Seite vorlesen

von Inka Grabowsky, 01.06.2016

Nicht selbstverständlich

Nicht selbstverständlich
Erhalten die Förderbeiträge 2016 des Kantons Thurgau, v.l.n.r.: Daniel V. Keller, Andrea Wiesli, Andreas Häberlin, Isabelle Kaiser, Rachel Lumsden und Ray Hegelbach | © Inka Grabowsky

54 Künstler und Künstlerinnen mit Thurgauer Wurzeln oder Thurgauer Arbeitsort hatten sich beworben. Sechs von ihnen bekamen nun den mit je 25’000 Franken dotierten Förderbeitrag des Kantons. Überreicht wurde er im Shed im Eisenwerk Frauenfeld.

Inka Grabowsky

„Ich werde bestimmt nicht vergessen, wer mich gefördert hat und werde mich der Verantwortung stellen“, „Es ist alles andere als selbstverständlich, dass solche Förderbeiträge vergeben werden“, „Es ist schön, dass man nicht vergessen wird, auch wenn man weggezogen ist“: Die sechs prämierten Künstler zeigten sich bei der Übergabe der Thurgauer Förderbeiträge tief beeindruckt und dankbar.

 

Regierungsrätin Monika Knill lobte sie im Frauenfelder Eisenwerk für ihre Arbeit auch in kollektiven Prozessen. So wie hier aktuell drei Stipendiaten* des Thurgauer Nachwuchsateliers gemeinsam einen Schnuppen aufbauten, der den Wandel von der Industriehalle zur künstlerischen Produktionsstätte thematisiere, so sollten heute alle Kunstschaffenden zusammenarbeiten. Der Aufbau von Netzwerken spielten eine grosse Rolle, sagte die Chefin des Departements für Erziehung und Kultur.

Ausgewählt hatte die Preisträger eine Jury aus 15 Kulturschaffenden und Kulturfunktionären aus der ganzen Schweiz. Sie bestand aus Ursula Badrutt (Leiterin der Kulturförderung des Amts für Kultur des Kantons St. Gallen), Anja Bühnemann (Notenbibliothekarin des Opernhauses Zürich), Dominik Deuber (Managing Director Lucerne Festival Academy), der Tänzerin und Choreografin Gisa Frank, dem Musiker Pat Kasper, Markus Landert (dem Direktor des Kunst- und Ittinger Museums Thurgau), dem Musiker und Kulturjournalisten Martin Preisser, der Kuratorin Rebekka Ray, dem Filmemacher Roger Schweizer, dem Journalisten Peter Surber, den Schauspielerinnen Anja Tobler und Nora Vonder Mühll, der Verlegerin Elisabeth Tschiemer und der Künstlerin Judit Villiger unter dem Vorsitz von Monika Schmon, die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kulturamts ist. Dieses Jahr entschied sich die Jury für die bildenden Kunstschaffenden Ray Hegelbach, Daniel Vom Keller und Rachel Lumsden, die Bühnenbildnerin Isabelle Kaiser und die Musiker Andreas Häberlin und Andrea Wiesli.

Ausserhalb der ausgetretenen Pfade

Andrea Wiesli aus Wilen ist nicht nur Ausnahme-Pianistin, sondern auch Musikwissenschaftlerin und Anglistin. Entsprechend dieser Interessensgebiete will die 38-Jährige mit dem Preisgeld unter anderem musikalische Lesungen konzipieren. Die nächste folgt am 3. Juni im Eisenwerk in Frauenfeld. In seiner Laudatio sagte Martin Preisser: „Wenn sie Musik präsentiert, tut sie das ausserhalb der ausgetretenen Pfade.“ Sie suche neue Präsentationsformen, die die jeweilige Vernetzung der Musik aufhellten. Gleichzeitig setzte sie sich für unbekannte Schweizer Komponisten ein. Sie habe sich vorgenommen, die vernachlässigten Werke von Romantikern aber auch Zeitgenossen öffentlich aufzuführen, um verborgene Perlen vor dem Vergessen zu retten. „Wofür könnte ein Förderbeitrag besser angelegt sein?“

Glücksfall für die Musik-Juroren

Andreas Häberlin aus Berlingen ist Pianist und Komponist. Er will sich nach seinen Studien in Zürich, Liverpool und Valencia nun ganz auf eine Karriere als Filmmusikkomponist konzentrieren. Anja Bühnemann, die seine Laudatio hielt, sprach von einem Glücksfall für die Juroren der Fachgruppe Musik. Alle waren sich einig, dass der 28-Jährige an diesem Wendepunkt in seinem Leben die Unterstützung durch den Thurgauer Förderbeitrag besonders gut gebrauchen kann. Er hat bereits angekündigt, mit dem Geld sein portables Home-Studio erweitern zu wollen.

Über die zudienende Aufgabe hinaus

Isabelle Kaiser aus Rickenbach bei Wil ist Szenografin. Nach ihrem Masterabschluss arbeitet sie als Bühnenbildassistenten am Opernhaus Zürich. Daneben realisiert sie eigene Projekte. Und genau dafür hat die 31-Jährige auch um den Förderbeitrag gebeten. Sie will nicht nur lernen, wie andere in ihrem Metier arbeiten, sondern auch eigene Ideen umsetzen, die weit über die „zudienende Aufgabe“ am Theater hinausgehen, wie Peter Surber in seiner Lobrede sagte. Sie möchte sich von der Szenografin zur freien Theatermacherin weiterentwickeln. Projekt-Ideen hat sie bereits im Kopf: Unter anderem will sie mit einem „Jugo-Taxi“ die Alltagskultur der Immigranten aus Ex-Jugoslawien sichtbar machen.

