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von Brigitta Hochuli, 19.08.2010

See-Burgtheater: Volles Zelt für Glaubensfragen

See-Burgtheater: Volles Zelt für Glaubensfragen
Regisseur Leopold Huber und Diakon Matthias Loretan nach dem Gespräch über den Glauben an eine bessere Welt. | © ho

Zum öffentlichen Gespräch zwischen Regisseur Leopold Huber und Diakon Matthias Loretan kamen 60 Zuhörerinnen und Zuhörer nach Kreuzlingen. Es ging um den Umgang mit Religion und Glauben in der Inszenierung von Gotthelfs «Schwarzer Spinne». Angeregt dazu hatten der Blog auf unserem Kulturportal und eine Seniorengruppe.

Brigitta Hochuli

«Maria Himmelsmutter nimm mich auf.» Das seien die letzten Worte seiner Mutter auf dem Sterbebett gewesen, sagte Leopold Huber. Aufgewachsen in einem tief katholischen Umfeld liege es ihm fern, «mich lächerlich über Glaubensinhalte zu machen». Doch nicht nur Gotthelf habe zu drastischen Mitteln gegriffen, um dem Volk zu zeigen, wie es sein könne, wenn der Glaube zur Dürrenmattschen «schlimmst möglichen Wendung» führe. Auch das Theater lebe von der Zuspitzung.

Diese Zuspitzung offenbart sich in der Aufführung unter anderem in der Kreuzigung eines (Sünden-) Bocks und in der Machtübernahme durch einen sexuell aufgeladenen Teufel. Vielen Zuschauerinnen und Zuschauern ging das in den falschen Hals. Im offenen Gespräch im Zelt neben der Theaterkulisse versuchten Huber und Diakon Matthias Loretan von der katholischen Pfarrei St. Ulrich eine aussöhnende Klärung.

Glaube sei als Theaterthema nicht ausgeschlossen, denn Glaube komme aus dem Menschen, meint der Regisseur. Der Glaube aber nehme in Zeiten des Terrors und der Krise Schaden. Deshalb zerbröckle die Dramaturgie und drücke zum Schluss der Aufführung der Wahnsinn durch. Es sei ihm darum gegangen, ein theatralisches Bild zu finden für das «Böse, das die Menschen aussaugt».

Matthias Loretan zeigte sich froh darüber, das Stück gesehen zu haben. «Ich habe mich gut unterhalten», räumte er ein. Er habe danach die Novelle von Gotthelf wiedergelesen. Darin gehe es um die Realität und die Banalität des Bösen und, theologisch interpretiert, um dessen Aufhebung im Kreuzopfer. Das habe die Regie nicht verstanden. Darüber habe er sich genervt und es im Blog von thurgaukultur.ch als einen unflätigen blasphemischen, pubertären Witz und eine Posse beschrieben.

«Natürlich mag ich den Teufel nicht, aber interessant ist er schon. Und er ist lustiger als der Herrgott.» Komik müsse sein, findet Leopold Huber. Umso stärker breche die Tragik ein. Die unterdrückte dunkle Seite im Menschen im Theater darzustellen, sei jedenfalls ungefährlicher als sie auf der Strasse oder zu Hause zuzulassen.

Matthias Loretan versteht die dramaturgische Argumentation. Schliesslich sei er in seinem früheren Leben Filmkritiker gewesen. Vergeblich sucht er aber in der Inszenierung nach dem Widerstand gegen die Totalität des Bösen. Wo gibt es etwas, das die Milch nicht schwarz werden lässt wie in Celans Todesfuge? Woran machen wir unsere Hoffnung fest? «Die Alternativen sind verschenkt worden», hält der Diakon dem Regisseur entgegen.

In Hubers Sicht rettet im Stück die Mutter die Menschen, nicht das Kreuz. Er glaubt, dass es «Menschlichkeit wahrscheinlich auch ohne Glauben gibt». Glaube, so Loretan, biete die Möglichkeit, bescheiden zu bleiben und Opfer selber zu erbringen. Huber widersprach mit der Frage, ob es nicht gerechtfertigt wäre, Tyrannen wie Stoffel (bei Gotthelf) oder Hitler umzubringen. «Es geht darum zu zeigen, wohin man kommt, wenn man sich nicht früh genug wehrt.»

Nichtsdestotrotz, Loretan will nicht die «Klischees der religiösen Korrektheit bedienen». «Es ist gut, dass das Stück stattgefunden hat.» Doch sei er erschrocken, «als ich nur absurdes Theater und Theater der Grausamkeit sah». Mehr epische Distanz wäre ihm lieber gewesen. «Denn wer zieht jetzt die Lehren daraus?»

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KRITIK und 11 Kommentare hier.

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