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von Inka Grabowsky, 07.09.2015

Nachgehakt

Nachgehakt
Die Fischknochen in der Vitrine im Ausstellungsraum unter dem Dach bieten eigentlich einen unspektakulären Anblick. Für Wissenschaftler jedoch sind sie unendlich wertvoll. | © Inka Grabowsky

Eine Sonderausstellung zur vorgeschichtlichen Fischerei zwischen Alb und Alpen im Museum für Archäologie in Frauenfeld zeigt: In den vergangenen 6000 Jahren hat sich gar nicht so viel verändert.

Inka Grabowsky

Die Fischknochen in der Vitrine im Ausstellungsraum unter dem Dach bieten eigentlich einen unspektakulären Anblick. Für Wissenschaftler jedoch sind sie unendlich wertvoll. Sie stammen aus der Jungsteinzeit und wurden im Seeboden unter Pfahlbausiedlungen gefunden.

Fossile Fäkalien und angebrannte Töpfe erzählen eine Geschichte. (Bilder: Inka Grabowsky)

 

So beweisen sie, dass Felchen, Egli, Forelle, Wels, Hecht, Rotauge, Rotfeder, Barbe, Döbel, Nase, Trüsche, Äsche, Seeforelle und Saibling auch vor Jahrtausenden auf der Speisekarte der Menschen standen. Gefangen wurden die Tiere mit Netzen, Reusen oder Angelhaken – genau wie heute. Sogar die Knoten, mit denen die Netze in der Vorzeit geknüpft wurden, sind die gleichen wie heute, nur dass sie heute aus Kunstfaser von Maschinen geschlagen werden.

Einzigartige Fundstücke

Zu den besonders aufschlussreichen Fundstücken in der Ausstellung gehören Keramikgefässe, in denen 5400 Jahre alte angebrannte Speisereste verblieben sind. Ihre Analyse führte zu einem Suppenrezept, das Besuchern zur Verfügung gestellt wird.

Fischrezept aus alten Zeiten - auch heute sicher bekömmlich.

 

Weniger appetitlich ist ein andere Fund aus Arbon: auch in uralten Fäkalien lässt sich nachweisen, was die Menschen früher gegessen haben. Einzigartig ist die zerbrochenen Harpune, die 18.000 Jahre alt ist, und Netzschwimmer, die in römischer Zeit aus Pappelrinde geschnitzt wurden. Nirgendwo sonst sind so alte Stücke erhalten geblieben. Auch Fragmente einer Reuse und eines Netzes aus der Jungsteinzeit schlagen eine Brücke zu Menschen, die vor 6000 Jahren ähnliche Sorgen gehabt haben dürften wie Fischer heute.

 

Von aktueller Bedeutung

Die Untersuchung der sterblichen Überreste von verspeisten Fischen in Arbon hat ergeben, dass schon in der Jungsteinzeit kaum Jungfische gefangen wurden. Die Fischer konzentrierten sich auch 4 – 8-jährige Exemplare von 30 – 40 cm Grösse. Nachhaltige Fischerei ist also keine Erfindung der Neuzeit, auch wenn Mindest-Fanggrössen und Schonzeiten erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts schriftlich fixiert sind.

Moderne und alte Netze im Vergleich.


Die Ausstellung „nachgehakt“ ist gemeinsam mit dem Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg und dem Federseemuseum Bad Buchau konzipiert worden. Insofern konzentriert sie sich nicht nur auf den Bodensee, sondern zeigt Funde aus diversen Seen im Alpenvorland. Trotzdem hilft sie zu verstehen, dass der Fischfang für die Menschen in der Region immer eine Lebensgrundlage war – eine gute Basis für die aktuelle Diskussion über den geringen Nährstoffgehalt des Seewassers heute (siehe Interview).

 

"Nachgehakt“ im Museum für Archäologie in Frauenfeld ist noch bis zum 6. Februar 2016 zu sehen, jeweils dienstags bis samstags von 14–17 Uhr
und sonntags von 12–17 Uhr. Die nächste öffentliche Führung ist am 19. September um 10.30 Uhr.

 

Der abgemagerte Bodensee

Noch Ende des 19. Jahrhunderts gab es am See 460 Fischer. Aktuell soll die Zahl von 113 Patenten auf 80 reduziert werden. Die 28 Thurgauer Lizenzen sollen bis 2020 auf 18 Fischer verteilt werden. Ein Grund für die Krise ist das Ende der Eutrophierung des Bodensees. Kläranlage filtern seit den neunziger Jahren Nährstoffe aus dem Abwasser.

 

Die Fische wachsen deshalb langsamer. 2015 könnte sich für die Bodenseefischer als katastrophales Jahr herausstellen, sagt Reto Leuch, der Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbandes am Bodensee. Schon im vergangenen Jahr waren rund um den See nur 411 Tonnen Fisch angelandet worden, das schlechteste Fangjahr seit 1954. Die Tendenz dürfte sich fortsetzen.

 

Wünscht sich der heutige Fischer deshalb mitunter zurück in die Vergangenheit?

 

In die Steinzeit zurück möchte ich auch nicht, aber wenn der Bodensee Nährstoffe hätte wie noch vor zehn Jahren, wäre ich schon zufrieden. Die beste Zeit zum Fischen hatte wohl mein Vater. Damals gab es schon die modernen Materialien, die das Arbeitsleben erleichtern - von der Kleidung bis zum Motorboot - und gleichzeitig noch reiche Fanggründe. Heute ist es ja unvorstellbar, dass man als Fischer ein Absatzproblem hat, weil man so viel gefangen hat. Dabei ist der Bodensee heute eigentlich nicht überfischt. Die Fische, die ins Netz gehen, sind einfach auch in ausgewachsenem Zustand eher klein, weil ihnen die Nährstoffe fehlen.

 

Was müsste man Ihrer Ansicht nach tun, um die Lage zu verbessern?

 

Mein Vater und seine Kollegen haben dafür gekämpft, dass die Abwässer geklärt werden und der See sauberer wird. Wir Fischer heute wissen jetzt, dass zumindest mit dem Herausfiltern aller Phosphate zuviel des Guten gemacht wird. Stattdessen sollte man sich endlich darauf konzentrieren, Medikamentenrückstände aus dem Abwasser herauszufiltern – das würde die Wasserqualität für alle Beteiligten verbessern. Wahrscheinlich haben die Wissenschaftler Recht, wenn sie sagen, dass der Bodensee von Natur aus nährstoffarm ist und wir uns derzeit eben nur dem Urzustand annähern. Aber dummerweise ist das Umfeld des Bodensees nicht mehr im Urzustand. Am Ufer leben sehr viel mehr Menschen, die ernährt werden wollen. Derzeit stammen nur 2 % des in der Schweiz verzehrten Fisches aus einheimischen Gewässern. Der Rest ist importiert – und keinesfalls immer aus nachhaltiger Fischerei. Das ist der eigentliche ökologische Skandal.

 

Link zur Petition: http://www.rettet-den-bodensee.net

 

 

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