von Brigitta Hochuli, 14.11.2012
Mit 16 Millionen in die Challenge League - der Countdown läuft

Im Dezember bestimmt der Grosse Rat über das künftige Kunstmuseum Thurgau. Die Chancen für Sanierung und Neubau stehen gut. - Eine politische wie inhaltliche Erörterung.
Brigitta Hochuli
Dem Direktor des Kunstmuseums Markus Landert liegt das politische Taktieren nicht. Trotzdem gefällt ihm die Fussballmetaphorik des Baudirektors und Regierungsrats Jakob Stark, der sagt, mit der 16 Millionen-Investition für Sanierung und Neubau des Kunstmuseums wolle man in die Challenge League. Bleiben wir bei der Metaphorik, läuft jetzt der Countdown. Am 5. Dezember wird im Grossen Rat über Kantons-Budget und Investitionen befunden. Mit separater Botschaft kommen 4,6 Millionen Franken für die Sanierung der 30 Jahre alten Ausstellungsräume zur Abstimmung. Über die Entnahme von 9 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds als Beitrag zu den Neubaukosten von genau 11,25 Millionen darf debattiert werden, entscheiden kann der Regierungsrat ohne Parlament.
Gleich teuer wie ein Werkhof
Versiert in der politischen Argumentation ist der Kulturkommissionspräsident und Grünen-Kantonsrat Kurt Egger. Für den Maschineningenieur gibt es zwingende Gründe zur Annahme des Projekts. In den bestehenden Räumen herrsche kein kontrolliertes Klima. Hier könne nichts Berühmtes ausgestellt werden. Keine Versicherung würde das Risiko für ein Bild etwa aus dem Kunsthaus Zürich übernehmen, vermutet er. Ausserdem seien die Besucherzahlen gesunken - letztjährig auf 32‘000. 600 Quadratmeter zusätzliche Fläche bedeuteten nahezu eine Verdoppelung und schüfen mehr Platz für zeitgenössische Kunst und die Ausstellung der Lagerbestände.
Kurt Egger kontert auch die da und dort geäusserte Standortkritik. „Würde man anderswo eine Kunsthalle bauen, erhöhten sich die Kosten um das Dreifache.“ Dadurch, dass Sanierung und Neubau in der Kartause Ittingen zusammengenommen würden, komme die Investition eigentlich günstig. „Das kostet gerademal so viel wie der neue Werkhof in Eschlikon“, sagt der Hinterthurgauer. Nicht ausser Acht lassen sollte man zudem die finanzielle Beteiligung der Stiftung Kartause Ittingen als Bauherrin. Sie schiesst ins Projekt 2,25 Millionen Franken ein.
Reaktionen nur positiv
Die meisten Partei-Fraktionen und die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rates würden die Vorlage befürworten. Auch der Kulturkommission des Kantons gefalle das Projekt, berichtet deren Präsident. „Die Reaktionen sind nur positiv.“ Negative Stimmen habe er keine gehört. Die Haupt-Finanzierung aus dem Lotteriefonds mit seinem Bestand von 21 Millionen Franken sei vernünftig, so Egger. Das Bauvorhaben sei im Sinne der Richtlinien und Beträge an Künstler hätten darunter nicht zu leiden. „Die planenden Architekten sind renommiert und spielen in der ersten Liga.“ Wichtig sind Kurt Egger Begleitmassnahmen. Beispielsweise sieht er in der Zusammenarbeit mit dem Seminarteil der Kartause oder in der vom neuen Museums-Beirat unterstützten künftigen Ankaufspolitik viel Potenzial.
Brief des SIA an Regierungsrat Stark
Was den Architekturauftrag an das Zürcher Büro Harder&Spreyermann und Fragen des öffentlichen Beschaffungswesens betrifft, hat sich Egger nicht alleine Gedanken gemacht. Als Vizepräsident des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins SIA Sektion Thurgau hat er im Namen des Vorstands bei Regierungsrat Stark in dieser Sache brieflich nachgefragt. Es gehe um eine einheitliche architektonische Handschrift, lautet die Antwort. Bei dieser Erklärung bleibt für Kurt Egger allerdings die Frage offen, ob es eine moralische oder ethische Pflicht hätte sei können, für den Bau eines öffentlichen Gebäudes einer Institution, die im Kulturgesetz rechtlich verankert sei, einen anonymen Wettbewerb auszuschreiben. Er räumt aber auch ein, dass ein solcher Wettbewerb viele Unwägbarkeiten und zeitliche Verzögerungen mit sich brächte.
