von Barbara Camenzind, 18.12.2024
Noëlles Klanggeschenk
Weihnachten mit zeitgenössischer Musik: O du fröhliche Disharmonie? Von wegen. Das “Concert de Noëlle No.2 im Kunstraum Kreuzlingen war wunderlich wundersam. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
„Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch endlich wieder ruhiger“, so lautet ein Zitat von des Komikers Karl Valentin. Neugierig, weil Noëlle-Anne Darbellay mutig ihren eigenen Vornamen als Programm für einen Dreiteiler mit Zeitgenössischer Musik zu Weihnachten ins Feld führte (Thurgaukultur berichtete in der Vorschau). Musik, die mit Martin Spühlers (gestorben 2023) wunderbaren Klangobjekten „Kosmos“ und Martin Andereggens filigranen Membranen in „Self Storage“ verbunden wird.
Darum waren wir am letzten Samstag im Kunstraum Kreuzlingen ganz Aug und Ohr. Natürlich verliebten wir uns sofort in Spühlers Streichelkanone, allein schon wegen des Namens. Aber auch der Klangflügel mit seinen organisch getriebenen Auswuchtungen und die Drehteller waren in ihrer „metalltechnisch zusammengebratenen Urigkeit“ spannend anzusehen und noch spannender zu anzuhören.
Klingende Streichelkanone
Als Ouvertüre bespielte Peter Conradin Zumthor die wie Findlinge im Raum verteilten Klangobjekte Spühlers, brachte Gongs zum Singen, und löste fasziniertes Kichern aus, als er dem Metallkeyboard scheppernd „O Tannenbaum“ entlockte. Wir entgingen ihm auch hier nicht ganz, dem Christbaumgroove. Zumthor wirkte wie ein findiger Zauberlehrling, der selbst auf einem Schnapsfläschlein Melodien klimpern konnte und aus diesem langen Haubitzenrohr der Streichelkanone übersinnliche Klänge erzeugte, in dem er die darauf gespannten Metalldrähte in Schwingung versetzte.
Es war, als ob ein paar geisterhafte Friedensengel aus der Kanone sängen, was ja nach wie vor bitter nötig ist. Das Publikum war in die gesamte Raumkomposition hineinplatziert worden und erlebte so die Ouvertüre und die ganze Performance sozusagen dreidimensional. Und wurden mit den Instrumenten und der Kunst in Resonanz versetzt.
Grosse Liebeserklärung an die Geige
Sie ist eine Tochter des Waldes, ihr Körper wird aus Holz geboren, alles an ihr, zusammen mit den Darmsaiten ist organischer Natur. Die Violine, oder Geige. Der Geiger Matthias Klenota, im Thurgau bekannt durch seine Auftritte in der Alten Kirche Romanshorn (Musica Transalpina) hat sich ganz dem Instrument verschrieben, dass erst im späten 16. Jahrhundert seine körperhafte Form bekommen hat. Und erst nach 1900 mit einer Stahlsaite versehen wurde.
Zusammen mit Noëlle-Anne Darbellay bespielte Klenota sechs verschiedene Instrumente mit unterschiedlichen Stimmungen und zauberte einen Klanggeschichten-Bogen, beginnend mit der knarzigen Geburt der Töne im Wald. Dann den Vögeln und den Motiven aus alten böhmischen Madrigalbüchern mit ihren Kadenzen („Cadere“ kommt von „Fallen, Fällen), zuaberhaften Echomotiven und feinen Terzen.
Klenota musste sehr hartnäckig sein, um in den tschechischen Archiven an diese Noten zu kommen. Es hat sich gelohnt. Die Geige war immer auch das Instrument der kleinen Leute, der Geschichtenerzähler, der Wanderhirten. Die Geburt der Töne im Wald, die grosse Musik, die in dem Instrument auch ganz klein funktioniert und wieder im Geräuschhaften verschwindet: Vielleicht haben Klenota und Darbellay einfach eine Art Geigen-Weihnachtsgeschichte erzählt, in Kreuzlingen.
Und das klang wunderbar, war eine Performance nahe am Menschen. Und passte gut zur labyrinthischen Arbeit Andereggens mit dem roten Plastikvorhang. Quasi als organische Paraphrase.
Murrays Stille
Leise, ganz leise hätten sich die sowohl elektronisch verschachtelten, wie auch von Noëlle-Anne Darbellay gespielten Klangkaskaden entwickeln sollen. Das war erst etwas schwierig, weil nebenbei im Kult-X tanzmässig grad voll die Post abging. „Emerence heard“ , diese kluge, eher für ein „klassisch avantgardistisches“ Konzert-Setting komponierte Werk des Kanadiers
Max Murray setzt auf feinste Anspielungen. Zu Ligeti, der Musik Ungarns und Guillaume de Machaut.
Es ist Musik, die einem etwa so begegnet, wie wenn man aus dem Augenwinkel etwas wahrnimmt. Die grosse Ruhe, die Filmausschnitte, die Klangfragmente und die leise Frau an der Geige, sie hatten einen grossen gemeinsamen Nenner: Es war die Stille, die mitspielte. Die alles verband. Zuhörende, Musizierende, das Aussen, das Innen und den Geist von Geburt, Leben, Tod und dem Zauber des Augenblicks.
Frohe Weihnachten und danke für diesen Moment!
Das letzte der drei Concerts de Noëlle findet am Samstag 21. Dezember, dem kürzesten Tag im Jahr statt. Mit einer Hommage an Franz Schubert. Danach werden die Tage bestimmt wieder länger. Die weiteren Informationen dazu findest du hier.
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