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von Brigitta Hochuli, 01.10.2016

Wenn Thurgauer meer teilen

Wenn Thurgauer meer teilen
Workshop-Gruppe des Projekts meer teilen | © Mirjam Wanner

Brigitta Hochuli

Was ist ein gutes Leben? Diese Frage steht im Zentrum von MEER TEILEN/SHARE MORE, einem Projekt, das der Berliner Kurator Harm Lux zusammen mit mehreren Partnern in Südamerika und Europa entwickelt hat. Am Samstag, 8. Oktober, 19 Uhr, ist im Eisenwerk Frauenfeld Finissage der dazugehörenden Ausstellung. - Ein internationales Kunst- und Kulturprojekt, das den Bogen von Frauenfeld über Zagreb bis nach Bogotá und Lima spannt? Wir wollten mehr von „meer teilen" wissen und haben nachgefragt bei den beteiligten Thurgauer Künstlerinnen und Künstlern Mirjam Wanner, Heidi Schöni, Karl Steffen (steffenschöni) und Reto R. Müller.

Potenzial des Scheiterns

Für die Künstlerin und Fotografin Mirjam Wanner hat das ganze Unterfangen, sich in Gruppen zusammen zu finden und gemeinsam relevante Arbeiten zu entwickeln "ein beeindruckendes Potenzial des Scheiterns in sich getragen", berichtet sie. Das sei aber ein Berührungspunkt zwischen den KünstlerInnen gewesen: „dass sie sich dieser Spannung bewusst aussetzten".

„Die nun gezeigten Werke im shed sind Resultate eines intensiven, schwierigen, lehrreichen und unglaublich tollen Prozesses, den 15 KünstlerInnen zusammen durchliefen", schreibt Mirjam Wanner zur nachfolgend abgebildeten Installation. Sie sei ein Kommentar zur Komplexität des heutigen, postmodernen Lebens und solle im Sinne von ‚Share more: Meer teilen' dazu einladen, über sich und die eigene Rolle im Leben zu reflektieren.


Installation von Mirjam Wanner (Schweiz), Carlos Léon-Xjime- nez (Peru), Tea Hatadi (Kroatien) und Fernando Pertuz (Kolumbien) im Eisenwerk-Shed in Frauenfeld. Bild: Mirjam Wanner

In höchster Bereitschaft

Für die Künstlerlin Heidi Schöni, zusammen mit Karl Steffen steffenschöni, war das Projekt „in jeder Beziehung eine neue Erfahrung". Sie habe selbst schon in unterschiedlichsten Kollaborationsformen gearbeitet, ein Austausch über Kultur- und Ländergrenzen hinweg und vorbereitende Gespräche per Skype seien für sie aber Neuland gewesen. Als grösste Herausforderung habe sie die Kommunikation unter „erschwerten Bedingungen" empfunden: „Alle Gespräche in unserer Gruppe mussten von einem meiner südamerkanischen Kollegen simultan übersetzt werden. Dies verlangsamte den gesamten Prozess, machte ihn äusserst anspruchsvoll, hatte aber auch zur Folge, dass unsere Antennen ständig in höchster Bereitschaft sein mussten und mit der Dauer des Projektes eine ganze Palette von nonverbalen Verständigungsmöglichkeiten aktiviert wurde."

Bild: Heidi Schöni

 

Die Gruppe von Cristian Alarcon (Lima), Gozalo Fernandez (Troujillo), Esneider Gonzales (Bogotà) und Heidi Schöni beschäftigte sich während der Skype-Phase mit der Frage, was sie bereits gemeinsam teilten und was sie in Zukunft gemeinsam teilen würden. „Für uns kristallisierte sich das Thema Wasser als Ressource, die in Zukunft rar werden wird und deren Verteilung bereits heute wirtschafts- und machtpolitische Fragen aufwirft, als gemeinsamer Nenner heraus", so Heidi Schöni. „Es entstanden eine Videoarbeit und eine Rauminstallation. Die Installation ihrerseits diente als Maquette für eine Performance an der Vernissage."

Tiefenbohrung

Was von dieser kollektiven künstlerischen Arbeit bleiben werde, wollte thurgaukultur.ch wissen. Es bleibe ein grosses Reservoir an neuen Erfahrungen und Erlebnissen auf der persönlichen Ebene und auf der Ebene des künstlerischen Austausches, meint Heidi Schöni. Die vielen Gesprächsrunden, Arbeitspräsentationen und vor allem die Workshops, die man gegenseitig besucht habe, hätten eine Tiefenbohrung und eine detaillierte Sicht in Handlungsweisen und Strategien von Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Generationen und mit unterschiedlicher kultureller Prägung ermöglicht.

„Wie sich diese Ansätze, die in gewissem Sinne nach vorne in die Zukunft geworfen wurden, etablieren und hoffentlich mycelartig verbereiten, ist offen."

Wie alte Freunde

Karl Steffen, der unter anderem zusammen mit Heidi Schöni unter dem Label steffenschöni Installationen mit Video, Fotografie und Fundstücken schafft, beschreibt uns während einer Wartezeit im Flughafen Brüssel, wie er „meer teilen" in der Gruppe erlebt hat.

