderatorin Schamma Schahadat hat Spass mit T.C. Boyle bei der Lesung im Konstanzer Konzil. Bild: Oliver Hanser

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