Sonderfall
Eine departementsinterne rechtliche Abklärung, ob die Stiftung Kartause Ittingen als Bauherrin dem öffenltichen Beschaffungsrecht unterstehe oder nicht, soll dem Vernehmen nach erfolgt sein. Diese Abklärung bestätigt Departements-Generalsekretär Marco Sacchetti auf Anfrage aber nicht explizit. In einer Stellungnahme fasst er vielmehr zusammen, was Stiftungsrats-Vizepräsident Robert Fürer in einem Interview mit thurgaukultur.ch bereits ausgeführt hat. So schreibt Sacchetti: „Der Stiftungsrat stellte sich bezüglich Wettbewerb für den Architekturauftrag auf den Standpunkt, man habe im Jahr 2001 einen Wettbewerb ausgeschrieben, mit welchem ein renommiertes Architekturbüro ausgewählt wurde, um künftig sämtliche architektonische Belange im Zusammenhang mit der kulturhistorisch wertvollen Gesamtanlage Kartause Ittingen zu betreuen.“ Die Gewinner dieses Evaluationsverfahrens hätten seither unter enger Mitwirkung des Kantonalen Hochbauamtes und des Amtes für Denkmalpflege mehrere Um- und Ausbauten auf dem Areal realisiert. Der Stiftungsrat habe daher beschlossen, auch den Ausbau des Museums mit dem gleichen Architekturbüro zu realisieren. „Der Kanton konnte sich dieser Argumentation anschliessen. Die Kartause Ittingen ist tatsächlich als Sonderfall zu verstehen, bei dem eine einheitliche ,Handschrift‘ bei der künftigen baulichen Entwicklung sinnvoll ist.“
Internationale Kooperationen angestrebt
Neben der politischen Diskussion rund ums neue Kunstmuseum interessiert natürlich auch dessen künftige inhaltliche Ausrichtung. Dass die Besucherzahlen zurückgehen, führt Direktor Markus Landert auf die Konkurrenz zurück, die dem Museum in den letzten Jahren aus der Einzugsregion entstanden ist. In Winterthur, Bregenz, Glarus, Bern, Basel und im süddeutschen Raum seien neue Angebote entstanden.
Landert will aber nicht dem Kunsthaus Bregenz, der Fondation Beyeler, dem Fotomuseum Winterthur oder dem Zentrum Paul Klee nacheifern, sondern eine eigene „Strahlkraft“ entwickeln. Die Räume im Erweiterungsbau gäben dem Kunstmuseum die Möglichkeit zu internationalen Kooperationen. Ein Wunschpartner für eine regelmässige Zusammenarbeit wäre für Landert das Maison Rouge in Paris, eine private Institution, die immer wieder Ausstellungen zeige, in denen die Schnittstelle zwischen der Aussenseiterkunst und aktuellsten zeitgenössischen Postionen thematisiert werde. „Das ist genau das Thema des Kunstmuseums Thurgau!“
Eine Zusammenarbeit sei nicht mit den globalen Playern wie dem Moma oder der Tate beabsichtigt, sondern mit kleineren bis mittelgrossen Institutionen, die beim weltläufigen Publikum einen hervorragenden Ruf genössen. Als weiteres Beispiel dafür nennt der Museumsdirektor „Arken“, das Museum für moderne Kunst bei Kopenhagen. „Hier ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen vergleichbaren Partnern möglich.“
Neu mit gemeinsamen Themen
Konkrete Angaben zu Ausstellungen und Installationen im Erweiterungsbau will Markus Landert nicht machen. Die Pläne seien noch nicht so weit, dass man damit bereits an die Öffentlichkeit gehe. Im Moment verfolge man aber die Idee, in Zukunft mehrere Ausstellungen in den beiden Museen in Ittingen durch Themensetzungen zu verbinden, ähnlich wie dies beim diesjährigen Programm unter dem Leitthema „Handwerk“ der Fall gewesen sei. Ein Thema der Zukunft könnte "Rausch" heissen und sowohl ganz konkret die Weinproduktion des Klosters thematisieren wie auch den Schaffensrausch in der Kunst. „Die Themen sollen nicht intellektuelle Grübeleien sein, sondern höchst sinnliche Erfahrungsfelder aufspannen, in denen Besucherinnen und Besucher ihre eigene Meinung zu wichtigen Fragestellungen der Zeit diskutieren und erproben können.“
