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von arttv, 04.11.2025

Posthume Begegnung zweier Einzelgänger

Posthume Begegnung zweier Einzelgänger
Museumsleiter David Bruder stellt die beiden Protagonisten Bernhardsgrütter und Diem vor | © Inka Grabowsky

Die Künstler Anton Bernhardsgrütter und Johannes Diem begegnen sich posthum im Kreuzlinger Museum Rosenegg. Sie haben viel mehr gemein als ihr Alter, wie ein Videobeitrag von arttv.ch zeigt. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Im Dezember 2024 und April 2025 wären Johannes Diem und Anton Bernhardsgrütter 100 Jahre alt geworden. Ihre Biografien weisen erstaunliche Parallelen auf: Schicksalsschläge und der radikale Entschluss, für die Kunst aus einer gesicherten bürgerlichen Existenz auszubrechen. Obgleich sie nicht weit entfernt voneinander gelebt haben, ist kein Austausch entstanden. Nun treffen sie in der Ausstellung im Museum Rosenegg doch noch aufeinander.

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Fürchterlich schöne Welt

Die Ausstellung «Fürchterlich schöne Welt – Zwei 100-Jährige aus dem Thurgau» zeigt eine Auswahl von Werken aus öffentlichen Sammlungen und dem Privatbesitz der zwei Künstlerpersönlichkeiten und ist eine Kooperation mit der Kunstkommission Kreuzlingen. Das Museum Rosenegg hat beiden Künstlern in der Vergangenheit Einzelausstellungen gewidmet. Anlässlich ihrer runden Geburtstage kommt es nun zu einer posthumen Begegnung der sehr eigenständigen Charaktere, die auch überraschende künstlerische Bezüge in der Auseinandersetzung mit einer «fürchterlich schönen Welt» erkennen lässt.

Johannes Diem

Von seiner alleinstehenden Mutter ins Waisenhaus gegeben und unglücklich aufgewachsen bei Pflegeeltern im Appenzell, hat Johannes Diem es in den 1960er-Jahren weit gebracht. Nahe der Bahnhofstrasse führt er in Zürich einen Coiffeur-Salon, zeitweilig sogar mit Dependance im Tessin. Er besucht Kunstkurse. Für die Kunst gibt er schliesslich das gutgehende Geschäft auf und zieht mit Frau und Kindern nach Ermatingen. Zeigen seine Werke aus der Zürcher Zeit noch den Einfluss der Schule Ernst Wehrlis und der «Gesellschaft für eine Gesamtkultur», entwickelt er am Bodensee zunehmend einen eigenen Stil, der in manchem an Adolf Dietrich erinnert. Im Mittelpunkt steht die Natur – Wälder, Wiesen und der See, die er akribisch im Detail erfasst –, meist belebt durch Libellen, Vögel oder andere Tiere, nicht aber durch den Menschen. Dessen Abwesenheit lässt ihre Gefährdung umso augenfälliger erscheinen. Zunächst in selbst organisierten Ausstellungen, später durch Galerievermittlung finden seine Gemälde, Lithografien, Blei- und Farbstiftzeichnungen schnellen Absatz. Die letzten Jahre verbringt er, früh verwitwet, in einem Pflegeheim in Berlingen. Nur ein kleiner Teil seines Werks gelangt, teils zufällig nach seinem Tod, in öffentliche Sammlungen.

Anton Bernhardsgrütter

«Ich hatte das Gefühl, ich müsste es tun.» Ohne Ankündigung erscheint der beliebte Kreuzlinger Lehrer Anton Bernhardsgrütter eines Tages nicht mehr zum Unterricht. Erst nach zwei Wochen meldet er sich bei seiner Familie wieder, zurückkehren wird er lange nicht. Mit 48 beginnt er ein neues Leben als freischaffender Künstler. Er reist, hält sich in Italien auf, wohnt unter anderem in der Kartause Ittingen und zieht wieder ins leerstehende Elternhaus. Mit einer Gruppe identifiziert er sich nie, bleibt ein Einzelgänger. Stilistisch entwickelt er sich weiter, entfernt sich vom vermeintlich naiven Duktus seiner Hinterglasmalerei. Die Wahl seiner Motive ist vielfach autobiografisch geprägt: der Bauernhof nahe Bischofszell, die katholische Frömmigkeit, die Mutter, die Geliebte und nicht zuletzt er selbst. Beziehungen werden fragwürdig, die Natur als Kulisse – nur scheinbar eine heile Welt. Neben der Malerei und Grafik entsteht eine Serie von Tagebüchern, in denen er Kunst und Literatur verschränkt. Schreibend und zeichnend kommentiert Bernhardsgrütter das Zeitgeschehen, auch einigen Gemälden fügt er eine polyglott-literarische Ebene hinzu. Grosse Auftritte scheut er. Am Ende lebt er zurückgezogen im Alterszentrum Kreuzlingen.

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