von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 03.08.2016
Pop-Sensation kommt nach Wil

Dass die Herren um Bandleader Tobi Bamborschke das Spiel mit richtigen Referenzen und falschen Fährte bereits ziemlich gut beherrschen, liess sich bereits im Juni in Konstanz in beobachten. Bei ihrem Auftritt auf dem dortigen Campusfestival begrüssten sie die Zuschauer mit einem spöttischen "Servus. Wir sind Wanda aus Wien".
Setzen auf Varianz
Waren sie natürlich nicht und so richtig viel haben die beiden derzeit vielleicht angesagtesten deutschsprachigen Bands auch nicht gemein. Klar, beides ist irgendwie neuer Deutsch-Pop, irgendwie Indie, aber während sich Wanda oft ganz ihrem Wiener Schmäh hingeben, kann Isolation Berlin mal gefühlig wie Tocotronic, mal glasklar wie der grosse Rio Reiser sein. Tobi Bamborschke (Gesang, Gitarre), Max Bauer (Gitarre, Orgel), David Specht (Bass) und Simeon Cöster (Drums) setzen auf Varianz, wo Wanda in seiner erprobten Erfolgsspur bleibt.
Keine Hip-Hop-Pop-Schnösel
Das Spiel mit den Identitäten ist sowohl Programm als auch Kritik bei der Band aus Berlin. Programm, weil sie nicht anders können. Kritik, weil es sie nervt, immer wieder mit Wanda verglichen zu werden. Von Schubladen halten die Musiker nichts, sie wollen ihr Ding machen und werden doch immer wieder reduziert auf die Hip-Hop-Pop-Schnösel, die sie gar nicht sind. Insofern darf man solche spöttischen Ansagen wie jene aus dem Juni in Konstanz auch als Kritik am Feuilleton und dem Musikjournalismus verstehen.
Suchende voller Neugier
Die Legende will es so, dass sich die Band angeblich aus Trostlosigkeit gefunden habe. Die graue deutsche Hauptstadt habe sie zusammengetrieben, heisst es. Wie bei allen Bandgründungsmythen weiss man auch hier nicht, ob er stimmt oder einfach nur gut klingt. Sei es drum. Die jungen Musiker wehren sich gegen Partyhedonismus und all zu viel Fröhlichkeit in ihren Songs.
Aber da ist längst nicht nur Schwermut in den Texten, das Licht schimmert immer mal wieder ein bisschen durch, auch wenn keiner so recht weiss, wo genau er danach suchen soll. Überhaupt das Suchen. Isolation Berlin sind Suchende, ihr Weg nimmt manchmal krude Bahnen, aber immer voller Neugier und mit alles in allem erstaunlich wenig Lebensverdruss.
Grosse Gefühlsmusik
Das Debütalbum "Und aus den Wolken tropft die Zeit" ist im Frühjahr 2016 erschienen und sorgte bei Fans und Feuilleton gleichermassen für Juchzer. Selbst die Verriss-Liebhaber von Spiegel Online liessen sich zu Lob hinreissen: Isolation Berlin gelinge das Unwahrscheinliche - grosse, sehnsuchtsvolle, traurige und wütende Gefühlsmusik, die sich jedem Trend entziehe. Und wörtlich "Texte, die zwischen Euphorie und Absturz taumeln, zwischen Depression und Aufbegehren, Trauer und Sehnsucht; Texte, die jeder sofort fühlt und versteht, sobald er sie hört."
Am 6. August in Wil
Da ist doch umso schöner, wenn man nun lesen kann, dass die Band schon in wenigen Tagen auch hierzulande zu erleben sein wird - am 6. August spielen sie neben vielen anderen Bands in Wil beim Fete de Lion - einem kleinen aber feinen Festival des dortigen Gare de Lion. Es ist ein Versuch, nach Deutschland nun auch die Schweiz zu erobern und auch hier die Menschen zum Hüpfen, Tanzen, Springen zu bringen. Nicht unwahrscheinlich, dass ihnen das gelingt.
***
Termin
Isolation Berlin spielen am Samstag, 6. August, ab 21 Uhr, beim Fete de Lion in Wil. Eintritt: 39 Franken im Vorverkauf, 45 Franken an der Tageskasse. Ebenfalls auf der Bühne Whomadewho, Goose, Razz und viele andere. Das komplette Programm des Festivals im Überblick: www.fetedelion.ch

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