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von Brigitta Hochuli, 06.06.2011

Pfingstkonzerte: über die Verwandlung in der Musik

Pfingstkonzerte: über die Verwandlung in der Musik
„Bruno Ganz hat nicht nur für mich, sondern für sehr viele eine unglaubliche Faszinationskraft“, sagt Heinz Holliger zur Zusammenarbeit an den Ittinger Pfingstkonzerten 2011. | © Priska Kletterer

Heinz Holliger, künstlerischer Co-Leiter der Ittinger Pfingstkonzerte, spricht über die Verknüpfung von Musik und Literatur und die Faszinationskraft von Bruno Ganz.

Interview: Brigitta Hochuli; die Antworten wurden ab Tonband transkribiert.

Herr Holliger, vor Jahren haben Sie in der Klosterkirche Münsterlingen zusammen mit Bruno Ganz den Scardanelli-Zyklus aufgeführt. Jetzt treffen Sie sich in der Kartause Ittingen literarisch nach Hölderlin mit Goethe, Ovid und Robert Schumanns Tagebucheintragungen über Paganini. Wo sehen Sie - über den Thurgau hinaus - Verbindungen in diesen Texten?


Heinz Holliger: Wie auch in der Konzeption der thematisch gebundenen Programme der Ittinger Pfingstfestspiele probieren wir natürlich auch wenn wir Literatur einbeziehen, dass diese Literatur ganz eng verknüpft ist mit dem Inhalt der Musikstücke. Dieses Mal habe ich wieder Bruno Ganz gewinnen können zur Lesung von Texten, die aufs engste eben verbunden sind mit den Werken, die wir aufführen. Zuerst die Episoden aus Nikolaus Lenaus Faust, die die literarische Grundlage der Mephistowalzer von Franz Liszt waren, dann die wissenschaftlichen Arbeiten Goethes „Von der Metamorphose der Pflanze“, Farbenlehre, die für Anton Webern quasi die Bibel oder fast die Kompositionslehre für seine späten Werke wie auch die Klaviervariationen waren. Die Idee, dass alles, was auf der Welt wächst und lebt aus einer Urpflanze, aus einem Urkern entstanden ist, diese Goethesche Idee, hat auch Webern beim Komponieren geleitet.

Das Generalthema der diesjährigen Pfingstkonzerte heisst „Verwandlungen“. Welchen Verwandlungen unterziehen sie das Thema seinerseits?


Heinz Holliger: Die Metamorphosen, Verwandlungen, schauen wir von ganz verschiedenen Seiten an. Zuerst von der ganz mythologischen Seite. Da spiele ich die Metamorphosen nach Ovid von Benjamin Britten und Bruno Ganz liest daraus mehrere Metamorphosen in Ovidschem Original. Es ist also fast wie eine Ergänzung von dem, was gespielt wird. Von den Schumann-Texten probieren wir die Verbindung zu Paganini zu finden, denn nach einem Konzert mit Paganini, das Schumann in Frankfurt gehört hatte, hat er sich endgültig entschieden, Musiker zu werden und nicht Jurist oder Dichter, wie er das voher vorgesehen hatte. Ich möchte zeigen, was eigentlich die Figur von Paganini in der ganzen Musikgeschichte bewirkt hat, und deswegen kommen einige durch Paganini inspirierte Texte von Schumann, der ja einer der bedeutendsten Schriftsteller unter den Komponisten war, auch zu Gehör.

Welche Komponente von Verwandlungsprozessen ist Ihnen in der Musik besonders wichtig?


Heinz Holliger: Musik handelt immmer von Verwandlung, man hat immer eine Zelle, die langsam wächst. Aus einem Motiv entstehen riesige Gedankengebäude von Entwicklungen aus diesem Kern. Oder ein fester Bestandteil wie ein objet trouvé vielleicht in der Malerei kann auch dienen zur Verwandlung, die ständig neu beleuchtet, ständig neu gezeigt wird. Oder dann kann sich nur allgemein wie auf der Bühne oder auf einem Bild langsam ein Objekt in ein anderes vewandeln oder aus einem chaotischen oder einem ungeordneten Zustand kann sich plötzlich ein ganz strukturierter Kern herausschälen, der dann am Schluss als Thema übrig bleibt.

Nennen Sie uns bitte ein Beispiel?


Heinz Holliger: Zum Beispiel schält sich in den Metamorphosen von Richard Strauss in 30 Minuten langsam das Thema des Marchia funebre eroica heraus und am Schluss erklingt der Kern von Beethoven dann im Original als Zeichen von der Trauer über die Zerstörung von ganz Europa 1945. Musik ist so eng verwandt mit Literatur und mit bildender Kunst und wir, András Schiff und ich, finden es sehr schade, dass meistens in Bilderausstellungen, in Dichterlesungen oder in Konzerten immer nur diese Schublade, von der jetzt gerade das Programm handelt, geöffnet wird und nie die Verbindung von allen Künsten miteinander gezeigt wird. Ich hoffe, dass uns das hier mit Hilfe des grandiosen Sprechers Bruno Ganz besser gelingen wird.

Bruno Ganz scheint in Ihren Konzerten im Gegensatz zum diesjährigen Thema „Verwandlungen“ eine Konstante zu sein. Ist das so und warum?


Heinz Holliger: Bruno Ganz hat nicht nur für mich, sondern für sehr viele eine unglaubliche Fasziniationskraft. Seine Art zu rezitieren hat nichts von dem früheren sentimentalen Sprechen. Sie hat aber auch nichts von diesem neorealistischen antipathetischen Sprechen, sondern ist eine ganz eigene Form, mit dem Wort umzugehen. Bruno Ganz kann den vollen Sinngehalt, aber auch die volle Gefühlswelt eines Wortes beibehalten und gleichwohl auf eine sehr einfache Art sprechen - und das ist eine sehr grosse Kunst. Die Kunst des Sprechens geht ja immer mehr verloren. Zu meiner Zeit gab es Maria Becker, gab es Will Quadflieg, zwei grandiose Sprecher. Diese Kunst ist eigentlich verloren und Bruno Ganz hat sehr viel von dieser grossen Tradition bewahrt.

 

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