von Brigitta Hochuli, 12.09.2010
Literatur trifft Justiz

Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau lädt zum intellektuellen Hochseilakt. Zwei berühmte Dichter, ein Professor für Privatrecht, eine Strafverteidigerin und ein Präsident balancieren über dem Abgrund der SPRACHE. Das Theaterhaus Thurgau in Weinfelden war am Samstag voll besetzt, für Geselliges blieb Musse, Göttin Erato erwiesen Christoph Hartmann und Otmar Kurath die Reverenz, der Akt gelang.
Brigitta Hochuli
Am Nachmittag moderierte Stiftungspräsident und Jurist Humbert Entress zweimal anderthalb Stunden die Gespräche - zuerst zum Thema Präzision mit dem Zürcher Ordinarius Peter Breitschmid und der deutschen Schriftstellerin Brigitte Kronauer. Das zweite Thema - weniger präzise auf den Punkt gebracht - war der Inszenierung mittels Sprache gewidmet. Dieser Herausforderung stellten sich die Zürcher Rechtsanwältin Vera Delnon und der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer. Kronauer las zudem aus der Kurzgeschichte „Dri Chinisin“, Widmer unter anderem die Rollenspiele „Der Pressesprecher“ und „Der Folterer“.
Zur Präzision der Sprache:
Professor Breitschmid geht mit seinen Studenten auf Fehlersuche in der Literatur. Sie lesen Martin Suters „Small World“. Beispiele für Missverständnisse in der juristischen Argumentation gibt es zu Hauf. Was passiert, wenn der Erblasser seinen Weinkeller als Lebender verschleiernd Bibliothek genannt hat? Die Beschreibung einer Ikea-Montage ist wortlos. Gesetzestexte sind es nicht. Bei der Berfuswahl stelle sich die Frage nach der Genauigkeit, sagt der Jurist.
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Sprache verfügt weder über Gesten noch die Mittel der Malerei. Die Herausforderung der Schriftstellerin ist, den Leser trotzdem dazu zu bringen, zu spüren und zu sehen. „Auch Schweigen kann man zum Sprechen bringen.“ Pervers ist das Modewort authentisch, aber die Gesetze der Ästhetik sind streng. Literarische Texte müssen auch teleologisch sein. „Müssen sie das?“, fragen wir. „Könnte es sein, dass der Juristerei eine Utopie zugrunde liegt?“, fragt Brigitte Kronauer.
Zur Inszenierung mittels Sprache:
Vera Delnon sei eine DER Figuren, die als Strafverteidigerin zu inszenieren wüssten, sagt Humbert Entress. Sprache ist DER Ausgangspunkt in der Justiz, sagt die Figur. „Sprache wird in Schrift ge-setzt.“ In Anwendung der Gesetzgebung wird die Sprache zum Mittel der Inszenierung. Inszenierung erfordert Publikum. Beredesamkeit ohne Weisheit nützt laut Cicero nichts. Vera Delnon steht auf klassische Rhetorik. Neu heisse das Kommunikationspsychologie. „Wir reden unter anderem echobewusst.“ 93 Prozent der Rede-Wirkung erfolgt durch Stimme und Gestik, hat der Erfinder der „Familienkonferenz“ Thomas Gordon behauptet. 7 Prozent bleiben übrig für sachliche Argumente. Da hilft nur Weisheit gepaart mit Beredsamkeit.
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Urs Widmer wehrt sich dagegen, dass Juristen auf Eindeutigkeit aus seien, Literaturschaffende aber nicht. Das Grundelement der Literatur ist Ambivalenz. „Wir Dichter arbeiten bis zum Begriff hin. - Literatur muss naiv sein. - Der Naive, also der Dichter, muss, was wir sehen, interpretationsfähig machen mit einem Pathos des Lebens.“ Die Sätze inszeniert Widmer mit einprägsamer Gestik, Kollegin Kronauer nickt im Publikum. Weiter spricht Widmer vom Glück und der Lust des Schreibens, vom Sieg über die Form, von einer Sucht, von der Sprachenergie, erotisch aufgeheizt. Jetzt nickt Frau Delnon. Das sei ihr beim Verfassen von Plaidoyers auch schon passiert.

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