von Brigitta Hochuli, 28.07.2010
Picknick auf dem Mont Ventoux - eine homerische Mahlzeit

Wie Insektenforscher Jean-Henri Fabre im August 1865 den provençalischen Sommer genoss. Nachzufühlen im Naturmuseum Thurgau.
Brigitta Hochuli
… mit Knoblauch gefüllte Hammelkeulen und Stapel von Brot… mit Bergbohnenkraut gewürzter Käse vom Ventoux und daneben die mit Speckwürfeln und Pfefferkörnern gesprenkelten rosa Würste aus Arles… grüne, noch laketriefende, und schwarze, mit Öl angemachte Oliven… weisse und orangene Melonen aus Cavaillon… ein Topf mit Anchovis, die einem Mann tüchtigen Durst machen und ihn auf dem Marsch nicht müde werden lassen … und schliesslich Flaschen, die im eiskalten Wasser eines Troges gekühlt werden. Die Krone des Festmahls? Rohe Zwiebeln, die man mit Salz isst.
Homerisch nennt Jean-Henri Fabre (1823-1915) diese Mahlzeit, die er mit Gleichgesinnten während des Aufstiegs zum Mont Ventoux verzehrte und die er ein Leben lang nicht vergessen wollte.
VIDEO: Trailer zum Dokumentarfilm «L´Harmas - Das Brachland». Im Insektengarten von Jean-Henri Fabre.
Weniger homerisch, doch nicht minder üppig und abwechslungsreich, war das Menü jener Wespe, der der Begründer der Verhaltensforschung in der Nähe von Avignon auflauerte. Rings um die Larve einer Bembex julii entdeckt Fabre
… sechs Raupenfliegen, zwei ganz und vier in Stücken… vier Schwebfliegen, zwei ganze, zwei Reststücke… drei Raupenfliegen, alle unversehrt und eine gerade von der Mutter gebracht… zwei rothalsige Schmeissfliegen, eine ganz, die andere angefressen… einen Wollschweber, zermust… zwei Echinomyia intermedia, Stückchen… und schliesslich zwei Pollenia floralis, ebenfalls Stückchen. Insgesamt zwanzig.
Möge, wer den Mont Ventoux, den höchsten Berg Frankreichs zwischen Alpen und Pyrenäen, erklimmen will, aufs Velo steigen und die Strapazen einer Tour de France auf sich nehmen. Möge aber, wer Lust hat auf die Poesie der Insektenwelt, auf Gedanken über Vernunft und Unvernunft und auf die Raffinesse tierischer Instinkte zu den „Erinnerungen eines Insektenforschers“ greifen und eintauchen in die Welt des Jean-Henri Fabre. Versprochen: Seine Souvenirs lesen sich wie ein Krimi!
***
Ausstellung im Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld ab 1. August, Matinée am 12. September, 10.30 Uhr, im Vortragssaal der Kantonsbibliothek; Jean-Henri Fabre, Erinnerungen eines Insektenforschers, aus dem Französischen von Friedrich Koch, mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser, Band I von geplanten X, Matthes & Seitz Berlin, 2010; Der Film L´HARMAS – DAS BRACHLAND entführt in Fabres Haus und Insektengarten in Sérignan-du-Comtat in der Nähe von Orange. Und noch zur Erinnerung: Kurt Guggenheim, Sandkorn für Sandkorn, 1959.

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