von Brigitta Hochuli, 01.12.2013
Politik, Kultur und Volk

Brigitta Hochuli
Zurzeit gibt es im Thurgau ein Spannungsfeld zwischen Politik und Kultur. Oder zumindest Berührungspunkte. Etwa, wenn Dierk Maass, der Inhaber des in der Kritik stehenden Herz-Neuro-Zentrums Bodensee, an der Art Miami seine Fotografien aus der Serie Shades of Dolpo ausstellt. Präsentiert werden sie vom 3. bis 8. Dezember am Stand der Galerie Anita Beckers (Frankfurt am Main).
Politik hat mit dem Volk zu tun, und dies manchmal auch, wenn es um Kultur geht. Einigen aus dem Volk ist der Erweiterungsbau des Kunstmuseums deshalb ein Dorn im Auge, weil sie eine Abstimmung darüber wünschen, die im Gesetz aber nicht vorgesehen ist.
Kultur und Volk hingegen vertragen sich bestens, wenn es um Volkskultur geht. So rufen Daniel Felix und Alexandra Beck zusammen mit dem Cinema Liberty am 18. Januar in Weinfelden den ersten Volksfilmtag aus. Ausdrücklich zeigt dieses Festival Filme, die einen engen Bezug zum „Schweizer Volk und seinen Brauchtümern“ haben. Dass es mit dem Thema Eisenbahn startet, hat mit Daniel Felix zu tun, der den Film über die Geschichte der MThB gedreht hat, die allerdings ihrerseits nicht immer unter einem politisch strahlenden Stern gestanden hat.
Einen unbeschwerten Zugang zur Politik hat hingegen die junge Künstlerin Joëlle Allet, der diese Woche der Adolf Dietrich-Förderpreis überreicht wird. Unter Bäumen vor dem renovierten Regierungsgebäude in Frauenfeld wird die Sirnacherin fünf in Bronze gegossene lebensgrosse Waldtiere aufstellen dürfen. Mit Politik haben diese Tiere insofern zu tun, als sie zu Fragen des Verhältnisses zwischen Regierung und Volk Stellung nehmen sollen. Das kann man angesichts des derzeitigen Politik-und-Kultur-Verhältnisses als einen meisterlichen Coup in Sachen Selbstreflexion betrachten. Man kann es aber auch, wie Alex Bänninger es in der „Thurgauer Zeitung“ tut, „irrig“ finden. Irrig sei es, „die thurgauische Staatsidee ohne Volk und lediglich in der Figürlichkeit der Regierung erfasst zu sehen.“
Womit wir schon wieder beim Volk wären und zum Schluss noch erwähnen müssen, dass unter den 100 von der genannten Zeitung gewählten Promis immerhin 15 der Kultur zuzuordnen sind. Es sind höchst verdiente Menschen und würden vom Volk bestimmt nicht abgelehnt werden, wenn es denn etwas dazu zu sagen hätte. Die Thurgauer Kultur-Kollegen befragen wir lieber nicht; sie hüllen sich derzeit in Schweigen.
***
Kommentar von Jürg Schoop | 02.12.2013, 13.56 Uhr
Die Prominenz wird heutzutage gerne an der Kadenz, wie sie in der hauptsächlich People-Presse zu Tage tritt, gemessen. Prominent bedeutet aber vorbildlich und massgebend.
Die Thurgauer des Jahres sind in der Regel einfach Leute, die im Moment grosse Erfolge feiern können und daher im Bewusstsein des Volkes vorhanden sind. Da kann man als Zeitung nicht fehlgehen.
Ein richtig vorbildlicher und für die Zukunft massgebender Thurgauer wäre z.B. der Tierschützer und Tieranwalt Dr. Erwin Kessler, ein Mann mit Visionen, ein Mann, der nicht einfach nur so daherredet und sich auch tatkräftig -teils unter Lebensgefahr- für seine zukunftsweisenden Ideen einsetzt. Aber er ist hartnäckig und unbequem, was im ländlichen Thurgau schon beinahe ein Verbrechen ist.
Ich wollte ihn schon lange einmal für den Thurgauer Kulturpreis vorschlagen, das könnte den Horizont für den Umgang mit dem, was Kultur auch noch ist, ein wenig öffnen. Hat unser Regierungsrat solchen Mut?

Weitere Beiträge von Brigitta Hochuli
- Kultur für Familien: Was im Thurgau noch fehlt (06.09.2018)
- Rätsel gelöst: So alt ist der Kunstraum Kreuzlingen (29.06.2018)
- Musikschule Kreuzlingen sucht Verbündete (14.06.2018)
- Kult-X in WM-Stimmung: Das etwas andere Public Viewing (29.05.2018)
- Unterm Sternenhimmel (13.05.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Kulturpolitik
- Kolumne