Zusammen mit Eliana Otta aus Lima und Petra Mrsa aus Zagreb hatte er zur Vorbereitung im Frühling dieses Jahres ein Dutzend intensive skype Meetings. Trotz der grossen emotionalen wie technischen Distanz hätten sie via skype und mail Ideen und Übereinstimmungen für die Workshops und Präsentationen finden können. „Beim ersten Treffen in Zagreb waren wir überrascht, dass wir uns wie alte Freunde begrüssten", erzählt Karl Steffen.

Die drei Künstler planten in Zagreb und Frauenfeld Treffen mit verschiedenen Menschen, die ihnen von den Aktivitäten ihrer lokalen Gruppen berichteten. Folgende Fragen seien per Mail und Telefon gestellt worden:

•           what is the most important place in town for you / your group
•           what place would you like to be changed and in which way

„Wir dokumentierten die Gespräche und zugehörigen Orte mit Video, Foto und Audio Recording. Englisch wurde als verbindende Sprache ausgewählt - auch für die Diskussionen, was buen vivir im Hier und Heute bedeutet." In der gemeinsamen Installation im Shed im Eisenwerk könne man nun sechs Interviews, auf einer 3-Kanal-Projektion verfolgen.


Bild: Karl Steffen


Eliana Otta, Petra Mrsa und Karl Steffen sind immer noch intensiv am kommunizieren - per mail, facebook und skype. Ausserdem sind sie dabei, die Videos fürs Publizieren im Internet umzubauen und diskutieren, wie sie weiter arbeiten wollen für ihr Projekt in Südamerika. Konkret schreibt jedes Gurppenmitglied nun ein Konzept, um die Ideen eine Stufe weiterzubringen.



Karl Steffens Fazit? „Uns ist klar, dass in Bogotá und Lima „share-more" noch eine brennendere Frage ist als in Frauenfeld!"

Was bleibt? Naivität!

Aus Frankreich antwortet kurz Reto R. Müller, in dessen künstlerischem Werk die Architektur eine Referenz ist, auf unsere Fragen. Nach seiner vorgängigen Kritik an der Gleichzeitigkeit der Vernissage und der Konferenz im Kunstmuseum Thurgau habe er eben diese Augenhöhe der Ausstellung und der Konferenz als aussagekräftiges und sehr gelungenes Bild des Projektes erlebt, schreibt er. „Wir haben die Ausstellung genutzt, um über die potenzielle Fortführung des Projekts in Südamerika nachzudenken. Dies ermöglichte uns, eine Reflektionsebene zu schaffen um über das aktuelle Projekt und die Auseinandersetzung mit den thematischen Feldern zu verhandeln. Konkret haben wir zur Vernissage ein Depositkonto eröffnet und alle beteiligten Künstler eingeladen, das Budget der Produktionskosten der Ausstellung nicht im Raum zu verbauen, um damit eine potenzielle Zukunft des Projektes zu ermöglichen." Ob das Projekt in sich die Energie entwickelt habe, um weiterentwickelt zu werden, stehe aber im Raum.

Auf die Frage, welche Auswirkungen das Projekt seiner Meinung nach auf „gutes Leben" habe und wo allenfalls, antwortet Reto R. Müller mit - „Naivität".

 

Buen vivir

Das Projekt Meer teilen: share more ist inspiriert von der Sumak-Kawsay-Kultur der Völker in den südamerikanischen Anden. Diese Kultur zeichnete sich durch einen ausgeprägten zwischenmenschlichen Austausch, einen respektvollen Umgang mit der Natur sowie durch ein harmonisches Gleichgewicht zwischen materiellen und spirituellen Aspekten aus. Die Praxis des Sumak Kawsay wurde als buen vivir ins Spanische übersetzt. Die zeitgenössische Übersetzung des buen vivir-Gedankens beinhaltet eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundsätzen des Kapitalismus, ohne diesen komplett abzulehnen. Die Priorität liegt auf dem Engagement für die Gemeinschaft sowie einem respektvollen Umgang mit der Umwelt.

 

Für das Projekt unter Leitung von Harm Lux wurden bereits Ende 2015 insgesamt 18 KünstlerInnen aus Kolumbien, Kroatien, Peru und der Schweiz gebeten, sich zuerst auf lokaler Ebene auszutauschen (in Bogotá, Lima, Frauenfeld und Zagreb), um anschliessend mehrere Monate lang wöchentlich interkontinental zu skypen. Der Shed im Eisenwerk Frauenfeld unter Leitung von Katja Baumhoff diente als main hub mit begleitenden Workshops. Hier wurden auch die Resultate der Zusammenarbeit ab 13. August in einer lively construction, einer „lebendigen Konstruktion" gezeigt. Am 12. und 13. August widmete sich eine Konferenz im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen dem Konzept des buen vivir. Ein dreitägiges Videofestival vom 1. bis 3. September im Cinema Luna in Frauenfeld rundete das Programm ab. (red/pd)

 

P.S.: Das Projekt MEER TEILEN/SHARE MORE wurde von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau mit 50'000 Franken unterstützt.

***

Die letzte Möglichkeit, die Installationen des internationalen Kunst- und Kulturprojektes meer teilen im Shed im Eisenwerk Frauenfeld zu sehen:
Finissage am SAMSTAG, 8. OKTOBER 2016, 19 UHR

 

meerteilen-sharemore.wixsite.com

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