von arttv, 11.12.2020
Schubert reloaded

In Kreuzlingen startete die schweizweite Tournee des interdisziplinären „PlaySchubert“ Projekts. Ziel ist: Jungen Leuten die Qualität der Winterreise näherbringen. arttv.ch hat das Projekt begleitet.
Will man heute Schubert auf der Bühne im Konzertsaal singen, so fehlen die jungen Menschen im Saal. «Schubert? Wer ist das nochmal?» PlaySchubert katapultiert den Romantiker in unsere Gegenwart und zurück. Die Band Extrafish und die Künstlerin Caroline Schenk interpretieren Schuberts Lieder-Zyklus neu. Daraus entstehen ein Urbanmusic-Konzert und eine multikanal Videoinstallation unter der künstlerischen Leitung der Sängerin Mona Somm.
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«Schubert komponierte nicht nur für die vergangene Epoche. Auch heute noch rüttelt er kräftig an unseren Emotionen. Seine Musik triggert zum richtigen Zeitpunkt Bilder und Geschichten in unseren Seelen und Köpfen. Shortstorys entstehen. Verwoben mit unseren ganz persönlichen Lebenserfahrungen und Lebensgeschichten.»
Mona Somm
Sie sucht im Schnee vergebens
Statement der Künstlerin Caroline Schenk
«Fremd in der Welt und fremd dem eigenen Leben gegenüber – spüre ich mit meinen Videoperformances den Spuren des Wanderers aus Franz Schuberts Winterreise nach. Dabei verknüpft sie die Musik, die Motive und die grossen Themen der Romantik mit zeitgenössischen Performancestrategien. Ich übersetze die Sehnsucht und die innere Kälte des Winterreisenden; spiegle und verfremde sie; untersuche die visuelle und malerische Komponente der Musik und erweitere den Begriff Landschaft auf die psychische Ebene. Wofür stehen seine Schwärmereien?
Für einen Fluchtversuch aus der Realität oder sind sie Widerstand gegen die herrschende bürgerliche Gesellschaft? Wie steht es heute um die romantischen Gefühle? Kann ich mich als feministische, zeitgenössische Künstlerin diesem Lebensgefühl überhaupt nähern?» Aus dem romantischen Schwärmen – ist ein Ausschwärmen einer weiblichen Figur geworden, einer Anwältin des gedämpften Optimismus und der individuellen Anarchie. Die einzelnen Videoarbeiten funktionieren wie «bewegte Stillleben» und beschäftigen sich mit der Melancholie, diesem romantischen Gefühl das den Geist auf einen Weg führt, der von der Norm abweicht: Ein kleiner, scheinbar unbedeutender Gedanke, der bis zur Besessenheit durchgespielt werden kann und in einem immer wiederkehrenden Versuch mündet.
Die Ernsthaftigkeit der Themen der Winterreise wie die Entfremdung des Einzelnen, die psychologische Isolation aber auch die Kälte und die Ohnmacht, werden mit einer gewissen Leichtigkeit und Humor aufgewogen – man könnte von einer «melancholischen Bekehrung» sprechen, da es sich bei der Videoinstallation um einen Versuch handelt, die Absurditäten des (heutigen) Lebens zu hinterfragen, indem ich tragische Freude und Augenzwikern als Mittel gegen Verzweiflung und Resignation verwende.»

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