von Brigitta Hochuli, 18.05.2011
Kulturhauptstadt Pfyn: Bewährungsprobe bestanden

Vom 13. bis 15. Mai waren die Kulturstiftung und visarte zu Gast. Die Kulturhauptstädter Meszmer/Müller freuen sich über den beginnenden Abbau von Barrieren.
Brigitta Hochuli
Dutzende von Gästen kamen zum Sommerfest 2011. Sie hörten aufmerksam ihrer neuen Stiftungspräsidentin Claudi Rüegg zu und folgten den Anordnungen des Stiftungsbeauftragten Klaus Hersche so diszipliniert, als hätten sie eine Schulstunde zu absolvieren. Wie ein Chorleiter dirigierte er seien Schäfchen auf eine Kunst-Treppe zum Gruppenfoto, es fehlte nur der Gesang.
Video:
Claudia Rüegg hat in ihrer Rede die 20 Jahre der Stiftungsexistenz Revue passieren lassen. Ihr fällt auf, dass in allen Rechenschaftsberichten Kultur als eine Gegenwelt angesprochen werde. „Dabei habe ich das Gefühl, Kultur sei etwas ganz Normales.“ Zwar oft an Bruchstellen und unter fragilen Bedingungen tätig, seien Kulturschaffende doch ein Teil des Werkplatzes Thurgau.
Mah Meh vom Club kochender Männer
Die Kulturhauptstadt Pfyn eignet sich für solche Feste. Mit von der Partie waren nicht nur die Kuratoren des Transitorischen Museums (Alex Meszmer und Reto Müller), sondern auch der einheimische Club kochender Männer. Es gab Mah Meh. Danach standen ein Videoparcours mit Arbeiten von Domenico Billari, Samuel Dématraz, Gerber/Bardill, Catherine Gfeller, Ana Göldin, Edith Hänggi, Tom Karrer, Katherine Oggier, Ursula Palla, Susanna Perin, Sara Rohner, Guadalupe Ruiz, Anna Katharina Scheidegger, Ernst Thoma, Olga Titus, Benjamin Valenza auf dem Programm sowie ein Konzert mit den Aeronauten. (ho)
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Fragen an die Mit-Initianten der Kulturhauptstadt Pfyn, Alex Meszmer und Reto Müller, zur Bewährungsprobe und den Beschlüssen des Verbandes für visuelle Kunst, visarte. Er hat den Künstler Ai Wei Wei zum Ehrenmitglied ernannt und startet eine Petition.
Herr Meszmer, Herr Müller, Sommerfest der Kulturstiftung, Generalversammlung der visarte Schweiz. Wie hat sich die Kulturhauptstadt Pfyn am Wochenende bewährt?
Alex Meszmer und Reto Müller: Wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten und glauben, dass sie zeigen, dass Pfyn versucht hat, sich von seiner besten Seite zu präsentieren.
Was gilt es besonders hervorzuheben?
Alex Meszmer und Reto Müller: Die Organisation hat geklappt, die Trotte und das Städtli bieten ein sehr ansprechendes Ambiente, die Landfrauen, die kochenden Männer und Pfyner Gewerbe und Gastronomie haben ihr Bestes gegeben; andererseits haben Künstler mit ihren Videoarbeiten und Auftritten, das Amt für Archäologie, die visarte.ost, die visarte und die Kulturstiftung des Kantons Thurgau ebenso tatkräftig mitgeholfen - all das hat sicher zum Gelingen beigetragen.
Und das Fazit für die Funktion als Kulturhauptstadt?
Alex Meszmer und Reto Müller: Was uns vor allem wichtig ist - die Annäherung zwischen den Kulturmenschen und den Pfynern - beginnt langsam und so kann sich die Barriere abbauen, von der Claudia Rüegg in ihrer Rede zum 20-Jahr-Jubiläum der Kulturstiftung sprach: Dass Kultur immer als das Andere verstanden wird, als Gegenentwurf zum Leben und zum Alltag.
Waren Sie auch zufrieden mit der Festfreudigkeit des Thurgauer Stiftungspublikums? Zu Beginn gab es sich ja recht zahm.
Alex Meszmer und Reto Müller: Ein Fest, das langsam beginnt kann sich um so besser steigern. Es begann mit Reden und Führungen, das verlangt nach einem disziplinierten Publikum, nach Zuhörern. Auch sitzen, essen, trinken, reden sind eher ruhige Tätigkeiten - und solche Feste sind doch vor allem auch Gelegenheiten, um sich wieder einmal zu sehen und sich über das Neueste auszutauschen. Dafür haben die Aeronauten mit ihrem Auftritt das Städtli gerockt.
Tags darauf fand die Delegiertenversammlung der visarte statt. Wie lautet hier die Bilanz?
Alex Meszmer: Die visarte Schweiz ist nach einigen turbulenten Zeiten wieder auf Kurs und kann ihren Kernaufgaben nachgehen: die Vertretung der Interessen von Künstlerinnen und Künstlern auf nationaler und internationaler Ebene.
Was wurde vor diesem Hintergrund in Pfyn diskutiert?
Alex Meszmer: Es standen Informationen und Diskussionen zu Sachfragen im Vordergrund: das neue Kulturförderungsgesetz und seine Folgen, die soziale Sicherheit von Künstlerinnen und Künstlern, die Mitsprache der visarte bei der Bildung und Weiterbildung im künstlerischen Bereich, die Interessenvertretung bei Steuerfragen, Kunst am Bau (mit einem neuen Honorarvertrag), die Kommunikation dieser Informationen sowie die Mobilität von Künstlerinnen und Künstlern und ihrer Kunstwerke auf dem internationalen Kunstparkett.
Und was wurde konkret beschlossen?
Alex Meszmer: Neben anderen Dienstleistungen wird die visarte auf ihrer Webseite die Ausschreibungen für Wettbewerbe, Stipendien und Ausstellungen ausbauen und eine Petitionsplattform lancieren, um besser politisch agieren und Unterschriften sammeln zu können. In den nächsten Tagen wird dort eine Petition zur Freilassung des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei aufgeschaltet werden. Dieser wurde durch die Delegiertenversammlung per Akklamation zum Ehrenmitglied der visarte ernannt. Vielleicht war dies der wichtigste Beschluss.
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Alex Meszmer ist Vorstandsmitglied des Berufsverbandes visuelle kunst, visarte.schweiz, der mit 2500 Mitgliedern der grösste Schweizer Kulturverband unter dem Dach von Suisse Culture ist. Weitere Informationen und Links finden Sie in einem ausführlichen Interview auf thurgaukultur.ch.

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