Mehr Gewicht für die Sammlung
Der Erweiterungsbau ermögliche zudem, die unterschätzten Sammlungsbestände von Adolf Dietrich, Hans Krüsi, Joseph Kosuth, Muda Mathis, H.R. Fricker oder Simone Kappeler-Kuhn endlich umfassender zeigen zu können, erklärt Landert. Mit der Ausstellungsreihe "Konstellationen" sei ja angedeutet worden, dass das Potenzial der Sammlung wesentlich grösser sei, als dies auf den ersten Blick scheine. In Zukunft werde der Sammlung und damit auch der Kunst aus der Region wesentlich mehr Raum zur Verfügung stehen. Dabei habe ein Gutachten des Ausstellungskurators und Kunstberaters Rudolf Koella bestätigt, „dass Dietrich gleichsam der Kern der Sammlung ist, um den herum sich die folgenden Erweiterungen manchmal harmonisch, manchmal als Bruch gruppieren“.
Antworten weit über den Thurgau hinaus
Ein Schwerpunkt des Kunstmuseums Thurgau war bisher immer auch die Berücksichtigung einheimischen Schaffens und in diesem Zusammenhang die thurgauische Künstlerförderung. Wie soll dies künftig gehandhabt werden? Es sei immer sein Ziel gewesen, herausragende Positionen aus der Region im Kontext eines internationalen Diskurses zu zeigen, sagt Landert. Wenn die Arbeiten der jungen Thurgauer Künstlerin Nadja Wüthrich in der Ausstellung "10'000 Stunden" unmittelbar neben Arbeiten international bekannter Künstlerinnen und Künstler wie Rosmarie Trockel gezeigt würden, verliere die Frage, ob dies "einheimisches Schaffen" sei oder nicht, ihre Bedeutung. Daniel Gallmanns Werke seien ganz selbstverständlich Teil der durch internationale Positionen bestimmten Ausstellung "Gott sehen" gewesen, und das Schaffen von Willi Oertig werde nicht primär gezeigt, weil er im Thurgau wohne, sondern weil er ein herausragender Maler sei. „Oertig gibt zur Frage, wie heute Natur und Landschaft gestaltet und gesehen wird, eine Antwort, die weit über den Thurgau hinaus zu interessieren vermag. Kurz: Die Künstlerinnen und Künstler der Ostschweiz liegen mir ganz wörtlich wie auch im übertragenen Sinn nahe und dies wird so bleiben.“
Region nachhaltig sichtbar machen
Im übrigen betont Markus Landert, dass die Kulturstiftung des Kantons Thurgau im Moment ein Projekt starte, das jedes zweite Jahr eine "Werkschau" von Thurgauer Künstlerinnen und Künstlern in den Kunsträumen im Kanton zeigen solle. Natürlich beteilige sich das Kunstmuseum Thurgau an diesem Projekt. „Wir haben bereits bis anhin Wesentliches geleistet, um Künstlerinnen und Künstler des Kantons und der Region nachhaltig sichtbar zu machen.“ Publikationen über Fricker, Oertig, stöckerselig, Kappeler-Kuhn, Hummel, Rütimann, Schwarzbek, Huemer, Krüsi, Stauffer, Dietrich und Thoma hingen zwar immer auch von den finanziellen Möglichkeiten ab, die dem Museum zur Verfügung stünden. „Das Interesse wird aber eher wachsen denn schwinden.“
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● Mehr Details zu den Bauprojekten und das Interview mit Stiftungs-Vizepräsident Robert Fürer lesen Sie hier.
● Die Budget- und Chlaussitzung des Thurgauer Grossen Rates ist am 5. Dezember ab 9.30 Uhr ganztags im Rathaus in Weinfelden geplant. Sie ist öffentlich.

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