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von Brigitta Hochuli, 03.10.2010

Kunst für Sicherheit oder Fressen und gefressen werden

Kunst für Sicherheit oder Fressen und gefressen werden
Max Bottinis Wespen-Design für Leuchtwesten. | © kapo

Anfang Oktober hat die Verkehrssicherheit Thurgau die neuen Leuchtwesten für Schülerinnen und Schüler der zweiten Klasse bis zur dritten Oberstufe vorgestellt. Das Sujet sticht buchstäblich ins Auge! Und einem Leserbriefschreiber in den falschen Hals.

Brigitta Hochuli

Zuletzt hatte er es mit den Fischen. Am Sommerfest der Kulturstiftung Thurgau liess sich der Uesslinger Aktionskünstler Max Bottini auf ein naturgemäss schwieriges philosophisches Gespräch mit ihnen einen. Jetzt hat er 5000 neue Schüler-Leuchtwesten mit einem Wespenrücken veziert. Für ein philosophisches Gespräch mit und über Wespen hatte Bottini vor seinen Ferien leider keine Zeit mehr, doch betont er, dass es um mehr gehe als um das Motiv der Wespe.

Beitrag zum Fortbestand der Art

Gemäss Bottinis Konzept hat die Devise "Fressen oder gefressen werden" vor allem im Tierreich eine überlebenswichtige Bedeutung. Wem es gelinge, sich der Fressgier von Feinden zu entziehen, trage zum Fortbestand der eigenen Art bei. Zu diesem Zweck hätten zahlreiche Tierarten raffinierte Schutzmechanismen entwickelt. "Eine der erstaunlichsten Massnahmen, sich vor Über- oder Angriffen zu schützen, sind die Warn- und Schreckfarben", erklärt Max Bottini, der nicht nur Aktionskünstler, sondern auch Maler ist. "Meist in schrillen, kontrastierenden Farben, verbunden mit skurrilen Mustern, bedecken sie die Körper der Tiere oder Teile davon." Die Wirkung der Kombination von Form und Farbe der Motive wirke auf den Angreifer abschreckend - eine Überlebensstrategie, die das Risiko gefressen zu werden verringere und damit die Überlebenschance erhöhe.

Hoffen auf den Homo Sapiens

"Dieses faszinierende Phänomen aus dem Tierreich hat mich angeregt, das Prinzip der Warn- und Schreckfarben als Basis für die Gestaltung der Sicherheitswesten zu übernehmen und anzuwenden", so Bottini. Bei seinen Recherchen für verwendbare Schreck- und Warnmuster, sei er vorallem bei den Insekten und den Amphibien fündig geworden. Dabei habe er sich bewusst auf einheimische Tierarten beschränkt. Nun hofft der Künstler diesmal nicht auf das Philosophische im Tier, sondern im Menschen: "Was im Tierreich funktioniert, müsste eigentlich bei Homo Sapiens auch klappen! Wir werden sehen." Geplant sei jedenfalls für die nächsten fünf Jahre alljährlich ein neues Tier!

"Desorientierender Fusel"

Wenig Freude an Bottinis Wespenkonzept hat Bruno Siegenthaler, Zentralspräsident des Schweizerischen Auto- und Motorradfahrer-Verbandes, Amriswil. In beiden Thurgauer Tageszeitungen stellt er die grundätzliche Frage nach dem Nutzen der Kunst. "Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder seinen Fusel einsetzt und die Warnweste dadurch mit einem desorientierenden Outfit unwirksam macht?", schreibt der Präsident und plädiert "dringendst, auf solch irreführende und ganz und gar nicht angebrachte Veränderungen der Sicherheitswarnweste zu verzichten."

Da es unter anderem um Kunst geht, wollte thurgaukultur.ch die dringliche Forderung nicht auf sich sitzen lassen und konfrontierte damit den Mediendienst der Kantonspolizei Thurgau. Dort liess man sich inhaltlich nicht auf die Äste hinaus und betonte, wie wichtig es sei, dass die Kinder die Westen zur Unfallverhütung vermehrt trügen. Dem können wir uns, auch den Wespen zuliebe, nur anschliessen.