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von Barbara Camenzind, 18.12.2023

Mit den Händen singen

Mit den Händen singen
„Auch wenn ich nicht höre: Mein Leben ist gut so, wie es ist.“ Brigitte Schökle Staerkles starke schauspielerische Leistung als Emma. | © Reto Bollinger

Bei  „Zeppelin - ein Musical“ erweitert Komponist und Autor David Lang den Begriff Musiktheater um eine berührend gestische Komponente, das Symphonische Blasorchester Kreuzlingen unter der Leitung von Stefan Roth spielt sich mit Witz und Verve in die Herzen der Zuhörenden. Die Regie und der hochmotivierte Einsatz aller Beteiligten helfen auch über einige dramaturgische Schwächen hinweg. (Lesedauer:ca. 3 Minuten)

Wer kennt sie nicht, diese Ostschweizer Kleinstädte, die so genannte „Daswareinmal-Citys“ sind, die sich mehr oder weniger hilflos und trotzig gegen die Tristesse stellen, indem sie sich im Glanz vergangener Zeiten sonnen. David Langs namenlose Zeppelinstadt könnte Romanshorn sein, oder Rorschach, oder eben Kreuzlingen. Kein Wunder, gibt es auch da einen Stadtpräsidenten, der sich selbstverständlich als der Siebesiech aufführt.

Mit der Figur des präpotenten Walo Rütsche, souverän und stimmgewaltig dargestellt von Christoph Wettstein, landete die Produktion eine satirische Punktlandung auf alle abgetretenen und aktuellen Kleinstadtkönige. Walo Rütsches Gegenspieler, sein Faltvelo - fahrender sicherheitsbesessener Bruder und ewiger Vize Ruedi, der vor lauter Machtkampf und Profilierung seine eigene Tochter Emma vergisst, bildet einen kauzigen, verhuschten Gegenpart zum Patriarchen. Der Bündner Chasper-Curò Mani verleiht der Figur grossartigen Looser-Charme mit einer sehr wandelbaren Stimme vom Belting bis Countertenor.

Eine Statue, die es in sich hat

Im Zentrum der Bühne und der turbulenten Geschichte steht die Statue von Graf Zeppelin, der angeblich hier mal gelandet sein soll und mit dem Wettbewerb um die sympathischste Stadt der Schweiz beim grossen Zeppelinfest ein Update bekommen sollte. Was jetzt der Luftschiff-Pionier, dessen „fliegende Zigarren“ im ersten Weltkrieg eine grausige Rolle zugewiesen bekamen, gross mit so einem Ranking zu tun haben soll, lässt Autor David Lang im Spiel offen.

Jedoch allen Opernfans wird eine amüsante Parallele auffallen: Die höchst lebendige Statue, die als „Deus ex Machina“ in das Geschehen eingreift, erinnert irgendwie an eine schrullige Antiversion des Komturs aus Mozarts Don Giovanni. Doch keine Höllenfahrt mit dem Luftschiff-Kapitän. Zeppelin will, dass die Leute an sich glauben und nicht aufgeben.

Und er steht auch ein dafür, dass Pioniere halt oft etwas einsam sind. Der Tenor Philipp Nicklaus, der mit seinem wunderbaren Timbre auch gut einen Don Ottavio singen könnte, verleiht dem Grafen galante Züge mit viel Charme. Dass er gleichzeitig den Stadtschreiber Gnehm verkörpert, der sich im Laufe der Geschichte als fieser Intrigant entpuppt, ist eine echte Challenge für den flexiblen Sänger.

Die Gebärden im Mittelpunkt

Allein für die Idee, gebärdende Theaterschaffende in ein Musical einzubauen, hätte David Lang einen Orden verdient. Denn: Singen können wirklich alle Menschen. Auch die, die dazu die Hände verwenden. Die gestische Kraft von Brigitte Schökle Staerkle als Person Emma, Stefan Freiberger als ihr literarisch-poetisches Gaukler-Über-Ich, der die Briefe Emmas an ihre Menschen darstellte ist faszinierend und zieht einem mit einem Mal total hinein in die Geschichte um Beziehung, Anerkennung und dem Wunsch, die Welt etwas bunter zu gestalten.

