von Inka Grabowsky, 18.03.2026
Auf der Suche nach einem neuen Weg

Viele Vereine scheuen unangenehme Zukunftsfragen. Wie es besser geht, zeigt das Weinfelder «theagovia theater». Um seine Strukturen und Ziele zu überprüfen hat es sich professionelle Hilfe ins Haus geholt. Organisations-Entwicklungs-Beiträge des Kulturamts machen es möglich. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden hat sich eine Gruppe von Theater-Freunden versammelt: Der Vorstand des Vereins «theagovia theater» ist geschlossen angetreten, aber auch eine Regisseurin, eine Kulturjournalistin, ein Mitglied der Kulturkommission und – besonders wichtig – Stammgäste im Publikum.
Gemeinsam wollen sie überlegen, wie sich die Theagovia weiterentwickeln kann. «Den Verein gibt es seit rund vierzig Jahren», sagt die Präsidentin Isabel Schenk. «Aber der Vorstand hat sich gerade stark verjüngt. Die Kontinuität ging etwas verloren. Immer wieder stellten wir uns in den Vorstandssitzungen grundlegende Fragen, ohne dass es eine Gesamtstrategie gab. Das wollen wir ändern.»
Es sei an der Zeit sich zu besinnen, was man künstlerisch wolle. Und man müsse prüfen, ob die Struktur noch angemessen sei.
Brainstorming zu Beginn
Dabei helfen soll die Organisationsentwicklerin Franziska Gabriel. Zunächst holt sie den Ist-Zustand ab: «Was verbindet ihr mit der Theagovia – in einem Satz.» Die Assoziationen reichen von «Freu(n)de» über «anspruchsvolle Stücke auf semiprofessionellem Niveau» bis zu «hat mein Leben verändert, weil ich mitspielen durfte».
Dann geht es zum Soll-Zustand: Franziska Gabriel ermutigt: «Sagt, was ihr euch erträumt, ohne Rücksicht auf die Machbarkeit. Es dürfen auch verrückte Ideen dabei sein.» Dementsprechend lustvoll produzieren die Teilnehmenden des Workshops Vorschläge, die die Theatergruppe noch bekannter, noch attraktiver und noch effizienter machen könnten: Strassentheater, Theatersport, eine zweite Produktion im Jahr, Zusammenarbeit mit Schulen, mehr Vorteile für die derzeit 130 Vereinsmitglieder, Vorstellungen an anderen Orten, ein neuer kommunikativer Auftritt…
Franziska Gabriel hat einiges zu tun, als sie die bunten Post-its nach einiger Zeit bestimmten Leitfragen zuordnet. Welche Themen und Formate bestimmen das künstlerische Programm? Welche Bedürfnisse hat das Zielpublikum? Wie könnte man die Sichtbarkeit der Theagovia nach aussen verbessern? Wie kann man Mitglieder gewinnen? Was müsste sich in der Vereinsführung ändern?
Kritik als zweiter Schritt
In der nächsten Phase werden einzelne Anregungen bewertet: Die Gruppe teilt sich schnell: Einige scheinen eher konstruktiv begabt und überlegen im «Raum des Handelns» wie man ausgewählte Ideen konkret umsetzen könnte. Andere sind destruktiv und suchen im «Raum der Kritik» das Haar in der Suppe. «Lasst euch durch die Zusammenarbeit mit Schulen bloss nicht bei der Stückwahl einschränken, sonst macht das Spielen den Mitgliedern keinen Spass mehr.» «Freilichttheater? Bei dem Wetter? Echt jetzt?»
In der gemeinsamen Diskussion schält sich die grundsätzliche Frage heraus: Für wen oder was ist der Verein da? Soll er mit künstlerischer Ambition Theaterstoffe herausbringen? Oder soll er möglichst vielen Menschen ermöglichen Theater zu spielen?
Pain Points identifiziert
Moderatorin Franziska Gabriel ist zufrieden: «Wir haben jetzt die Knackpunkte, an denen es schmerzt – oder positiv ausgedrückt: die Hebel, mit denen wir ansetzen können, um etwas zu verändern.» Isabel Schenk betont: «Es ist wahnsinnig viel rausgekommen. Aber wir stehen noch ganz am Anfang. Zunächst wollten wir Stimmen sammeln von Menschen, die der Theagovia mehr oder weniger verbunden sind. Jetzt werden wir die Ergebnisse im Vorstand ansehen.»
Bis September sollen die nächsten Schritte stehen. Franziska Gabriel wird den Prozess während der kommenden Monate professionell begleiten.
Förderung durch den Kanton
Möglich ist das, weil das Kulturamt Organisations-Entwicklungs-Beiträge spricht. Seit 2024 gibt es das Förderinstrument. 2025 gab es nach Angaben des Amts vier Beiträge, in 2026 schon bereits drei. «Ein Organisations-Entwicklungs-Beitrag soll es Vereinen und Institutionen ermöglichen, sich mit fachlicher Begleitung mit organisatorischen, strukturellen und strategischen Fragen auseinanderzusetzen», sagt Kulturamtsleiter Philipp Kuhn.
Die finanzielle Unterstützung ermögliche, Themen wie beispielsweise strategische und operative Führung, Nachfolgeregelungen, Professionalisierung, Neuausrichtung und Weiterentwicklung mit einer externen Fachperson anzugehen. «Das Gefäss ermöglicht es dem Kulturamt auch, gezielt aktiv auf in Frage kommende Institutionen zuzugehen», so Kuhn.
Einmalige Beiträge bis zu 10.000 Franken für Expertenhonorare sind möglich. Es kommt auf die Offerte der Expertin, des Experten an. Allerdings bekommen das Geld nur Institutionen oder Vereine, die schon ein paar Jahre im Thurgau für die Kultur aktiv sind. Als ersten Schritt muss man den Kontakt zum Kulturamt suchen, dann eine Offerte einholen und schliesslich das schriftliche Gesuch mit Angabe der Problemstellung und des Zeitplans stellen.

Von Inka Grabowsky
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