von János Stefan Buchwardt, 29.07.2012
See-Burgtheater: Klima für teuflisch gute Rezepturen

Vor mehr als zwanzig Jahren schwärmte die erste Feuilletongarde in Deutschland von wunderbaren Bildkompositionen, vom musikalischen Geniestreich. Damals in Hamburg uraufgeführt und umjubelt, heute – auf Thurgauer Verhältnisse herunterdividiert – ein für die Mittel des Ostschweizer See-Burgtheaters rühmlicher und gekonnter Leistungsausweis. Die Rede ist von der Kreuzlinger Musicalproduktion «The Black Rider».
Lob seitens der Kritik samt einhelliger Zustimmung des Publikums gehören längst zur Grunderfahrung der Intendantengemeinschaft Leopold Huber/Astrid Keller. Eine gutbemessen in Jahrmarkt- und Budenzauber getränkte, mit marionettenhaftem Slapstick und genau gearbeiteten Miniknüllern versehene Inszenierung, so dürfen die Theatermacher in diesem Jahr den weltweiten Siegeszug der schauerlich-skurrilen Mär von den tödlichen Freikugeln fortschreiben. In der Tat ein komfortabler Zustand, wenn sich neuerlicher Erfolg und gebührender Zuspruch in die Aufführungsgeschichte des See-Burgtheaters einreihen wird! Heuer darf reihum gefallen, was sich aus bewusst durchdachter Gefälligkeit im besten Sinne speist. Ganz ohne Zweifel.
Freilichttheater mit Erfolgsgarantie
Die grundsätzliche Solidität hinter Hubers Arbeit lässt Höhenflüge zu – kleinere, grössere. Leichtes Spiel für ihn als Regisseur: Man nehme ein Erfolgsstück (die moderne Version der alten Freischützsage), besetze es mit altbewährter Schauspielcrew (Werner Biermeier, Lotti Happle, Erich Hufschmid, Astrid Keller, Florian Steiner), das spricht für Sicherheitsdenken und Kontinuität. Die bestens eingespielte Gemeinschaft um verheissungsvolle Gäste (Alexander Peutz, Giuseppe Spina) aufstocken, fertig ist die Garantie, mehr als nur ausgeglichene Bilanzen zu erzielen. Doch Können, Wissen und Inspiration müssen in jedem Fall und immer wieder neu unter Beweis gestellt werden. Keine Frage, der klug rechnende Agitator vom westlichen Bodensee beherrscht sein Handwerk.
Als jahrzehntelanger Organisator und Künstler bewegt sich Leopold Huber in einem Unterhaltungsumfeld, das ihm fortgesetzt Profilierung abverlangt. Sein Aufführungsspektakel im Wäldchen nahe der Seeburg ist gut und gerne stückadäquat. Es hat genau die Klasse, von der eine Kreuzlinger Bühne unter freiem Himmel träumt. Wiederum entwirft sein Bühnen- und Kostümbildner (Klaus Hellenstein) wirkungsvoll einfache, bequem bespielbare Raumelemente. Rechts ein aufgerissener Wohnwagenkomplex (Musikantenunterschlupf), links eine biedere Wohnstube (Ausgangsort der Demontage der bürgerlichen Welt). Innerhalb einer fünfköpfigen Band sorgt der permanente musikalische Leiter (Volker Zöbelin) für stilgerecht grotesken Groove. Mit den Kultmusicalmachern William S. Burroughs, Robert Wilson und Tom Waits im Rücken weiss sich der Abend als eigenständig markige Leistung in einem weitgehend gesättigten Kulturplatz zu behaupten.
Ein Blick auf den modernen Menschen
In einer Welt, die von Zwang und einseitigem Leistungsdenken geprägt ist, von zynischem Verhalten und Untreue zu sich selbst, offenbart der verhängnisvolle Teufelspakt eines heiratswilligen jungen Mannes Masslosigkeit und Selbstentfremdung. Fratzenhaft, doch stets beschaulich wird eine märchenhafte Story über Liebe, Versuchung und Abhängigkeit aufgerollt, die nicht zuletzt auch ein Stück Sozialkritik transportiert. Die Freischützsage mutiert zur Drogen-Allegorie, die uns künstlerisch mit den Mitteln der Entlarvung, der Satire und Verzerrung zu unterhalten weiss. Das Ende hinterlässt ein regelrechtes Erschauern. Nach dem Aufruhr um den fatalen Todesschuss, dem die augenblickliche Hospitalisierung der (Alpen-)Bourgeoisie folgt, obsiegen und umgarnen uns die dunklen Mächte – im Wissen darum, wie unheimlich gern wir der Anziehungskraft des Bösen erliegen.
Fazit: Man verschmelze die Adjektive stilwidrig, wunderhübsch und verdreht diabolisch miteinander, dann ergeben sie genau die spleenig-herbe Eigenwilligkeit, die Waits’ Musik, Burroughs’ Texten und vor allem den durchweg homogenen schauspielerischen Leistungen eingeschrieben ist. Die Protagonistenschar bewährt sich auf zuverlässig querköpfige, keineswegs aber vorlaut rockige Weise in Varieté, Schrägheit und Persiflage. Wenn das im Grunde lapidare Wort Picassos, es gebe unter den Menschen weit mehr Kopien als Originale, gilt, so scheint die See-Burgtheater-Equipe letztgenannte Zuschreibung für sich in Anspruch nehmen zu wollen und zu dürfen. Bleibt dem Aufführungsteam nur noch zu wünschen, dass Meteoschweiz in den nächsten Wochen nichts Schlimmeres als ein paar wenige Starkwindwarnungen für den Bodenseeraum herausgeben wird.

Weitere Beiträge von János Stefan Buchwardt
- Zu echt fürs Museum (28.07.2025)
- Erfmotingas (20.12.2024)
- Fettnapf Theaterkritik (29.11.2024)
- Visionen mit Bodenhaftung (05.07.2024)
- Zwei starke Frauen (07.06.2024)
Kommt vor in diesen Interessen
- Kritik
- Schauspiel

