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Reden ist Gold

Reden ist Gold
Beispielhaft: In der Aktion «40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten» begegneten sich der Schauspieler Wolf List und der Politiker Rainer Fredermann (CDU). | © zVg

Oft heisst es ja: Politik verstehe nicht, wie Kultur funktioniert. Das Gute ist: Man kann das ändern. Ein Projekt aus Deutschland zeigt, wie der Austausch in Zeiten der Pandemie gelingen kann. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Eigentlich ist es ja ganz einfach: Wenn man etwas verstehen will, dann muss man Fragen stellen. Um Fragen stellen zu können braucht es nicht viel: Ein bisschen Wissen, ein Grundinteresse am Gegenüber, vielleicht sogar Neugier und Zeit. Vor allem von Letzterem haben sehr viele Menschen gerade sehr viel mehr als sonst. Ohne die über Jahrzehnte eingeübte Terminhatz werden zumindest digitale Begegnungen auch mit sonst sehr beschäftigten Menschen schneller möglich.

Genau da setzt ein Projekt des Bundes der Szenografen, der Dramaturgischen Gesellschaft und des ensemble-netzwerks an, das zwar schon seit 2016 in Deutschland läuft, aber in Zeiten der Pandemie seine ganze Kraft entfaltet. „40’000 TheatermitarbeiterInnen treffen ihre Abgeordneten“ heisst es und es bringt auf sehr persönliche Weise Kultur und Politik miteinander ins Gespräch.

Es wird sowohl vom Deutschen Bühnenverein als auch der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) sowie zahlreichen Theater-Fachverbänden unterstützt. In Zweier-Gesprächen treffen Kulturschaffende und PolitikerInnen aufeinander und lernen so bestenfalls beide etwas voneinander. Dies umso mehr als sich nicht nur ohnehin kulturinteressierte PolitikerInnen den Gesprächen stellen, sondern auch PolitikerInnen mitmachen, die dem Kulturbetrieb nicht so nah sind.

In Zeiten der Pandemie finden viele Begegnungen auch digital statt: Hier treffen Hajo Tuschy (Schauspieler) und Boris Pistorius (Niedersächsischer Minister für Inneres und Sport, SPD) aufeinander. Bild: zVg

Begegnungen helfen Vorurteile abzubauen

In den Anfängen des Projektes gab es noch direkte Begegnungen, in Corona-Zeiten hat sich das Geschehen weitgehend in den digitalen Raum verlagert. Schlechter seien die Gespräche deswegen nicht geworden, versichern alle, die schon mal dabei waren.

Und in der Tat können derlei Begegnungen nur helfen. Schliesslich heisst es in der Kultur oft genug, die Politik verstehe die Bedürfnisse des Kulturbetriebs nicht und in der Politik rollen gerne mal Augenpaare, wenn die Kultur auf ihre Bedeutung hinweist.

Der Clou des Projektes liegt in seiner einfachen Botschaft: Persönliche Begegnungen bewegen. Menschen und Gedanken. Es macht eben einen Unterschied, ob man in einem Dossier über die Lage von KünstlerInnen liest oder ob man von einem echten Menschen von seiner aktuellen Situation erfährt. Was länger im Gedächtnis bleibt und nachhaltiger prägt, kann man sich leicht ausmalen.

Wohl wahr. Der Politiker Ulf Thiele (CDU) und die Dramaturgin Friederike Schubert sind sich einig. Bild: zVg

Prävention gegen drohende Budgetkürzungen

Dass die Gespräche bereits gewirkt haben, davon zeigen sich die InitiatorInnen der Aktion auf ihrer Website überzeugt und belegen dies mit ein paar Zahlen: «Das Land Nordrhein-Westfalen verdoppelt seine Landesmittel für die kommunalen Theater bis 2022 auf 50 Millionen Euro jährlich und erhöht die Mittel für freie Theater um 50 Prozent, Thüringen erhöht um 17 Millionen Euro, Sachsen hat die Mittel zur Theater- und Orchesterfinanzierung ab 2019 um zehn Millionen Euro aufgestockt, Mecklenburg-Vorpommern hat gerade seine Zuschüsse um mehr als zehn Prozent auf 40 Millionen Euro aufgestockt. Die Mindestgage für Schauspieler*innen ist von 1650 Euro brutto auf 2000 Euro gestiegen.»

Welchen Anteil das Projekt, das 2018 mit dem Perspektivpreis des Deutschen Theaterpreises DER FAUST (siehe Video von der Verleihung unten) ausgezeichnet wurde, wirklich hatte, wird man wohl kaum beziffern können.  Aber: Diese Gespräche sind mindestens ein Weg der Diskursöffnung und -verschiebung.

In der Pandemie könnten solche Begegnungen für die Kultur noch Gold wert sein. Denn: Wenn das Virus mal besiegt ist, werden Verwaltungen in Kommunen, Städten, Ländern, Kantonen und Bund die Rechnung für die Corona-Bekämpfung begleichen müssen. Wenn PolitikerInnen dann ein besseres Verständnis vom Kulturbetrieb haben, dürfte es ihnen - so zumindest die Hoffnung - nicht mehr ganz so leicht fallen bei Einsparmassnahmen reflexhaft sofort an die Kultur zu denken.

Video: Verleihung des Faust-Preises 2018

Deshalb wäre es klug, jetzt auch ein solches Projekt im Thurgau, ja in der gesamten Schweiz zu lancieren. Digital ist das so einfach wie nie. Das ganze funktioniert spartenübergreifend in der Kultur und auf verschiedenen Ebenen der Politik: GemeinderätInnen, KantonsrätInnen und BundesrätInnen und -abgeordnete gehen ins direkte Gespräch mit SchauspielerInnen, KünstlerInnen, AutorInnen, RegisseurInnen, FotografInnen und TänzerInnen.

Für gute Entscheidungen braucht es gute Informationen

Damit alle wissen, was auf dem Spiel steht. Und jeder versteht, dass Kultur von Menschen gemacht wird. Denn am Ende ist es doch so: Auch PolitikerInnen können gute Entscheidungen nur treffen, wenn sie gute Informationen haben.

P.S.: Nach Erscheinen dieses Artikels hat uns Alex Meszmer, Geschäftsleiter von Suissculture darauf hingewiesen, dass es ein ähnliches Projekt in der Schweiz bereits gab: «Es gab die Kunst trifft Politik Aktion von Suisseculture zum Kulturförderungsgesetz 2009/2010. Darüber habe ich bei CAE und in Brüssel immer wieder berichtet und es gab ähnliche Aktionen zu den Europawahlen», schreibt Meszmer. Um so besser: Dann kann man das ja gleich wieder neu aufsetzen und hat schon die Erfahrung von damals. ;-)

Björn Thümler (Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, CDU) trifft auf Caroline Junghanns (Schauspielerin)

 

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