Zur Figur der gehörlosen Emma gehört auch die Mezzosopranistin Nina Amon, die die beredte Musik mit den Händen in Vokalklang umsetzte. So sensibel und fein wie die drei dies gestalteten, war es eine Freude, das zu erleben. Spannend auch, wie Stefan Roth seine gehörlosen „Händesänger“ mit präzisem Schlag und Lippenlesen passgenau in die Musik einfügte.

Emma ist auch ohne Frage die spannendste Figur des Abends: Sie unterwandert das spiessige Zeppelinfest ihres Vaters mit herrlich bunten Einfällen, schlägt dem intriganten Stadtschreiber ein Schnippchen und verbindet die Menschen im Städtchen miteinander. Die anderen Figuren in dem Stück wirken dagegen nur skizziert, während Emma ganz genau gezeichnet war. Auch eine schöne Arbeit von Regisseurin Barbara Tacchini, die das „Team Emma“ sehr präzise in Szene setzte.

 

Graf Zeppelin als Deus ex Machina einer Kleinstadt. Bild: Reto Bollinger

Überzeugende Solisten, frischer Chor, grossartiges Orchester

Valentina Russo als Lily, Emmas Cousine als Praktikantin im Amtshaus, brilliert vor allem im zweiten Akt mit starken sängerischen Koloraturpassagen und amüsiert das Publikum als schnoddrige SRF-Moderatorin, die in die Provinz abbestellt worden ist. Wenn David Lang etwas wirklich gut kann, dann ist es für Chor komponieren. Der Chor Amazonas kann es wunderbar und klangschön umsetzen, ihre Einsätze gehören zu den klanglichen Highlights des Abends, weil der Komponist sehr oft offene Akkorde verwendet, was sich super mit dem Bläserklang verbindet.

Sagt man jetzt bei Blasmusik Musikant oder Musiker? Zum Teufel mit diesen Schubladen, ihr spielt einfach grossartig, Symphonisches Blasorchester Kreuzlingen. Sound, Timing, Davids breite Palette an Stilelementen wunderbar umsetzend, alles stimmte. Schade einfach, hat man euch so wenig gesehen hinter dem Vorhang. Und: Kulturpreisträger Stefan Roth dirigierte den Thurgauer Marsch so schmissig, dass selbst eine Appenzellerin fast aufgestanden wäre. Wer kann, der kann.

Libretto mit Luft nach oben

Das Bühnenarrangement, die vielen motivierten Mitakteur:innen, viele berührende und witzige Einfälle, Highlights  und natürlich die Musik, die sich so typisch David Lang zwischen grosser Musicalkelle und Liedermachermanier bewegt, helfen einem gut darüber hinweg, dass die an sich schöne Idee, ein Volks- Musiktheater, eine gute Provinzdramödie mit hoch inklusivem Anspruch auf die Bühne zu bringen, vielleicht neben Regisseurin und Autor noch einen Dramaturgen benötigt hätte.

Man brauchte in der etwas kleinteiligen, skizzenhaften Anlage der Figuren rund um Emma ziemlich lange, bis man drin war in der Geschichte. Auch danach blieb vieles zu knapp erzählt und die Handlung hüpfte weiter, so dass es schwer fiel, sich zu orientieren. Und pouf, war Zeppelin weg.

Nichtsdesotrotz, „Zeppelin - Ein Musical“ ist unglaublich charmant, goldig, mit richtig, richtig cooler Musik und dem zauberhaften Erlebnis, dass Musik die Menschen wirklich verbindet: Die, die mit ihrer Kehle singen und die, die mit den Händen singen. Hingehen lohnt sich.

 

Hier gibt es Tickets

«Zeppelin - ein Musical» ist noch bis 31. Dezember in Kreuzlingen zu sehen. Tickets gibt es über die Website der Veranstalter:innen.

 

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