Subversive Schlachtfelder der Farbe

Die Malerin Rachel Lumsden ist gebürtige Britin, seit 2007 Dozentin für Design und Kunst an der Hochschule Luzern und hat ein eigenes Atelier in Arbon. Markus Landert lobt in seiner Würdigung die Werke der 48-Jährigen als „subversiv“. Sie schienen konventionell zu sein, entpuppten sich dann aber als wahre Schlachtfelder der Farbe ((http://www.rachel-lumsden.info)). Davon will die Jury in den kommenden Jahren mehr sehen. Der Förderpreis soll dazu beitragen.

Demontage der Dinge

Daniel Vom Keller aus Bottighofen hat sich als Plastiker einen Namen gemacht. Erst im vergangenen Jahr bekam er den Adolf-Dietrich-Förderpreis für seine Installationen und Skulpturen. 2014 bekam er den Kiefer-Hablitzel Preis. Derzeit ist er Stipendiat in den Ateliers der Stiftung Binz 39. Mit dem Förderbeitrag den Kantons Thurgau will sich der 29-Jährige nun weiter mit Materialen und Techniken auseinandersetzen. Ihn fasziniert die Beziehung von Oberflächen und ihren Trägermaterialien. Dabei habe er die Möblierung des öffentlichen Raums untersucht und in den Kunstkontext gebracht, so Rebekka Ray in der Laudatio. Der Künstler betreibe eine Demontage der Dinge und lege ihre Strukturen offen.

Was Malerei kann und was nicht

Ray Hegelbach ist in Busswil geboren und aufgewachsen. Der 33-Jährige hat bereits 2010 einen Förderbeitrag zugesprochen bekommen. Damals habe er sich auf Historienmalerei konzentriert, so Jurorin Ursula Badrutt. Der Maler wollte herausfinden, wie etwas mit Bildern erzählt werden kann. Nach wie vor sei Hegelbach daran interessiert herauszufinden, was Malerei könne und was sie nicht könne. Um ihm die Zeit für diese Forschung und für die Selbstreflexion zu geben, bekommt er den Förderbeitrag. Sein selbsterklärtes Ziel ist es, „alternative Konzepte von Werk, Performance und Präsentation zu denken, zu entwickeln und vorzustellen.“

Eine der geförderteten Künstlerinnen des vergangenen Jahres sorgte für den muskalischen Rahmen: Rahel Kraft (re), gemeinsam mit Urban Lienert. Bild: Inka Gabrowsky

 

Passend zum Netzwerkgedanken, den Regierungsrätin Knill in ihrem Grusswort formuliert hatte, wurde die Übergabe der Förderbeiträge von einem Kollektiv musikalisch begleitet. Eine der Preisträgerinnen des vergangenen Jahres, Rahel Kraft, arbeitet gemeinsam mit dem Luzerner Jazz-Dozenten Urban Lienert. Die beiden kombinieren Gesang, Kontrabass und E-Bass mit elektronischen Hilfsmitteln. Einzigartig - und noch sehr neu - ist der Einsatz von Myo-Armbändern, mit deren Hilfe sich Gesten in Töne übersetzen lassen. „Ich habe die Technik erst im Dezember zu meinem Studienabschluss zum Thema Klangkunst in London entwickelt“, sagt Rahel Kraft. Das Ergebnis war eindrücklich und wurde von den Besuchern in der voll besetzten Shed-Halle entsprechend bejubelt.

*Die drei Stipendiaten im Shed heissen Jan Sebesta, Judith Weidmann und Theres Raschle. Sie haben ihren Schuppen im Shed „Kulna“ genannt (tschechisch für Schuppen). Die entsprechende Ausstellung „Tanz mit Bruce“ öffnet am 10. Juni. (Siehe Veranstaltung weiter unten!)

***

Interviews mit allen Künstlerinnen und Künstlern sowie deren Kurzbiografien samt diversen Internet-Verlinkungen finden Sie im Überblick hier.

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst
  • Kulturpolitik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Bericht

Ist Teil dieser Dossiers

Werbung

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026

Ähnliche Beiträge

Kulturpolitik

Jetzt sind die Sparpläne auf dem Tisch

Kein Geld mehr fürs Theater St.Gallen, Eintrittspreise in allen kantonalen Museen und Eltern sollen mehr für Musikschulen zahlen: Das bedeuten die Sparvorschläge der externen Expert:innen für die Kultur im Thurgau. mehr

Kunst

Eine Wand für künstlerische Einwände

Hochkonzentriert und präzise: Das neue Ausstellungsformat «Ein-Wand-Ausstellung» bietet Künstler:innen im Weinfelder «Goldener Dachs» die Chance, Position auf kleinem Raum zu beziehen. mehr

Kunst

Thurgauer Zeichen in Berlin

Sechs Tipis als schwimmende Inseln: Unter der Leitung des auch im Thurgau bekannten Künstlers Hannes Brunner entstand bei Berlin ein kooperatives Projekt, das sich mit ökologischen Fragen auseinandersetzt. mehr