von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 24.03.2026
Topografien des Anfangs

Noch bis 29. März zeigt Markus Huber im Kunstraum Frauenfeld seine Experimente zwischen Malerei und Monotypie. Seine Formen laden ein zur Erforschung unbekannten Terrains. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Eine Landkarte ist ein hilfreiches Instrument. Sie hilft dabei, sich auf unbekanntem Terrain zurechtzufinden und sich selbst in neuen Umgebungen und Gegebenheiten zu verorten. Ohne geografische Daten wären auch digitale Werkzeuge wie Google Maps hilflos. Manchmal reicht das aber nicht aus. Will man tiefer schürfen, unter die Oberfläche gehen, dann braucht es Topografien. Sie vermessen das Gelände noch mal anders. Sie zeigen Höhen und Tiefen, erfassen Unebenheiten, offenbaren Abgründe, von denen man nichts ahnte.
All das findet man auch in den Arbeiten von Markus Huber, die aktuell im Kunstraum Frauenfeld unter dem Titel «Ein Anfang» zu sehen sind. Bestimmte Gegenden wirken dicht besiedelt, andere verlassen, es finden sich Leerstellen und Lücken, nur an den Rändern gibt es eine gewisse Klarheit. Mal streng, mal eher diffus. Man fragt sich unweigerlich, welche Länder der Künstler da gerade vermessen hat. Gewiss ist, seine Landschaften haben nichts mit Nationalitäten zu tun. Sie sind eher Gefühls- und Momentaufnahmen von etwas Universellem.
Was den Künstler bei der Arbeit inspiriert
Markus Huber, geboren 1953, aufgewachsen im Kanton Aargau, Studium der Medizin in Zürich. Facharzt für Psychiatrie mit eigener Praxis in Frauenfeld bis 2025, malt in Öl und presst dem Material seine Arbeiten im Druckverfahren (Monotypie) ab. Es sind keine Fantasieformen, die er zeigt. Alles habe seinen Ursprung in Alltagsbeobachtungen, sagt Huber. Die Kelchform, die ihn auf einer Wanderung im Engadin an einer Pflanze fasziniert hat, die Eizelle von Fischen, die ihn zu den Arbeiten mit runden Formen inspirierte.
Was alles miteinander verbinde, sei «eine verallgemeinerbare Form, die man in natürlichen sowie in künstlerischen Kontexten finden kann», erklärt der Künstler an einem Donnerstagmorgen in seiner Ausstellung im Frauenfelder Kunstraum. Was man in diese Form hineinlese, das sei Sache des Betrachters, findet Markus Huber. «Ich bin nicht der Typ für die Metaebene, ich will etwas machen, ich will künstlerisch arbeiten, der Rest interessiert mich erst mal nicht so sehr.» Auf die Frage, ob Kunst nicht immer auch ein Erforschen sei, zuckt der 73-Jährige mit den Schultern und sagt: «Das mag sein, aber das ist nicht mein Antrieb.»
Wie ein Virus kam die Kunst über ihn
Als Mediziner pflegt er einen eher nüchternen Zugang zu seiner künstlerischen Arbeit. Dabei hat ihn die Kunst am Anfang ganz schön überrumpelt. «Es war wie eine Infektion. Plötzlich war da dieser Drang, malen zu müssen», erinnert sich Huber an seine künstlerische Erweckung während seines Studiums. «Ich wusste nicht, woher es kam. Aber plötzlich war dieser Drang übermächtig da, und ich habe angefangen, künstlerisch zu arbeiten», sagt er. In den vergangenen Jahrzehnten sind so etliche Werke entstanden, Hubers Website gibt einen guten Einblick dazu.
Im Kunstraum Frauenfeld zeigt er nun Arbeiten, die sich in Form, Farbe und Struktur unterscheiden. Die Grundform schafft Markus Huber stets malend, zu Landkarten werden seine Werke durch die Drucktechnik. «Für die Ausstellung habe ich rund 300 Blätter gedruckt, es dauert oft, bis sich ein Motiv herauskristallisiert. Die Suche ist aufwendig. Ich muss mich dem Stück für Stück annähern», gibt der Künstler Einblick in sein Schaffen. Wichtig sind ihm die Form, die Technik und herauszufinden, wie er die verschiedenen Materialien zum optimalen Zusammenspiel führen kann.
Die Bedeutung der Zeit für seine Arbeit
In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich eine eigene Expertise in dem Feld erarbeitet. Er weiss, wie die Intensität des Pinselstrichs den Druck beeinflussen kann, wie Papier und Konsistenz der Farbe verschiedene Effekte erzielen können. Und trotzdem könne es am Ende anders herauskommen, als man geplant habe.
Das sei das Unvorhersehbare im künstlerischen Prozess, mit dem man als Künstler umgehen müsse. «Irgendwann erkennt man einfach, wenn ein Bild fertig ist. Die Erkenntnis funktioniert aber anders, als man denkt: Nicht ich lasse das Bild los, sondern das Bild lässt mich los», so Huber.
Neben dem Material ist Zeit die wichtigste Zutat des Kunstprozesses für Markus Huber. «Ich kann nicht schnell schaffen. Ich brauche Zeit, damit Ideen aus dem Experimentalstatus hinauswachsen können. Im Prinzip arbeite ich wie ein Tausendfüsser», sagt er und lächelt bei dem Bild.
Variationen des Anfangs
«Ein Anfang» hat er seine Ausstellung in Frauenfeld nun betitelt. Und natürlich kann man in die unterschiedlichen Formen die unterschiedlichen Typen und Merkmale von Anfängen hineinlesen. Der Anfang, der immer auch Ende ist. Der Anfang mit steiler Lernkurve. Der Anfang, der sich im Nichts verläuft, bis ein neuer Anfang startet. Zwischen den Rändern liegt bekanntes, aber auch unbekanntes Gelände. Es gibt Leerstellen, Unebenheiten, Ungewissheiten.
Vielleicht ist es das, was Markus Hubers Werken inne liegt: Egal, wie detailliert eine solche Topografie des Anfangs sein kann, am Ende muss man den Weg selbst gehen, um herauszufinden, ob der Topograf recht hatte.
Die Ausstellung im Kunstraum Frauenfeld
Noch bis Sonntag, 29. März, ist die Ausstellung von Markus Huber im Kunstraum Frauenfeld zu sehen. Die Öffnungszeiten: Samstag, 28. März, 14 bis 17 Uhr; Sonntag, 29. März, 14 bis 17 Uhr — der Künstler ist jeweils an den Sonntagen anwesend.
Konzert in der Ausstellung: Am Freitag, 27. März, spielt das Jazz Chamber Trio (Beat Bossart: Trompete, Flügelhorn — Marco Sigrist: Gitarre — David Reitz: Violoncello) ein Konzert in der Ausstellung. Türöffnung 19 Uhr, Konzert 20 Uhr. Das Trio spielt vorwiegend Eigenkompositionen. Kollekte.

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